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Filmfest Dresden: Mit Abstand, Charme und Maske

Mit einem überraschenden Sieger ging am Sonntag das 32. Dresdner Filmfest zu Ende. Und ist dem „Oscar“ weit voraus.

Das 32. Filmfest Dresden bei der feierlichen Eröffnung vor dem Kino Schauburg.
Das 32. Filmfest Dresden bei der feierlichen Eröffnung vor dem Kino Schauburg. © Olaf Berndt

Dresden. Der Satz sitzt: „Wir Juden schlagen selten zurück. Aber so ein Film ist das hier nicht.“ So ein Film, „Masel Tov Cocktail“, ist der große Gewinner des diesjährigen Filmfestes für Animations- und Kurzfilm in Dresden. Er erhielt den Publikumspreis im Nationalen Wettbewerb im Wert von 4.000 Euro sowie den mit 20.000 Euro dotierten Filmförderpreis des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus.

Dimitri, Erzähler und Protagonist des Gewinnerstreifens, ist kein aggressiver Typ. Er geht noch nicht mal bei Rot. „Noch nicht mal in Deutschland.“ Dargestellt von Alexander Wertmann, der für die Rolle für den Ophüls-Preis „Bester Schauspielnachwuchs“ nominiert wurde, lebt Dimitri zwischen Hartz IV und „Ausländern“ den Schulalltag eines sich gerade orientierenden Jugendlichen. Dimitri ist russischer Jude im Ruhrpott. Er hat seinem deutschen Mitschüler Tobias „auf die Fresse“ gehauen, weil dieser ihn verbal demütigte und bedrohte und soll sich dafür entschuldigen. Am Ende des 30-minütigen Werkes jedoch demütigt Tobias ihn erneut.

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Der Film von Akadij Khaet und Mickey Paatzsch verlässt so gleichermaßen bitter und komisch den Pfad aller Klischees und Vorstellungen über Archetypen zum Thema Antisemitismus. Da wäre es schade gewesen, ihn während dieses „Superlockdown-Festivals“, wie die charmante Programm-Moderatorin Jenni Zylka es nannte, nicht vor größerem Publikum zu zeigen.

Mikrofone nach jeder Nutzung desinfiziert

Das Fernsehen sei zwar nach wie vor ein guter Weg, Kurzfilme sichtbar zu machen, erklärte auch Alina Cyranek während ihres Vortrages „Für jeden Kurzfilm gibt es einen Weg, die Welt zu erobern“, aber natürlich brauche der Kurzfilm die Leinwand. Jedes Jahr gäbe es, so die Leipziger Filmemacherin, eine große Masse guter Arbeiten, für die die Möglichkeit der Präsentation auf einem Festival unabdingbar sei, um nicht unterzugehen. Streaming-Plattformen seien der „neue, heiße Shit“ aber ihre Erfahrungen hätten gezeigt, dass Menschen die gemeinsame Kino-Sozialisation schätzen und gerade auch während der letzten Monate etwa für Freiluft-Vorführungen bereitwillig in Spendentöpfe oder Eintrittskassen zahlten. 

Dem Team um die Festivalleiterinnen Silke Gottlebe und Anne Gaschütz mangelte es nicht an Erfindungsreichtum und schier überwältigendem Engagement, das verschobene Filmfest proppenvoll zu bestücken. Wettbewerbsprogramme ergänzten die Organisatoren um eine Retrospektive zum Wirken unabhängiger DDR-Regisseurinnen sowie Ausstellungseröffnungen im Raskolnikoff oder auch den Technischen Sammlungen. So spüren Letztere mit „Aus der Rolle gefallen“ der Arbeit der DDR-Frauen im Defa-Trickfilm nach und dröseln dabei ein kleines Weltbild auf.

Masken galt es, zumindest in den Gängen des jeweiligen Kinos, aufzubehalten. Mikrofone wurden nach jeder Nutzung desinfiziert und Gespräche Filmschaffender live als Hybrides-Event im Netz übertragen, wie etwa die „Gender Talks“, die Diversität, und Gleichberechtigung der Filmwelt diskutierten. Bereits zum 3. Mal vergab die Jury den LUCA-Filmpreis für Geschlechtergerechtigkeit, der in diesem Jahr an Henriette Rietz ging für ihre Animation „Wochenbett“. In seinem inklusiven Anspruch ist das Dresdner Filmfest übrigens den ab 2024 geltenden Regeln für „Oscar“-Nominierungen weit, weit voraus.

Streifen von Schärfe wie Humor

Mit dem übergeordneten Thema „Traumata“ und dessen Umsetzung würdigte das Filmfest 2020 nicht zuletzt den israelischen Regisseur Omer Fast. Über 2.900 Kurzfilmeinreichungen sichteten die Kuratoren in Dresden vorab. Die schließlich gezeigten Arbeiten besaßen Schärfe, großes Feingefühl, oft eine gewisse Melancholie im stets nötigen Humor

Mit „CO-VID.MP4“, einem kleinen Werk des Philosophiestudenten Gregor Petrikovic fand selbst Corona seinen Platz inmitten des Festivals. Luca Sierra tanzt darin auf den leeren Straßen Londons während der Stille des Lockdowns, als gäbe es unermessliche Anmut und Poesie innerhalb all der Corona-Verrücktheit.

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Das Filmfest bedeutete ein Wagnis, das innerhalb des Austausches von Filmfreunden kritisch begleitet wurde. Ob Gewissheit in der Erleichterung liegen wird, dass Infektionen ausblieben, werden die nächsten Tage zeigen. Mit dem thematischen Rahmen fürs kommende Jahr haben sich die Veranstalter nichtsdestotrotz einer neuen, spannenden Richtung verschrieben: 2021 steht das Programm dann unter allen denkbaren Vorzeichen des „Aktivismus“.

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