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Sieben Juwelendiebe überführt!

Die gestohlenen Schätze aus dem Grünen Gewölbe hat die Keramikerin Ute Naue-Müller nicht gefunden, aber sie hat die Diebe karikiert.

"identitätsdiebstahl" heißt diese Figurengruppe von Ute Naue-Müller. Wer klaut hier wem welche Identität?
"identitätsdiebstahl" heißt diese Figurengruppe von Ute Naue-Müller. Wer klaut hier wem welche Identität? © © by Matthias Rietschel

Die Übeltäter bevölkern das Souterrain. Da gehören sie auch hin, diese düsteren Gesellen, die die Juwelen aus dem Grünen Gewölbe gestohlen haben. Ute Naue-Müller hat den Tathergang rekonstruiert und sieben tierische Typen dingfest gemacht. Sie zeigt die maskierten Visagen nicht ohne Ironie. „Wenn ich richtig informiert bin, hat die Polizei fünf Täter erwischt. Aber es muss Hintermänner geben“, sagt die Keramikerin. So könnte es gewesen sein: Zuerst musste der Sägefisch ran an das gusseiserne Gitter am Fenster.

Im Juwelenzimmer ist der Rabe gefragt. Er haut mit seinem starken Schnabel die Vitrine zu Bruch. Die Mopsfledermaus schwebt lautlos und zielsicher hinein – und mit Klunkern an den Ohren wieder hinaus. Der Diamantrüsselkäfer meint von sich, ein Juwelen-Kenner zu sein wie das Perlhuhn auch: Was glitzert, ist meins! Dummdreist behängen sie sich mit dem, was sie zu fassen kriegen.

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Der Rabe mit seinem starken Schnabel hat die Vitrine aufgehackt.
Der Rabe mit seinem starken Schnabel hat die Vitrine aufgehackt. © Matthias Rietschel

Auch der Koboldmaki kann nicht widerstehen und heftet sich die Diamantschleife der Kurfürstin Amalie Auguste an die Brust. Gierig strahlen seine Augen, aber seine abwehrende Handbewegung will wohl sagen: Ich bin‘s nicht gewesen. Im Hintergrund wartet der Waschbär. Der findet es gar nicht cool, dass die Bande ihre Beute so zur Schau stellt. Sein Job ist es schließlich, dafür zu sorgen, dass die Weste sauber bleibt.

Der Koboldmaki macht nicht nur gierige Augen. sondern trägt auch schon die Diamanten-Brustschleife der Kurfürstin.
Der Koboldmaki macht nicht nur gierige Augen. sondern trägt auch schon die Diamanten-Brustschleife der Kurfürstin. © Matthias Rietschel

Selbstverständlich verabscheut jeder kulturvolle Mensch den Einbruch ins Grüne Gewölbe. Als es passierte, war man erschrocken, entsetzt, suchte nach Worten. „Aber meine Identität wurde mir dabei nicht gestohlen“, sagt Ute Naue-Müller. Diese Formulierung fand sie übertrieben und nennt deshalb ihre Figurengruppe ironisch „Identitätseinbruch“.

Immer wieder gern kommt die Künstlerin mit ihren Figuren menschlichen Schwächen auf die Schliche. Formt Beobachtungen, brennt Witze, glasiert Ironie. Treffend gelang ihr das auch bei der „Britischen Mutante“, einem Clown mit wirrem Blondhaar. Dass der Titel für diese Büste mehr als nur doppelbödig ist, macht ihn für manche streitbar. Aber es gibt ihn schon länger als die Virusmutation. Ausgangspunkt war lange vor Corona die Frage: Wenn Trumps Amerika die Nummer eins ist, wer ist dann die Nummer zwei in der Welt? Die sarkastische Antwort der Künstlerin kann so stehenbleiben.

Detail des Waschbären. Er ist der Saubermann unter den Gangstern.
Detail des Waschbären. Er ist der Saubermann unter den Gangstern. © Matthias Rietschel

Aber sie kann auch ganz anders, wie man im Spielzimmer und im Salon ihrer Schau sieht. Die 60-Jährige ist eine hervorragende Handwerkerin, die sich immer wieder neue Techniken aneignet und ihre Gefäße und Figuren zu sehr besonderen Objekten macht. Unikate sind sie sowieso.

"Zitterwackel" heißt diese Figur aus dünnen Porzellankärtchen.
"Zitterwackel" heißt diese Figur aus dünnen Porzellankärtchen. © Reiner Großmann

Im Spielzimmer hält sie es mit Novalis, der einst meinte: „Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall.“ Wenn er mitspielt, der Zufall, dann entstehen so fragile Objekte wie ein Turm und andere Gebilde aus dünnen Porzellankärtchen. Die hat Ute Naue-Müller bedruckt und vorsichtig gestapelt, als würde man am Kneipentisch einen Turm aus Bierdeckeln bauen. Schon das ist eine wacklige Angelegenheit. Doch Porzellan verformt sich beim Brand. „Das ist wirklich wie Zitterwackel“, sagt sie.

Wunderbare Augentäuschung: "Entfaltet". Man sieht die Falten, aber fühlt sie nicht. Die Oberfläche ist glatt.
Wunderbare Augentäuschung: "Entfaltet". Man sieht die Falten, aber fühlt sie nicht. Die Oberfläche ist glatt. © Reiner Großmann

Frau Gutsel dagegen trägt ihren großen Kopf stolz und fest auf den Füßen. Mehr Körper braucht sie nicht, um in immer wieder neuen Klamotten durch das Werk der Keramikerin zu marschieren. In ihrem 60. Lebensjahr hatte die abenteuerlustige Frau Gutsel eine Glückssträhne. Jedenfalls gewann sie nicht nur eine Reise zum Mond, die sie hier nun antritt. Frau Gutsel freute sich zum Beispiel auch über den Weißwurstheber einer Fleischerei und die Ritual-Geschenkbox „Stressless“ einer Apotheke. Leider muss das zu Hause bleiben, wenn sie der Pandemie entfleucht. Nur das gute, alte Bosch-Handy zieht sie hinter sich her ins All, denn der Mensch braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Ute Naue-Müller recherchierte für Frau Gutsel, was bei Preisausschreiben alles zu gewinnen ist. Sie fand Absurdes und Absurdestes.

Im Spielzimmer wohnen auch „Zustandspaare“. Das sind Kannen, je eine dicke und eine lange, die Charakter zeigen. Federleicht-zarte Objekte sind wie im Papiertheater inszeniert: Limoflaschen vor einer Sternenkarte: „Monade“. „Klarer – Gläschen – Blindenhund“ ist ohne Kommentar eine logische Konsequenz.

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Im Salon sind die „Ästhetlinge“ versammelt, wie Ute Naue-Müller ihre schönen Schöpfungen nennt, die meist schnell ihre Liebhaber finden. Gefäße, deren Haut an Goldstickerei erinnert. Vasen, die aussehen, als hätten sie tiefe Falten oder als seien sie Früchte. „Lotus“ und Wintergrün“, „Sommerinseln“ und „Melancholie“ heißen sie.

  • „Schatz & Scherben“ bis 10. Juli in der Dresdner Kunstausstellung Kühl, Nordstr. 5. Mi–Fr 11–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr. Midissage am 19. Juni, 14 Uhr; Finissage am 9. Juli, 19.30 Uhr. Katalog 25 Euro.

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