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Filme gegen die Geschichtsvergessenheit

Ernst Hirsch zeigte anlässlich seines 85. Geburtstages bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer bewegte Bilder vom alten Dresden.

Ernst Hirsch und seine Frau Cornelia am Freitagabend auf der Tribüne der Filmnächte Dresden.
Ernst Hirsch und seine Frau Cornelia am Freitagabend auf der Tribüne der Filmnächte Dresden. © Christian Juppe

Das war ein romantischer Abend. Kaiserwetter. Der Vollmond sah auf die Dresdner Altstadt, als wolle er so richtig Stimmung machen. Der Kaiser selbst allerdings kam gar nicht. Der Schlagersänger musste vor Tagen bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer seine Konzerte absagen. Aber Ernst Hirsch war da. Was den Musiker und den Kameramann verbindet, ist die Dresdner Ehrenmedaille, die sie 2017 für ihre Verdienste um die Landeshauptstadt erhielten. Doch das war es schon an Gemeinsamkeiten. Ernst Hirsch zeigte Filme vom alten Dresden. Über 700 Gäste kamen Freitagabend, um sich die Streifen anzusehen. Als nach 22.30 Uhr auch noch die Dresden-Kulisse hinter der Leinwand satt leuchtete, wurden viele sentimental, weil Heimat so schön sein kann.

Ernst Hirsch feierte am 13. Juli im Familien- und engen Freundeskreis seinen 85. Geburtstag. Dieser Filmabend, präsentiert von der Sächsischen Zeitung, sollte sein Geschenk an die Stadt sein, die ihm sein Leben leben und vor allem überleben ließ. Im Februar 1945 stand sein Kinderzimmer im dritten Stock des Mietshauses auf der Johann-Georgen-Allee, der heutigen Lingner-Allee, in Flammen. Vom Himmel waren Bomben mitten in sein Leben gefallen. Als Achtjähriger hockte er mit den Eltern im Keller. Als das Haus brannte, rannten sie in Richtung Großer Garten, sahen auf einer Wiese eine Baubaracke. Schutz für die Nacht. Mitten in den Schlaf fielen wieder Bomben, alles taghell. Am nächsten Morgen nichts mehr da von dem, was bisher Kindheit hieß. Doch er und die Eltern lebten.

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Dieses zerstörerische Ereignis prägte Ernst Hirsch. Seit über 75 Jahren verfolgt er nunmehr mit der Kamera, wie sich seine Stadt entwickelt. Die Mutter besaß eine Agfa Movex, ein Sechzehn-Millimeter-Schmalfilm-Apparat, angetrieben von einem Federwerksmotor zum Aufziehen. Damit zog er als Junge los. Später drehte er von 1953 bis 1968 über 3.000 kurze Dokumentationen für die Aktuelle Kamera. Seit 1956 arbeitete er von Sachsen aus als Mitarbeiter für das Fernsehzentrum in Berlin, reiste 1989 nach München aus, kam 1992 zurück und arbeitete als freier Kameramann und Regisseur. Zudem sammelte er Filme, die das Dresden vor 1945 dokumentieren. Deshalb kann er das Damals noch heute zeigen. Der älteste Film, den er präsentierte, stammt aus dem Jahr 1896.Doch bei allen Rückblicken, die der 85-Jährige liefert, ist es die Zukunft, die ihn interessiert. Er wies an diesem Filmabend in einem Gespräch darauf hin, dass eine Verbindung hergestellt werden müsse zwischen dem Damals und dem Heute. All zu oft sehe er geschichtsvergessene Bauten in der Stadt, die mit diesem Ort keinen historischen Zusammenhang herstellen. Setzt er sich nun zur Ruhe? Die Antwort ist ein klares „Nein“. Hirsch arbeitet an einem Film über den letzten sächsischen König.

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