merken
PLUS Feuilleton

Gegen die Verhässlichung der Welt

Der Weltkulturerbe-Verein Hellerau befasst sich mit der Zukunft der Gartenstadt und ihrer Menschen. Eine Betrachtung.

Schwedische Gymnastik im Luftbad im Frühjahr 1913. Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Werkbund
	Sachsen e.V. (Fotograf unbekannt).
Schwedische Gymnastik im Luftbad im Frühjahr 1913. Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Werkbund Sachsen e.V. (Fotograf unbekannt). © Kurt Becker-Glauch, Bremen

Seit 2012 arbeitet der Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e. V. an der Bewerbung um den Weltkulturerbetitel. Die Aussichten sind gut, da Hellerau bereits als Kandidat des Freistaates gesetzt ist. Nun geht es um die Platzierung auf der Vorschlagsliste des Bundes. Die Entscheidung darüber steht im nächsten Jahr an. Der Förderverein führt dazu ab Mittwoch im Gebäudeensemble der Deutschen Werkstätten ein dreitägiges Kolloquium durch. Das Thema: „Hellerau, Ort der Moderne: Kontinuitäten und kontroverse Wechselwirkungen“. Dazu hier ein Gastbeitrag des Historikers Justus H. Ulbricht.

„Den allertrübsten Fleck in Deutschland“, so schrieb 1848 sichtlich frustriert der Schriftsteller Robert Prutz, „habe ich im Augenblick inne: Dresden, das Land der Kuchenfresser…“ Überträgt man dies Malmot auf die Zeit um 1900, so ist damals nahe bei „Elbflorenz“ ein Eiland der Körnerfresser entstanden. Doch es wäre unangemessen, Dresden auf Stollen und Eierschecke zu reduzieren. Und ebenso unzutreffend, die Lebensreformbewegung pauschal auf den Verzehr von geschroteten Getreidesorten festzulegen. Selbst dem Tanz-Propheten Jacques Dalcroze auf heller Au wäre es wohl schwergefallen, ein Müsli zu tanzen.

Anzeige
Tipps für die Herbstferien in Sachsen
Tipps für die Herbstferien in Sachsen

Vom 19. bis 30. Oktober sind Herbstferien in Sachsen: zwei Wochen voller Möglichkeiten, die Region zu erkunden und tolle Abenteuer zu erleben.

An welchen „Sprung“ aber hielt sich die Lebensreformbewegung, der es darum ging, gesünder zu leben (und zu essen), nachhaltiger zu bauen (und zu konsumieren), Körper, Geist und Seele rhythmisch zu vereinen, Kinder anders zu erziehen und Gebrauchsgüter schön zu machen. Diese Initiative zur Reform sämtlicher Lebensbereiche der modernen Welt verstand sich als Kulturrevolution in un-revolutionären Zeiten. Das „Fin de Siecle“ galt als Wendezeit ohne Gewissheit, wohin sich die Welt des entfalteten Kapitalismus entwickeln würde.Und wie geht es uns? Stehen wir auf den „Ruinen des Jahrhunderts“, wie der Literaturwissenschaftler Hans Mayer formulierte, auf dem Fundament unserer Zukunft – oder bereits auf den ersten Trümmern unserer Welt? Die Gestalt der Moderne, diese „schreckliche Dialektik aus Kulturschöpfung und Kulturzerstörung“ irritiert vermutlich viele von uns gerade heute.

Hellerau, dies faszinierende Projekt eines Versuchs, die bürgerlich-industrielle Welt künstlerisch zu begreifen, zu reformieren, utopisch umzudeuten – um sie letztlich zu retten –, fiel nicht vom Himmel. Auch in Dresden hatte sich gegen Ende der Gründerzeit die produktive Spannung von Reformdruck und Reformgesinnung entfaltet. So manchem Bürger schwante Böses, denn er ahnte, was der Philosoph Walter Benjamin später so formulierte: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.“

Schillers Idee von der Schönheit

Klingt das zu pessimistisch? Dann halten wir uns lieber an den Enthusiasmus, die Kraft und Kreativität derjenigen, die in Hellerau begannen, sich eine neue (Wohn-)Welt zu schaffen, Gemeinschaft zu stiften zwischen Künstlern, Arbeitern und Großbürgern und ein Großprojekt ästhetischer Erziehung zu starten gegen die Verhässlichung der Welt und des Menschen. Sie hatten Schillers Idee, dass „es die Schönheit ist, durch welche man zu Freiheit wandert“, nicht vergessen. Das Antike-Ideal der Jahrhundertwende hatte indessen mit dem „tanzenden Gott“ Dionysos, so Nietzsche, neue, wilde, gar dunkle Facetten dazugewonnen.

Apropos Gott: Der Optimismus, die Kraft und Beseeltheit manchen Künstlers und Lebensreformers sind kaum zu verstehen, wenn man deren Schöpfungen nicht als Antwort versteht auf die „transzendentale Obdachlosigkeit“ des modernen Menschen, so der ungarische Philosoph Georg Lukacs. Nietzsches viel zitiertes Diktum vom „Tode Gottes“ und uns als den „Gottesmördern“ wird selten bis zu Ende zitiert. „Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Wie trösten wir uns, wir Mörder aller Mörder?“

Du musst dein Leben ändern

Die Omnipräsenz solcher Wörter wie „Heil“, „Erlösung“, „Rettung“, „Glauben“, „Umkehr“ „Offenbarung“, „Reformation“ in der Literatur der Lebensreform wird manchmal nur als pure Redewendung verstanden. So wird verkannt, dass zur Lebensreform in säkularisierter Welt ein hohes Maß an religiösen Energien sowie der Wille zur „Selbsterlösung“ gehört. Dass man Paul Claudels „Verkündigung“ 1913 im Festspielhaus aufführte, ist ebenso kein Zufall wie das dem Festbericht vorangestellte Zitat von den „Wallfahrern“, die „glücklich die Grenze der Provinz“ [erreicht haben], „in der sie so manches Merkwürdige erfahren sollten“. Auch der Titel einer jüngeren Analyse der Reformpädagogik, „Erziehung als Erlösung“ von 2005, ist treffend gewählt. Wem heute Transzendenzerfahrungen zu hoch liegen, der kann sich an den Pragmatismus, Erfinderreichtum und Schönheitssinn des Gartenstadt-Gründers Karl Schmidt halten.

Weiterführende Artikel

Dresdens neuer Anlauf zum Weltkulturerbe

Dresdens neuer Anlauf zum Weltkulturerbe

Nachdem die Waldschlößchenbrücke den Titel gekostet hat, soll ihn Hellerau zurück nach Dresden holen. Wie das gelingen kann.

Festhalten sollten wir in jedem Fall nicht nur Erinnerungen ans legendäre Hellerau, sondern die Gartenstadt in ihrer zeitgenössischen Potenz und Präsenz mit den Deutschen Werkstätten, dem Festspielhaus, den Wohnhäusern mit Gärten und umgebender Natur. All dies muss künftig, nicht nur im übertragenen Sinn, „Weltkulturerbe“ sein. Nicht allein, weil es uns in Schönheit gefällt, sondern weil es uns daran erinnert, was Rilke im „Archaischen Torso Apollos“ erkannt hat: „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Justus H. Ulbricht ist als Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins verantwortlich für die Dresdner Hefte.

Mehr zum Thema Feuilleton