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Europa als Festung und Sehnsucht

Schwatzende Spatzen und Nächte der Spechte: Beim Festival „Literatur Jetzt!“ erobern jüngere Schriftsteller Dresdner Bühnen mit Prosa, Politik und Poesie.

Auch Antje Rávic Strubel liest jetzt in Dresden.
Auch Antje Rávic Strubel liest jetzt in Dresden. © PR

Er war brutal, er war chaotisch, und er führte zum Zusammenbruch sämtlicher ordnungsgebenden Mächte. So wird der Dreißigjährige Krieg im Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann beschrieben. Der Kampf um die Vormacht im Heiligen Römischen Reich forderte mehr Opfer als der Zweite Weltkrieg. Die Recherche, sagt der Autor, war vor allem eine Schule in Mitleid. Seine Hauptfigur ist Eulenspiegel, der Narr, der aber mehr Angst und Schrecken verbreitet als gute Laune. Das Buch stand viele Wochen an der Spitze der Bestenlisten wie schon Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“. An diesem Mittwoch eröffnet der Autor, 1975 in München geboren, das Festival „Literatur Jetzt!“ im Zentralwerk in Dresden-Pieschen.

Luxus und erotische Abenteuer

Bis zum Sonntag gibt es einen Mix aus Lyrik und Prosa, Gespräch und Lesung, Musik und Film, Witz und Aberwitz. Mit dabei ist zum Beispiel der aus Dresden stammende Schriftsteller Peter Richter. Er verwickelt zwei Paare in erotische Abenteuer. Sie spielen Ferien vor der New Yorker Luxuskulisse und bleiben doch in ihren alltäglichen Ritualen und Zwängen stecken. Der Autor liest am Sonnabend, 19 Uhr, im Zentralwerk aus seinem ironisch-hintergründigen Roman „August“.

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Daniel Kehlmann stellt in Dresden seinen Roman „Tyll“ vor.
Daniel Kehlmann stellt in Dresden seinen Roman „Tyll“ vor. © PR

Wer mehr wissen will über esoterisches Biomüsli und das Fremdgehen in der Marktwirtschaft, ist dort richtig. Für Inhaber der SZ-Card gibt es zwei Tickets zum Preis von einem.Der zwölfte Jahrgang des Festivals setzt auf junge und mitteljunge Schriftsteller, die längst raus sind aus dem Geheimtipp-Stadium. Am Donnerstag, 18 Uhr, startet im Zentralwerk der Lyrikparcours mit Martina Hefter und Nadja Küchenmeister, beide Absolventinnen des Leipziger Literaturinstituts, und Arne Rautenberg, der dort unterrichtete. In seinem jüngsten Buch „Fünfzehn Kilo Kolibri“ erfährt man manches über schwatzende Spatzen und die Nächte der Spechte. Skurriles mischt sich mit Wissenswertem über Vögel wie das Rotkehlchen. Es hat sich beim Spaghetti-Essen mit Tomatensoße bekleckert. Das geht nun nie mehr weg.

Flucht quer durch den Kontinent

Auch die Freundschaft zweier rebellischer Mädchen scheint von Dauer zu sein, die Lisa Krusche in ihrem Debütroman „Unsere anarchistischen Herzen“ beschreibt. Sie gehörte bei den Bachmann-Tagen in Klagenfurt zu den Preisträgerinnen und liest am Donnerstag, 19 Uhr, im Zentralwerk. Zwei Stunden darauf wetteifern Reporter mit ihren Texten in der Dresdner Scheune um den Beifall des Publikums.

Die Reihe erfolgreicher Autorinnen setzt sich fort mit Stefanie Sargnagel, Kirsten Fuchs und Franziska Wilhelm am Freitag, mit Ulrike Almut Sandig am Samstag und mit Antje Rávic Strubel am Sonntagvormittag. Sie stellt ihren druckfrischen Roman „Blaue Frau“ vor, der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Eine schmerzhaft-schwierige Liebesgeschichte führt aus einem Touristenort im tschechischen Riesengebirge in ein entstehendes Kulturzentrum in der Uckermark und endet nach einer Flucht quer durch den Kontinent am Tresen einer finnischen Hotelbar. Finnland ist die Schnittstelle zwischen Ost und West, heißt es im Roman. Die vielfach ausgezeichnete Potsdamer Autorin Antje Rávic Strubel zeigt Europa als Sehnsuchtsort und Festung zugleich.

Kinderbuchtausendsassa Jörg Mühle ist im Zentralwerk zu Gast.
Kinderbuchtausendsassa Jörg Mühle ist im Zentralwerk zu Gast. © penguinrandomhouse

Das Kinderprogramm des Literaturfestivals, das im vorigen Jahr zum ersten Mal stattfand, wird am Wochenende mit hochkarätigen Gästen fortgesetzt. Am Samstag gehört die Bühne zunächst jungen Dichtern ab acht. In der Poesie-Werkstatt können sie sich Tipps holen fürs Schreiben. Denk dir einen Wald, denk dir Felsen, Schluchten und die wildesten Tiere, denk dir dazu einen Fachmann fürs raue Leben – so der Rat des Autors Finn-Ole Heinrich.

Am Sonntag um 11 Uhr ist der Kinderbuchtausendsassa Jörg Mühle im Zentralwerk zu Gast mit seinem witzig-weisen Buch über Gerechtigkeit „Zwei für dich, einer für mich“. Er hat gerade die Fortsetzung seines Bestsellers „Nur noch kurz die Ohren kraulen“ herausgebracht. Damit dürften Generationen von Kleinstkindern aufwachsen.Für die etwas älteren schreibt und malt der Hamburger Torben Kuhlmann seine fantastischen Bücher über eine hochbegabte Maus. In ihrem vierten Abenteuer reist sie mit Einsteins Hilfe durch Raum und Zeit, zu erleben am Sonntag um 14.30 Uhr. Motto: Fantasie ist wichtiger als Wissen.

Die Sächsische Zeitung ist Medienpartner des Festivals. Karten und weitere Informationen gibt es hier.

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