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Einfach Spitze

Was wäre die Plauener Spitze ohne die Kunstschule für Textilindustrie in Plauen? Eine Ausstellung erinnert an das Wirken, an Lehrer und Schüler.

Maschine trifft zarte Spitze. Die Farbe Blau dominiert in der Ausstellung, weil die Muster, die man 1900 zur Weltausstellung nach Paris verschickte, auf blaues Seidenpapier aufgenäht waren.
Maschine trifft zarte Spitze. Die Farbe Blau dominiert in der Ausstellung, weil die Muster, die man 1900 zur Weltausstellung nach Paris verschickte, auf blaues Seidenpapier aufgenäht waren. © SKD; David Pinzer

Wenn von Kunstschulen in Sachsen die Rede ist, denken die meisten an die altehrwürdigen Hochschulen in Dresden und Leipzig, vielleicht auch noch an Schneeberg. Aber dass es auch im vogtländischen Plauen von 1877 bis 1945 eine Kunstschule gab, ist weniger bekannt. Das Kunstgewebemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden füllt diese Bildungslücke in dieser Saison mit einer Ausstellung. Präsentiert werden die eigenen Bestände industriell gefertigter Spitzen gemeinsam mit Entwürfen und Musterzeichnungen aus dem Vogtlandmuseum Plauen, und erzählt wird die Geschichte der Plauener Kunstschule.

Die wurde gegründet, um Musterzeichner für die Herstellung von Plauener Spitzen auszubilden. Nachdem in den 1850er-Jahren die ersten Spitzen auf Maschinen produziert wurden, wuchs schlagartig auch der Bedarf an Musterzeichnungen. Direktor und einziger Lehrer war damals Richard Hofmann, der von der Dresdner Kunstgewerbeschule gekommen war. „Es war von Anfang an eine Forderung des Ministeriums, die Spitzenindustrie in die Lehre einzubeziehen“, sagt Ausstellungskuratorin Kerstin Stöver. „Deshalb wurde der Vogtländische Spitzenindustrieverein gegründet. Das hatte den Vorteil, dass man an der Schule sofort auf die Forderungen des Marktes und der Industrie reagieren konnte. Allerdings drohten künstlerische Entfaltung und Experimentieren dadurch ins Hintertreffen zu geraten.“

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Immerhin gewann die Plauener Spitze 1900 auf der Weltausstellung einen Grand Prix und wurde weltbekannt. Die Freude darüber dürfte die vorab geführten Debatten überstrahlt haben: Man hatte gestritten, wer die Muster einreicht, die Schule oder die Firma? Werden einzelne Namen der Zeichner genannt? Das und die Frage, wie modern Plauener Spitze sein darf, waren auch später häufig Streitpunkte.

Der Designer Hermann August Weizenegger entwickelte ein Spitzenmuster, das industriell als Platzdeckchen, Lampenschirm oder Kragen hergestellt werden kann.
Der Designer Hermann August Weizenegger entwickelte ein Spitzenmuster, das industriell als Platzdeckchen, Lampenschirm oder Kragen hergestellt werden kann. © SKD, David Pinzer

Hofmanns Nachfolger Albert Forkel hatte in Plauen studiert. Er kannte die Schule bestens und wollte sie reformieren, suchte internationale Kontakte und lud innovative Künstler ein. Margarete Naumann, die man gern auch am Bauhaus gehabt hätte, holte er aus Dresden. Die Erfinderin der sogenannten Margaretenspitze leitete ihre Schüler an, dreidimensional zu arbeiten und frei von allen Vorgaben kreativ zu sein. Aber die Spitzenindustrie forderte die traditionellen Muster.

In den 1930er-Jahren wurde aus der Kunstschule eine für deutsche Mode. Aber die Trends setzte Paris. „Und die Direktorin der Modeschule mochte keine Spitze“, erzählt Kerstin Stöver. Überhaupt kleideten sich die Frauen in den 30er-Jahren praktisch. Wenn sie Spitze trugen, dann dezent – oder drunter oder nachts. Ein Kleid aus jener Zeit wirkt in Schnitt und Muster überraschend modern, ein anderes wurde sogar bis vor Kurzem noch getragen. Die Schule wurde im Krieg geschlossen und bei einem Bombenangriff zerstört.

Kragen, Häubcnen, Kleid - auch zu Gardinen wurden traditionelle Plauener Spitzen vernäht.
Kragen, Häubcnen, Kleid - auch zu Gardinen wurden traditionelle Plauener Spitzen vernäht. © SKD, David Pinzer

Heute wird Plauener Spitze in diversen kleineren Firmen produziert, und junge Designer haben das Material für sich entdeckt. Magdalena Orland, die an der Hallenser Burg Giebichenstein und in Schneeberg studierte, arbeitet anders als die Altvorderen. Muster, einst von Hand gezeichnet, entwirft sie am Rechner. Aber ihre Spitze ist Handarbeit. Ein wunderbar schlichtes Brautkleid hat sie entworfen und auf den Schleier 10.000 Punkte per Hand aufgebracht. Damit bewirbt sie sich um den Sächsischen Designpreis, der am 5. Juli vergeben wird. Übrigens stellen auch die anderen Nominierten ihre Entwürfe im Kunstgewebemuseum aus.

„Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie in Plauen“ bis 8. November im Kunstgewerbemuseum Dresden im Wasserpalais von Schloss Pillnitz, geöffnet Freitag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Brautkleid mit handgefertigtem Spitzenschleier. Die junge Designerin Magdalena Orland bewirbt sich damit um den Sächsischen Designpreis.
Brautkleid mit handgefertigtem Spitzenschleier. Die junge Designerin Magdalena Orland bewirbt sich damit um den Sächsischen Designpreis. © SKD

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