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Dresdens neuer Anlauf zum Weltkulturerbe

Nachdem die Waldschlößchenbrücke den Titel gekostet hat, soll ihn Hellerau zurück nach Dresden holen. Wie das gelingen kann.

Die Gartenstadt Hellerau steht nicht nicht für ihre Häuser, die Anfang des 20. Jahrhunderts als sehr modern galten. Auch sozial und kulturell stand der Stadtteil vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges für Fortschritt.
Die Gartenstadt Hellerau steht nicht nicht für ihre Häuser, die Anfang des 20. Jahrhunderts als sehr modern galten. Auch sozial und kulturell stand der Stadtteil vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges für Fortschritt. © Lothar Sprenger/PR

Dresden. Vor elf Jahren verlor Dresden den Weltkulturerbe-Titel für das Elbtal. Wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke erkannte ihn die Unesco ab. Fast genauso lange wird im Dresdner Norden versucht, den Titel zurückzuholen, allerdings für eine anderes Kulturdenkmal: Hellerau. Bislang hat das allerdings noch nicht geklappt. In einem ersten Auswahlverfahren forderte ein Fachbeirat der Kultusministerkonferenz, die Bewerbung zu überarbeiten, weiter zu schärfen und sich einer erneuten Bewertung zu stellen.

Wie ist der aktuelle Stand der Bewerbung?

Die Aussichten auf den Titel sind gut, da Hellerau bereits als Kandidat des Freistaates gesetzt ist. Im kommenden Jahr wird dann die Kultusministerkonferenz erneut entscheiden, ob Hellerau der Unesco vorgeschlagen wird. 

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Der erste Antrag, der schon jetzt mehr als 250 Seiten umfasst, wird wie gefordert überarbeitet. Dazu hat der Förderverein Weltkulturerbe Hellerau, gegründet 2012 für die Bewerbung um den Titel, in dieser Woche namhafte Wissenschaftler zu einer Diskussion in die Landeshauptstadt eingeladen, um über die Vision und den Geist des besonderen Viertels im Dresdner Norden zu sprechen. Die Veranstaltung ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Weltkulturerbe. 

Der nächste Arbeitsschritt hängt eng mit der wissenschaftlichen Diskussion, die in dieser Woche in Hellerau stattfand, zusammen: Die Forschungsbeiträge des Kolloquiums sollen nun in einer Publikation zusammengefasst und veröffentlicht werden. Diese soll als Basis für die Bewerbung genutzt werden, indem sie der Frage nachgeht, was in der Gartenstadt am Anfang des 20. Jahrhunderts kulturell Neues geschaffen wurde und wie dieses Erbe heute wiederbelebt wird. Das Kolloquium hat gezeigt, wie herausragend die Rolle des gesamten Gebäudeensembles Helleraus für die Modernisierung in Europa war.

Womit bewirbt sich Hellerau?

Für einen kurzen, aber sehr intensiven Zeitraum entwickelte sich Hellerau Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum der europäischen Avantgarde. Eine Bewegung, die auf sozialen, künstlerischen, politischen und wirtschaftlichen Fortschritt zielte – oft radikal und provozierend. Die Gartenstadt Hellerau ist nur ein Zeugnis dieser Fortschrittsidee. Karl Schmidt, damals Direktor der Deutschen Werkstätten Hellerau, legte gedanklich den Grundstein für die Siedlung. Seine Idee: Angestellte, die am Stadtrand leben, frische Luft atmen, ins Grüne schauen und zu erschwinglichen Preisen wohnen, leisten gute Arbeit. 

Das Festspielhaus Hellerau war das erste bühnenlose, offene Theater der Moderne.
Das Festspielhaus Hellerau war das erste bühnenlose, offene Theater der Moderne. © René Meinig

Zwischen 1909 und 1914 entstand die Siedlung mit rund 800 sachlich gestalteten Häusern. Hinzu kam das Hellerauer Festspielhaus, das erste bühnenlose, offene Theater der Moderne, mit einer Tanzschule, die zum Synonym des modernen europäischen Ausdruckstanzes wurde. Mit all diesen reformerischen Ansätzen – in Architektur, Wohnen und Arbeiten, Natur- und Heimatschutz – gilt der Stadtteil bis heute als Laboratorium der Moderne. Diese Einzigartigkeit verdiene den Weltkulturerbe-Titel der Unesco, findet Fritz Straub, der dem Hellerauer Förderverein vorsitzt.

Das Besondere an Hellerau: Sowohl die Gartenhäuser, als auch das Festspielhaus und die Deutschen Werkstätten werden bis heute in ihrem eigentlichen Zweck genutzt.

Wozu ist ein Welterbe-Titel gut?

Als Welterbe werden unschätzbare und unersetzliche Stätten und Denkmäler betrachtet – nicht für eine Stadt oder ein Land, sondern für die gesamte Menschheit. Oberstes Ziel bei der Aufnahme auf die Weltkulturerbe-Liste ist es, diese Stätten für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu schützen und zu erhalten. Darüber hinaus haben sich viele Welterbe-Stätten zu touristischen Anziehungspunkten entwickelt.

Warum hat es Hellerau beim ersten Mal nicht geschafft?

Erstmals kam der Gedanke 2011 auf, Hellerau zum Weltkulturerbe zu machen. Eine Interessengemeinschaft bewarb sich damals beim Freistaat Sachsen, der sich wiederum bei der Kultusministerkonferenz stark machen sollte, Hellerau als Kandidaten vorzuschlagen. Das gelang zwar, 2014 kam jedoch der Rückschlag. Damals hatte die Konferenz Hellerau entgegen aller Erwartungen nicht auf die Liste des Bundes gesetzt. 

Stattdessen riet das Komitee zu Überarbeitung und Schärfung des Konzepts. Ein Grund: Die Bekanntheit Helleraus wurde wohl überschätzt. Die Welterbekoordinatorin des Freistaates Sachsen sagte im vergangenen Jahr, der Verein müsse es außerdem noch schaffen, Verbindungen zwischen der Reformbewegung und den noch vorhandenen, architektonischen Zeugnissen wie dem Festspielhaus, dem Gebäudeensemble Deutsche Werkstätten und den Wohnhäusern samt Selbstversorgergärten herzustellen. Auch dazu wurde nun das wissenschaftliche Kolloquium veranstaltet.

Wer will noch auf die Welterbe-Liste?

Auch Meißen möchte gern auf diese Liste kommen. Der Stadtrat hatte deshalb im Januar beschlossen, die Bewerbungsunterlagen von 2012 auf aktuelle Gegebenheiten anzupassen und um neue Aspekte zu erweitern. Für Meißen liegt der thematische Schwerpunkt auf der Einzigartigkeit des Ortes und der Region im Zusammenhang mit der Erfindung des europäischen Hartporzellans. Meißen hatte es 2012 im Gegensatz zu Hellerau nicht einmal auf die sächsische Kandidatenliste geschafft.

Schon Welterbe-Stätten sind unter anderem der Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau sowie die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří. Es sind derzeit die beiden einzigen in Sachsen. Dresden hatte schon einmal einen Titel für die Elbtal-Kulturlandschaft, verlor ihn allerdings durch den Bau der Waldschlößchenbrücke.

Wer unterstützt Dresden?

Vom Freistaat Sachsen, der Hellerau bei der Kultusministerkonferenz schon einmal vorgeschlagen hatte, wird die Bewerbung bereits unterstützt. Auch auf lokaler Ebene habe das Projekt maximalen Rückhalt, sagte Straub vor wenigen Monaten. So hatte sich der Stadtrat im vergangenen Jahr zu der Bewerbung bekannt und Unterstützung zugesagt. Diese beinhaltet die Beratung seitens der Stadtverwaltung. "Mit diesen klaren Bekenntnissen setzen wir unsere Arbeit, den Weltkulturerbetitel nach Dresden zu holen, unermüdlich fort", erklärte Straub. 

An diesem Freitag betont Straub zum Abschluss des Kolloquiums, wie wichtig die Unterstützung von Stadt und Freistaat bei der Bewerbung und einem neuen Antrag ist. An der Veranstaltung hatten auch Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) sowie Sachsens oberster Denkmalschützer, der Landeskonservator Alf Furkert, teilgenommen. Das zeige Straub, dass Dresden und Sachsen das nun auch wirklich wollen. In den vergangenen Jahren habe er sich oft auf verlorenem Posten gefühlt. 

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Klepsch betonte, dass sie einen weiteren wichtigen Meilenstein, der die Bewerbung befördern könnte, in der Sanierung des Ostflügels des Festspielhauses und die Wiederherstellung der Außenanlagen sieht. Das ist derzeit auch Thema im Stadtrat.

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