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Elbdampfer-Konzert begeistert Fans

Beim Konzert für Schaufelraddampfer und Orchester geben dampfgetriebene Schiffspfeifen den Ton an. Musiker spielen auf einer schwimmenden Bühne.

Das Konzert, bei dem die Musiker auf einem Schubverband mitten in der Elbe agierten, war Höhepunkt des Programmes "Elbkarawane".
Das Konzert, bei dem die Musiker auf einem Schubverband mitten in der Elbe agierten, war Höhepunkt des Programmes "Elbkarawane". ©  Sebastian Kahnert/dpa

Von Hannah Küppers

Ein kurzer Moment der Panik, aufgeregt rufende und rennende Techniker mitten im Konzert. Ein junges Pärchen scheint von dem großen Spektakel auf der Elbe kurz vor der Dresdner Augustusbrücke gänzlich unbeeindruckt und schippert unbeirrt mit seinem Schlauchboot am Ufer entlang. Es lässt sich von der sanften Strömung der Elbe schnurstracks Richtung Kabel treiben. Jenes Kabel, das die mitten auf dem Fluss schwimmende Orchesterbühne mit der Technik am Ufer verbindet; ohne es würde das verrückte Projekt der „Elbkarawane“ nicht funktionieren würde. Denn Kabel sorgt dafür, dass die Dresdner Sinfoniker, die dort weit entfernt auf der Bühne ihr Konzert spielen, überhaupt am Ufer zu hören sind.

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Gerade noch rechtzeitig können die Techniker den Strang anheben und lassen die Paddler darunter her tauchen. Da lässt man schon mal den Schiffsverkehr auf der Elbe blockieren – und dann so etwas. Aber wer hätte schon damit gerechnet, dass einem schließlich ein kleines Schlauchboot fast den Strich durch die Rechnung macht. Zahlreiche Genehmigungen mussten eingeholt werden, um dieses Unterfangen zu ermöglichen. Therese Menzel ist die Managerin des Orchesters und musste unzählige Ämter abtelefonieren. Die meisten zeigten sich kooperativ, ließen die Wiese am Neustädter Elbufer einzäunen und mähen, auch die Filmnächte verlegten gnädigerweise ihr Programm, andere stiegen gleich mit ins Geschäft ein.

Zum Beispiel die Weiße Flotte mit ihren fünf Schaufelraddampfern, die man bat, ihr in Dresden wohlbekanntes Hupen für die Zeit des Konzerts ausnahmsweise zu unterlassen. Das ließen die Kapitäne aber nicht mit sich machen, sie wollten selbst Teil der Show werden. Schließlich bekam der Dresdner Komponist Andreas Gundlach den Auftrag, ein Werk für ein Sinfonieorchester und fünf Schaufelraddampfer zu komponieren. Eine ungewöhnliche und wahrscheinlich einzigartige Aufgabe, die sich Gundlach, der auch als Musik-Kabarettist arbeitet, nicht nehmen ließ.

Musiker der Dresdner Sinfoniker stehen während des Konzerts "Elbkarawane" auf Schaufelraddampfern und einem Schubverband vor der Kulisse der Dresdner Altstadt.
Musiker der Dresdner Sinfoniker stehen während des Konzerts "Elbkarawane" auf Schaufelraddampfern und einem Schubverband vor der Kulisse der Dresdner Altstadt. © Robert Michael/dpa

„Dass das alles geklappt hat, ist für mich ein Wunder“, sagt er direkt nach der Aufführung. „Ich bin total beseelt.“ Tatsächlich folgen nach dem kurzen Schlauchboot-Manöver keine weiteren Komplikationen. Das Orchester schwimmt auf dem Transportkahn mitten auf der Elbe, die Umrisse der Sinfoniker und ihrer Instrumente lassen sich vom Ufer aus nur erahnen. Aber die großen Lautsprecher auf dem Kahn ermöglichen es den Zuhörern, die es sich mit Picknickdecken auf der Wiese am Elbufer bequem gemacht haben, ebenso wie den spontanen Zuhörern auf der Augustusbrücke und der anderen Elbseite, dieser Welturaufführung zu lauschen. Ein Konzertsaal-Hörerlebnis ist es nicht, der Klang ziemlich blechern, aber das „technisch Bestmögliche, das wir rausholen konnten“, erklärt Gundlach.

Ob die Kapitäne der Weißen Flotte am Ende wirklich alle ihre Einsätze bekommen, im richtigen Moment ihre Rauchwolken ausstoßen und ihre durchdringenden Töne zum Besten geben, das kann sogar der Komponist im Nachhinein nicht wirklich sagen. Schließlich sei es ein Poker-Spiel gewesen, eine richtige Probe vor der Aufführung am Samstagabend gar nicht möglich. Aber die „Pufferzonen“, die er in sein Stück eingebaut hat, hätten geholfen, dass alle nicht ganz planbaren Unstimmigkeiten zwischen Orchester und Dampferpfeifen im Rahmen blieben.

Die Zuschauer, die das Stück „Vapora fortis“, großer Dampf, zum ersten Mal hören, können schließlich erst recht nicht einschätzen, welches Dampferpfeifen sich gewollt in die Orchestermusik einmischt und welches nicht. Immer wieder fällt der ein oder andere Lacher im Publikum, recht skurril klingt es schon.

Zum Abschied ein letztes Pfeifen

„Gewöhnungsbedürftig“ nennt es Hans-Werner Pohlmann, der auf der Wiese am Neustädter Elbufer in erster Reihe sitzt und mit seiner Frau gekommen ist, um sich das Spektakel anzusehen. „Wir haben es nicht bereut“, sagt er, als er nach dem Konzert seinen Campingstuhl zusammenklappt. Für ihn gehören die großen weißen Elbdampfer einfach zu Dresden, und er hält es für eine tolle Idee, dass die Weiße Flotte in das Programm eingebunden wurde. Mit dem zweiten Stück habe er zugegebenermaßen nicht viel anfangen können. „Aber es passte“, räumt er generös ein. Tatsächlich könnte das Stück, das dem ungewöhnlichen Dampferkonzert folgt, fast für dieses Event gedacht sein, auch wenn der amerikanische Komponist Michael Torke es eigentlich für die New York Philharmonic komponiert hat. Die konnten es jedoch coronabedingt nicht spielen und überließen die Uraufführung den Dresdner Sinfonikern.

Das Minimal-Music-Werk mit Jazz- und Popelementen passt perfekt zum dort auf seinem Transportkahn treibenden Orchester: Rhythmisch, leicht und an der Oberfläche harmonisch fließt es vor sich hin, wie die Elbe – und auch die Zeit. Der Zeiger auf der großen Turmuhr an der Frauenkirche schreitet voran, mit gutem Auge am anderen Ufer erkennbar, voran. Nach fast 45 Minuten, die Torkes Komposition „Being“ dauert, rutscht noch niemand unruhig auf seiner Decke hin und her.

Winkend verbschieden sich die Sinfoniker schließlich von ihrem Publikum; man kann nur hoffen, dass sie der Applaus dort auf ihrer Schwimmbühne erreicht. Auch die Starsolisten des Abends, die fünf Schaufelraddampfer, entlassen ihre Zuhörer mit einem letzten dröhnenden Pfeifen, und verschwinden hinter weißen Wolken.

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