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Nie gezeigte Zeichnungen von Joseph Beuys in Dresden

85 Werke aus der Privatsammlung der Familie Beuys sind anlässlich des 100. Geburtstages des Künstlers im Residenzschloss in Dresden zu sehen.

Der Jahrhundertkünstler mit dem Filzhut wurde am 12. Mai vor 100 Jahren geboren.
Der Jahrhundertkünstler mit dem Filzhut wurde am 12. Mai vor 100 Jahren geboren. © Archivfoto: -/dpa

Von Uwe Salzbrenner

Dresden. Tiere, so wie Joseph Beuys sie zeichnet, gehören zum Kreislauf von Leben und Sterben. Tote Hirsche versinken, kaum niedergebrochen, schon im Erdreich. Robben – eigentlich Seekühe, wenn man das Maul betrachtet – könnten sich, tuschedünn, wie sie sind, in Sekundenschnelle auflösen. Der junge Elch trägt sein Geweih als Membran, der kleine Hase versteckt sich im eigenen Schatten. Berge gehören, wenn Beuys sie zeichnet, zum offengelegten und freigesprengten Gestein, zusätzlich offengelegt wird die Spannung an den Bruchlinien. Menschliche Körper sind für ihn, wenn er sie abbildet, zuweilen Hüllen, stapelbare Gefäße mit ausklappbaren Gliedmaßen.

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Massiver dagegen erscheinen die Batterien, Bienenkörbe und Honiggefäße, gemalte Ecken, die für Filz und Fett stehen, die Farbe „Braunkreuz“ als Block: nahe schon am Raumgebilde dran, am zeremoniell zusammengestellten Material. Obwohl es gar nicht sein kann, scheinen manche der plastischen Arbeiten eine Energie abzustrahlen. Oder, wie Beuys sagt, Richtkräfte zu besitzen.

85 Zeichnungen aus der Privatsammlung der Familie Beuys sind jetzt im Dresdner Kupferstich-Kabinett zu sehen, anlässlich des 100. Geburtstages des Künstlers, fast alle noch nie zuvor ausgestellt. Eigentlich sollten ursprünglich nur die „Bergzeichnungen“ gezeigt werden und ein paar Collagen mit Pflanzenteilen.

Verbeugung vor der Familie

Als die Kuratorinnen der Schau – neben Stephanie Buck und Mailena Mallach vom Kabinett auch die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann – zu Besuch bei Beuys‘ Witwe Eva gewesen sind, bekamen sie jedoch weitere Mappen und Ordner zu sehen und 120 gerahmte Werke. „Blatt um Blatt“, wie es im Ausstellungstitel heißt. Dieses private Konvolut besitzt bereits eine Ordnung nach Technik und Motiven, die das Kupferstich-Kabinett jetzt für seine Präsentation unverändert übernommen hat.

Es gibt sogar noch mehr Verbeugung vor der Familie: Da sich Eva Beuys für die Kunst der Frühneuzeit interessiert, stammen die als Geburtstagsgeschenk aus dem Bestand des Kabinetts der Schau beigefügten Werke aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Etwas von Rembrandt ist dabei, von Dürer, Schongauer, Maria Sybilla Merian. Sammler und Erben werden heutzutage von Museen umworben.

Der weltweit gefeierte Beuys – wie die Kunstsammlungen im Faltblatt schreiben: der Installations- und Aktionskünstler, Akademielehrer, politisch aktive Mensch und Kämpfer für eine andere, kreativere Gesellschaft – tritt so in den Hintergrund. Keine der erhellenden Anekdoten wird angerissen. Nicht der Flugzeugabsturz auf der Krim im Zweiten Weltkrieg, nach dem ihn angeblich Tataren mit Filz und Fett gesund gepflegt haben. Nicht die Aufnahme aller abgewiesenen Düsseldorfer Studienbewerber in seine Klasse und die Besetzung des Sekretariats der dortigen Akademie im Jahre 1972, nach der man Beuys als Professor entlässt.

Stattdessen gibt es ein paar der Zeichnungen, die er für seine Kinder Jessyka und Wenzel einst angefertigt hat, anlässlich von Urlauben auf den Seychellen oder auf Capri. Eine winzige Schildkröte sitzt da weiß auf Schwarz auf einem Mondsamenblatt.

Ein Blatt aus dem Fundus der Familie Beuys, das Joseph Beuys weder betitelte noch datierte. Zu sehen in der Schau „Linie zu Linie, Blatt um Blatt“ im Kupferstich-Kabinett.
Ein Blatt aus dem Fundus der Familie Beuys, das Joseph Beuys weder betitelte noch datierte. Zu sehen in der Schau „Linie zu Linie, Blatt um Blatt“ im Kupferstich-Kabinett. © Joseph Beuys Estate / VG Bild-Kunst, Bonn 2021, An

Auf die Aktion „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (7.000 Eichen)“ zur siebten Documenta in Kassel weist immerhin ein Stempel auf einer um Mohn- und Alpenveilchenblüte ergänzten Skizze hin. Die hat er neun Jahre zuvor angefertigt. Auch auf Karteikarte oder Packpapier klebt je ein vergilbtes Blatt. Im Privaten und im einzelnen Motiv gibt es wenig Sendungsbewusstsein und keine Meistergebärde, oft nicht einmal Titel und Datierung.

Es lässt sich aus den ausgestellten Zeichnungen leider ebenfalls nicht ablesen, wie gemeinschaftsorientiert Beuys Tiere gesehen hat, auch als Menschenbegleiter; wie für ihn Honig, Wachs und Bienen mit sozialen Prozessen zusammenhängen, die er wiederum mit Wärme assoziiert. Ein Kern seines Denkens wird so ausgespart. Selbst wie Beuys in Zeichnungen Gedanken entwickelt hat, wie hartnäckig er versucht, Intuition und Vernunft darzustellen und zu versöhnen, will sich in der Schau nicht aufdrängen. Der „Eurasienstab“ zum Beispiel, die grob skizzierte Stange mit gekrümmtem Ende, ist ohne Erklärung kein Ausgleich zwischen Ostmensch und Westmensch, ja nicht einmal mehr ein Energiewerkzeug.

Anschauung wird zur Herausforderung

Die Arbeit an Ideen zu betonen, ist freilich nicht die Absicht der Kuratorinnen. Sie wollen Besuchern einen privaten, persönlichen Zugang zu Beuys und der Familiensammlung bieten, unverstellt von Theorie. „Selber denken und schauen“, wie Beuys seinen Kindern gesagt haben soll. Wissenschaftlerinnen mit Bildungsauftrag dürften das anders sehen.

Im Kupferstich-Kabinett wird Anschauung so zur Herausforderung, sie reizt zur Spekulation: Womöglich kommt eine auf den Gedanken, die mit Bleistift gezogenen Tangenten an leeren Flecken in der Serie „words which can hear“ umschrieben kein Sprechen, sondern einen schalltoten Raum. Oder sie meint, dass es bei Beuys aktive und passive Linien gebe, schnelle und langsame, passend zu den jeweiligen Spannungen oder Entladungen. Verriebenes Graphit oder ein Farbfeld bedeuten dann einfach Wärme, schlimmstenfalls Abwärme.

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Das Kupferstich-Kabinett erhält aus der Sammlung der Familie Bastian Arbeiten von Joseph Beuys als Dauerleihgabe und eine bedeutende Schenkung.

Kann sein, einer findet heraus, wie er zur Kunst überhaupt steht. Oder was er davon hält, dass Beuys keinerlei Stil oder Finesse in seinen Zeichnungen entwickelt, was in Nachbarschaft der Altmeister natürlich auffällt. Das Wichtigste bleibt unsichtbar, wobei die Durchsichtigkeit auch Ausdruck sein kann: Kennzeichnet sie eventuell Leben und Kunst als etwas, das fester und fester wird und am Ende verknöchert?

  • Bis 17. Oktober im Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss

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