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Die Kanzlerin geht baden

Andreas Mühe fotografierte viele Jahre die Bilder der Macht. Nun hinterfragt er die Macht der Bilder.

Blick auf die Serie "Kanzlerbungalow", die Andreas Mühe im Frühjahr fotografierte.
Blick auf die Serie "Kanzlerbungalow", die Andreas Mühe im Frühjahr fotografierte. © 360-berlin

Ist sie es? Oder ist sie es nicht? Sie sieht aus wie Angela Merkel, Statur, Haltung, Frisur. Alles passt, auch wenn man sie nur von hinten sieht. Man zweifelt. So erging es dem Fotografen Andreas Mühe mit seiner Rückenansicht der Kanzlerin. Im Botanischen Garten von Berlin fotografierte er sie „Unterm Baum“.

Diese Zweifel brachten ihn, der die Kanzlerin auf diversen Reisen als Protokollfotograf und Berichterstatter für Nachrichtenmagazine begleitete, auf eine Idee: Er schickte die Kanzlerin auf eine Deutschlandreise. Die Politikerin im Auto, nie sieht man ihr Gesicht.

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Und in jedem Bild, an jedem Ort ihrer „Deutschlandreise“ im Jahr 2013 gibt es ein Detail, das stört. Wieso steht ein einsamer Kinderwagen vorm Chemnitzer Nischel, also dem Karl-Marx-Monument, als die Kanzlerin im Auto daran vorbeifährt? Haben die Sicherheitsleute gepennt? Und wieso winken Kinder mit kleinen Deutschlandfahnen und das auch noch direkt am Autofenster? Sind die sozialistischen Winkelemente auferstanden in neuem Design?

Andreas Mühe am Dresdner Lipsiusbau, wo seine Ausstellung "Alles was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist" zu sehen ist.
Andreas Mühe am Dresdner Lipsiusbau, wo seine Ausstellung "Alles was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist" zu sehen ist. © 360-berlin

Diese Tour hat die Kanzlerin nie gemacht. Die Fotos entstanden für die Kunstzeitschrift „Monopol“, und der Zyklus heißt korrekt: „A. M. – eine Deutschlandreise“. Die Versalien A. M. finden sich auch auf den Fotos der Serie „Kanzlerbungalow“, die Mühe im März dieses Jahres aufnahm. A. M. – das kann Angela Merkel heißen, wahrscheinlicher aber ist, dass Andreas Mühe sich damit selbst meint. Die Frau, die aussieht wie Merkel, zeigt auch im Kanzlerbungalow immer ihren Rücken.

Einmal sieht man sie im Profil, aber der Schatten ist so gesetzt, dass das Gesicht nicht zweifelsfrei erkennbar ist. Sie spielt Schach am selben Tisch, an dem einst Ludwig Erhard prominent fotografiert wurde. Aber auch in dieser Serie stimmt etwas nicht. Wieso prüft die Kanzlerin, ob das Silberbesteck vollzählig ist? Warum putzt sie das Fenster? Und – um Himmels willen – warum steigt sie bei diesem Wetter in einen Pool, der alles andere als zum Baden einlädt?

Am Pool
Am Pool © Andreas Mühe

Virtuos spielt Andreas Mühe mit den Sehgewohnheiten der Betrachter. Wir sehen, was wir wissen. Wir sehen, was wir in den Nachrichten gesehen haben. Wir erkennen die Kanzlerin, obwohl er mit einem Model gearbeitet hat und obwohl die Szenen, die wie ein Abschied wirken, unwahrscheinlich, unglaubwürdig sind. Aber weil wir wissen, dass sie im September nicht mehr gewählt werden wird, denken wir freilich an Abschied.

"Unterm Baum"
"Unterm Baum" © Andreas Mühe

Der Bonner Kanzlerbungalow ist ein Museum und wird schon lange nicht mehr bewohnt. Aber als Andreas Mühe im Frühjahr dort zu arbeiten begann, kamen die Sicherheitsleute und fragten ihn: „Oh, wieso wurden wir nicht informiert, dass die Kanzlerin vor Ort ist?!“Und auch die „Deutschlandreise“ in Monopol wurde für bare Münze genommen, sodass das Kanzleramt erklären musste, dass sie nie stattgefunden hat. „In dem Kinderwagen in Chemnitz, das bin natürlich ich“, erklärt der Fotograf.

Andreas Mühe kam 1979 in Karl-Marx-Stadt zur Welt, weshalb diese Station der Deutschlandreise auch 2013 noch Karl-Marx-Stadt und nicht Chemnitz heißt. Sein Vater ist der 2007 verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe, seine Mutter die Theaterregisseurin Annegret Hahn.

Am Klavier
Am Klavier © Andreas Mühe

„Die Kanzlerin ist eine absolute Verfechterin der Kunstfreiheit“, sagt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, und sie möchte diese Ausstellung weder als Lobpreisung noch als Abgesang auf Angela Merkel verstanden wissen. In dieser Ausstellung, in der auch Fotos von Staatsreisen und aus dem Kanzlerinnenbüro zu sehen sind, geht es viel mehr um die Macht der Bilder als um Bilder der Macht.

Der Dichter Drus Grünbein fügt der Ausstellung im Dresdner Lipsiusbau Auszüge aus seinen „Oxford Lectures“ hinzu. In diesen vier Vorlesungen, die als Buch unter dem Titel „Jenseits der Literatur“ erschienen, setzt sich der Dichter mit dem fundamentalen Gegensatz zwischen dichterischer Freiheit und historischer Genauigkeit auseinander.

Unterm Baum
Unterm Baum © Andreas Mühe

Dass mitten in der „Kanzlerbungalow“-Serie ein berückend schönes Porträt von Angela Merkel hängt, macht die Verwirrung komplett. Mühe sagt: „Sie ist kein Mensch, der die Kamera liebt. Keiner Frau wurde vor allem in jungen Jahren mit Bildern so viel Unheil angetan wie Angela Merkel.“ Ein Foto, auf dem Angela Merkel in dieser Ausstellung steht und sich selbst betrachtet, wird es seiner Meinung nach nicht geben: „Dafür ist sie zu uneitel.“

Ist es die Kanzlerin oder nicht?
Ist es die Kanzlerin oder nicht? © Andreas Mühe

Mühe findet es gut, dass eine Frau Deutschland regiert, die erste überhaupt. „Von Frauen geht eine andere Besonnenheit aus“, meint er. „Wir werden noch froh sein, dass wir diese sechzehn Jahre mit Angela Merkel erleben durften.“

Die Serie „Kanzlerbungalow“ hat in Dresden Premiere. Ausgerechnet! „Weil hier so laut geschrien wurde: Merkel muss weg.“ Diese Aggressivität, die auch in der Pandemie nicht leiser wurde, bereitet Mühe Sorgen. Dennoch meint der Fotograf, der so lange so nah dran war an der Kanzlerin, dass die Zeit reif ist für einen Wechsel. „Es muss jünger und schneller gedacht werden. Wir haben die Jugend viel zu sehr vernachlässigt, nicht erst seit Corona.“

  • Ausstellung "Alles was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist." bis 29. August in der Kunsthalle im Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse in Dresden.

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