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Einmal um die ganze Welt: ein Dresdner Extremsportfilm am Elbufer

Jonas Deichmann lief, schwamm und radelte um die Welt. Markus Weinberg drehte den Film dazu: „Das Limit bin nur ich“ bei den Filmnächten am Elbufer.

Von Oliver Reinhard
 5 Min.
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© Markus Weinberg

Möchten Sie mal im Neoprenanzug die kalte Adria durchschwimmen? Oder mit vereistem Bart durch den Winter Sibiriens biken? Oder vor einen Hänger gespannt durch die mexikanische Wüste joggen? Was für die einen Albträume, sind für andere schillernde Sehnsuchtsfantasien. Etlichen Outdoor-Aktivisten sind extremsportliche Herausforderungen zur größten und manchmal auch einzigen wirklichen Leidenschaft geworden. Sie selbst nennen sie gerne „das Abenteuer“ oder gleich „mein Leben“.

So wie Jonas Deichmann, der alle drei genannten Herausforderungen und noch mehr gemeistert hat. 429 Tage nach seinem Aufbruch aus München im Jahr 2020 traf der Extremradler wieder dort ein, mit zotteligen Haaren, Zauselbart bis zu den Brustwarzen und generell einigermaßen verschratet. Mission erfüllt: Einmal um die Erde, in den Triathlon-Disziplinen Schwimmen, Laufen, Radfahren. „Das Limit bin nur ich“ heißt sein Buch darüber; von Extremsportlern gibt es gefühlt nicht eine einzige Publikation ohne das Wort „Limit“ im Titel.

Über 450 Kilometer legte Jonas Deichmann längs der adriatischen Küste zurück und zog dabei seinen schwimmenden Gepäcksack.
Über 450 Kilometer legte Jonas Deichmann längs der adriatischen Küste zurück und zog dabei seinen schwimmenden Gepäcksack. © Markus Weinberg

Sächsischer Extremsportler als Filmemacher

Ein Viertel, vielleicht ein Drittel der Reise war Deichmann unterwegs in Begleitung des Dresdner Filmemachers Markus Weinberg, Co-Autor des Buches, einstiger Radrennfahrer und Morgenpost-Journalist, Extremsportler aus einer sächsischen Bergsteigerfamilie. „Das Limit bin nur ich“ heißt auch Weinbergs Dokumentation über die triathletische Weltumrundung. Am Mittwoch stellen er und Deichmann ihren 105-Minüter bei den Filmnächten am Elbufer vor.

Kennengelernt haben sich die beiden ganz unromantisch vor drei Jahren auf der Messe Eurobike am Bodensee. „Ich wollte so nah wie möglich dabei sein, aber keinen Film über einen Spitzensportler drehen“, sagt Markus Weinberg, inzwischen über die Sachsengrenzen hinaus bekannt durch Dokus wie „Die Mission der Lifeline“ und „Heading East – Abenteuer TransOst“.

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Sieben Wochen musste Deichmann auf das Visum für Russland warten. Die Zeit verbrachte er mit Radtouren in seiner Etappe Türkei. Abhängen und Abschlaffen ging nicht.
Sieben Wochen musste Deichmann auf das Visum für Russland warten. Die Zeit verbrachte er mit Radtouren in seiner Etappe Türkei. Abhängen und Abschlaffen ging nicht. © Jonas Deichmann

Auf Russlands selbstmörderischen Straßen

„Jonas ist etwas Besonderes“, erzählt der Regisseur. „Er macht alles anders. Er lebt reduziert aufs Wesentliche, wird nicht von einem Tross betreut, schläft nicht in Hotels.“ Jedenfalls allermeistens nicht. Deichmann nächtigt, wo es sich anbietet. Unter einer Brücke an Mazedoniens Küste. Unter freiem Himmel in der moldawischen Pampa. Im Zimmer, das ihm eine ukrainische Followerin über die Sozialen Netzwerke anbietet. Auf dem Eis des Baikalsees.

So nah wie möglich dabei ist „Das Limit bin nur ich“ außer durch Weinbergs Begleiteinsätze deshalb, weil Jonas Deichmann sich immer wieder selbst filmt, im Sattel, in der Natur, im Zelt, sogar beim Schwimmen. Wenn es eng wird, wenn er etwa unerwartet mitten im Schnee keinen Schlafplatz findet oder die seitenstreifenlosen Straßen Russlands das Weiterfahren selbstmörderisch machen oder ein unerwarteter Defekt eintritt oder er sich an Lebensmitteln vergiftet, wird das selbstverständlich aufgenommen.

Im russischen Winter musste der Globetrotter oft die Straßen ohne Standspur meiden, das weiterfahren wäre lebensgefährlich gewesen.
Im russischen Winter musste der Globetrotter oft die Straßen ohne Standspur meiden, das weiterfahren wäre lebensgefährlich gewesen. © Andrej Bavchenkov

„Ich hatte ein gutes Leben. Aber ich habe nichts erlebt.“

Präzise platziert Markus Weinberg zwischen die Reisebilder Erzählungen der Eltern daheim. Jonas war als Kind kränklich und litt an Asthma, bis er das Fahrrad entdeckte und seine Biografie eine völlig andere Richtung nahm. Davon vermochte ihn auch ein top dotierter Job nicht abzuhalten. „Ich hatte ein gutes Leben“, berichtet er über die Zeit als Sales Manager. „Aber ich habe nichts erlebt.“

Irgendwann konnte Deichmann vom Extremsport leben, früh hatte er alle großen Kontinente durchquert. „Mir gingen die Herausforderungen aus“; so erklärt er die Motivation für die Weltumrundung. Dabei türmen sich ständig kleine und größere Hindernisse vor Deichmann auf. Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, ein Visum für Russland zu kriegen. Oder eine Passage von Wladiwostok in die USA oder nach Kanada – Corona macht‘s unmöglich.

Jonas Deichmann nächtigte dort, wo es passte. Einmal auch auf dem Eis des Baikalsees.
Jonas Deichmann nächtigte dort, wo es passte. Einmal auch auf dem Eis des Baikalsees. © Andrej Bavchenkov

Friert in Sibirien die Kette ein, wird draufgepullert

Ebenso regelmäßig und authentisch sind dann die Wortbeiträge des Protagonisten: „Scheiße!“ Manche Pannen sind allerdings fix behoben. Friert in Sibirien die Kette ein, wird kurzerhand draufgepullert. Jonas‘ Lebenshilfelektion für die Zuschauerinnen und Zuschauer: immer genug zu trinken mitnehmen! Aber Markus Weinbergs Aufnahmen während seiner Mitfahr-Phasen und Deichmanns Handy-Clips reichen natürlich nicht aus als Material für 100 Minuten.

Immer wieder wurden in den Ländern am Weg Kameramänner als Begleiter gechartert. „Alles in allem haben so 30 Leute an dem Film mitgewirkt“, erzählt der Regisseur. Inklusive der Menschen der Dresdner Produktionsfirma ravir Film, dem Dresdner Musiker Dan Riley, dem Dresdner Musiker und Produzenten Johannes Gerstengarbe von den Ballroom Studios ...

Mexiko war die fröhlichste Etappe der Weltumrundung. Immer wieder schlossen sich Fans an, um Jonas Deichmann ein Stück zu begleiten. Sogar ein Superheld war dabei.
Mexiko war die fröhlichste Etappe der Weltumrundung. Immer wieder schlossen sich Fans an, um Jonas Deichmann ein Stück zu begleiten. Sogar ein Superheld war dabei. © Markus Weinberg

In Mexiko über die Liebe gestolpert

Auf 150.000 Euro beläuft sich das Gesamtbudget für die aufwendige Produktion. Bei den Eigenleistungen gingen Weinberg & Co. zunächst in Vorkasse. „Um das refinanzieren und vielleicht auch ein bisschen Plus machen zu können, sind wir auf Interessenten beim Fernsehen, bei Netflix, bei anderen Videoplattformen angewiesen“, sagt der Filmemacher.

Auch die Hilfe von Sachsponsoren wie der Outdoor-Kette Globetrotter und der Sportschuhmarke ON war fundamental für das Zustandekommen des Projekts. Herzigerweise sorgt Letztere indirekt auch für eine Portion Romantik. In Mexiko lernen sich der Globetrotter und die Tochter des Label-Generalvertreters kennen. Sie laufen gemeinsam und werden lange vor der Ankunft am Atlantik ein Paar.

Ankunft in Deutschland: ein verzauselter Jonas Deichmann und sein Dresdner Begleiter, der Filmemacher Markus Weinberg.
Ankunft in Deutschland: ein verzauselter Jonas Deichmann und sein Dresdner Begleiter, der Filmemacher Markus Weinberg. © Markus Weinberg

„Ich habe kein Zuhause im klassischen Sinn“

Überhaupt, Mexiko: Nirgends sind die Menschen so fröhlich, schließen sich immer wieder derart viele Mitläufer an – darunter viele bewaffnete Polizisten –, ist Jonas Deichmann populärer. Er wird zum Dauergast in den Medien, und als er eines Morgens aufwacht, hält neben seinem Zelt ein Bus, dem eine Mariachi-Kapelle entspringt, um ihm ein Ständchen zu bringen. In Cancún dann die Trennung des Paares, vorübergehend. „Mal schauen, was so kommt“, sagt Deichmann.

„Hast du eine Frau?“, fragt ihn früher im Film ein Radler am Bosporus. „Nein“, antwortet Deichmann, „ich lebe mit meinem Fahrrad.“ Logisch, dass seine zweirädrige Partnerin einen Namen hat: „Esposa“ – „Gattin“ auf Spanisch. Man muss es wollen, so ein Leben. „Ich habe kein Zuhause im klassischen Sinn“, räumt der 35-Jährige ein. „Aber ich bin ja noch jung.“ Ohne Werbe-Schmonz lässt sich wohl festhalten: Jonas Deichmann ist wirklich draußen daheim.

Am Mittwochabend präsentieren Jonas Deichmann und Regisseur Markus Weinberg „Das Limit bin nur ich“ bei den Filmnächten am Dresdner Elbufer.