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Dresdner bringen neue Musik auf Kassette heraus

„ORWO“, das zweite Album der Dresdner Band Søjus1, bietet filigrane Klänge. So zeitgemäß der Sound auch ist, verbeugt er sich doch vor alten Ritualen.

Auf der Suche nach dem perfekten Sound: Simon Arnold (l.) und Ralf Müller-Hoffmann sind das Dresdner Duo Søjus1.
Auf der Suche nach dem perfekten Sound: Simon Arnold (l.) und Ralf Müller-Hoffmann sind das Dresdner Duo Søjus1. © Frank Bessin

Von Karsten Blüthgen

Brian Eno referierte 1979 in New York über „Das Aufnahmestudio als Kompositionswerkzeug“. Dass Studios große Instrumente seien, hat der Innovator des Pop oft betont. Enos Maxime folgt auch die Dresdner Band Søjus1. „Wir spielen, experimentieren, nutzen alle möglichen Geräusche und Plug-ins. Daraus entstehen Artefakte, die Teil der Musik werden“, beschreibt Ralf Müller-Hoffmann den Prozess, dem das gerade veröffentlichte Album „ORWO“ entsprang.

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Die beiden Mitglieder von Søjus1 bilden ein Gegensatzpaar. Ralf Müller-Hoffmann beherrscht Synthesizer und Sounddesign, war unter dem Pseudonym „Sonorous“ mit House und Trance sowie als DJ international unterwegs. Simon Arnold arbeitete als Jazz-Schlagzeuger und schrieb Filmmusiken. Søjus1 startete 2015, die Synthese funktioniert. Ihr nach der Band benanntes Debütalbum klingt wie ein melancholisches Spätwerk und lässt Einflüsse von Trip-Hop bis Ambient erkennen.

Filmfabrik Wolfen lässt grüßen

„ORWO“ resultiert aus vielschichtiger Auseinandersetzung mit dem Metier Film. Beide Künstler sind mit dem Material aus der Filmfabrik Wolfen aufgewachsen. Das Cover des zweiten Albums erinnert an die Ästhetik der Acht-Millimeter-Filme. Im letzten Jahr spielte Søjus1 im Militärhistorischen Museum live zum Stummfilmklassiker „Das neue Babylon“.

Eine ganze Tour mit dem Horrorstreifen „Der Fuhrmann des Todes“ musste coronabedingt ausfallen. Der Jazzclub Tonne streamte die Live-Vertonung. Letztere gab „ORWO“ entscheidende Impulse. „Danach haben wir sämtliche Stücke komplett zerlegt und noch einmal neu betrachtet“, so Klangtüftler Müller-Hoffmann. Die Namen der neun Tracks sind Wortspiele aus vier Buchstaben, beziehen sich zugleich auf Szenen aus dem „Fuhrmann“.

Eine „cineastische Atmosphäre“ soll dieses Album erzeugen – ein Eigenanspruch, dem Søjus1 gerecht wird. „ORWO“ lässt sich ebenso als Soundtrack zu dieser merkwürdig unbefriedigenden Zeit hören. Es passt gut zu dunklen Tagen, doch bis zum Herbst wollte die Band mit der Veröffentlichung nicht warten. Streamingdienste werden scheibchenweise versorgt.

Dagegen ist in Plattenläden und auf Plattformen wie Bandcamp das komplette Album zu haben: als Download, CD, Vinyl – und als Kassette. „Sie ist als Objekt ähnlich mit einem Ritual verbunden wie die Schallplatte“, erklärt Müller-Hoffmann. „Man muss zurückspulen, um einen Titel wiederholt zu hören. Wir schätzen diese Rituale, da sie der heutigen Zeit, die von schnellem und übermäßigem Konsum geprägt ist, etwas entgegensetzen.“

Auch die Vinyl-Version wartet mit einer Besonderheit auf: Während die A-Seite der Platte technisch unauffällig bleibt, führt die Rille der B-Seite von innen nach außen. Dieser sogenannte Rückwärtsschnitt ist keine Spielerei, sondern eine Anpassung des Tonmaterials an die Spezifik des Tonträgers.

Atmosphärische Elektronik-Tracks

Die Abtastnadel fährt mit kleiner werdendem Radius immer langsamer durch die Rille. Damit werden hohe Lautstärken und hohe Frequenzen zunehmend zum Problem. Ravels „Bolero“ wäre ein klassischer Fall für die Rückwärts-Variante. Bedingung ist ein manuell bedienbarer Plattenspieler. „LYKA“, das letzte Stück der A-Seite, und „OZON“, womit die B-Seite beginnt, sind ruhig fließende, atmosphärische Elektronik-Tracks ohne Schlagzeug, was sie für die kritischsten Abschnitte der Schallplatte prädestiniert.

Ganz anders das druckvolle „BLAO“ nach dem Intro oder das abschließende, immer weiter anschwellende „PYNG“, wo jeweils filigrane Beckenklänge abzubilden waren. Ralf Müller-Hoffmann: „Das letzte Stück war für uns das wichtigste, das ganze Album arbeitet auf dieses Finale hin.“

Das Album: Søjus1, ORWO. Sojus1 Records

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