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Spektakuläre Vermeer-Ausstellung in Dresden

Rund um ein restauriertes Meisterwerk wurde in Dresden nun die bislang größte Vermeer-Ausstellung in Deutschland eröffnet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zur Eröffnung der Vermeer-Ausstellung nach Dresden gekommen. Die Schau zeigt auch das berühmte Gemälde "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster".
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zur Eröffnung der Vermeer-Ausstellung nach Dresden gekommen. Die Schau zeigt auch das berühmte Gemälde "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster". © Reuters/Pool

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Bei der Pressekonferenz platzte das Galerie-Café Algarotti schier aus den Nähten, die Damen und Herren Kritiker und Journalisten, die sich Schulter an Schulter drängten, kamen diesmal auch aus den Niederlanden, aus Japan und den USA. Die Vernissage selbst erfreute sich mit der Bundeskanzlerin hohen Besuchs. 2009 hatte Angela Merkel mit Staatsgast Obama nebenan das Grüne Gewölbe durchwandelt, diesmal kam sie, um einem Künstler und einem Event die Ehre zu erweisen: Vermeer und der bislang größten Ausstellung über ihn in Deutschland.

Das Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wurde aufwendig restauriert und ist nun in seiner Ursprungsversion zu sehen.
Das Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wurde aufwendig restauriert und ist nun in seiner Ursprungsversion zu sehen. © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsamml

Johannes Vermeer (1632-1675), auch als Jan Vermeer van Delft oder Joannis van der Meer oder Johannes Reyniersz. Vermeer bekannt, ist einer der Stars der Gemäldegalerie. Es ist Legende, dass Weltreisende vorher anrufen und fragen, ob beide Vermeers gezeigt werden, wofür sie Dresden in Ihre Route einbauen würden. Ihm ist die am Donnerstagabend eröffnete Ausstellung gewidmet, in deren Fokus das Bild „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ steht, das der Maler, Gastwirt und Kunsthändler aus Delft zwischen 1657 und 1659 geschaffen hat. Es kam 1742 aus Paris nach Dresden, eine der zahlreichen höfischen Erwerbungen jener Zeit, in der die Galerie ihre heutige Größe und Bedeutung erlangte. Es heißt, dass Kurfürst Friedrich August II. in Paris dreißig Bilder kaufen ließ und der Vermeer als Zugabe draufgelegt wurde. So viel Trubel um ein Bild, das einst nur ein kostenloser Bonus war? Nun, das Werk gehörte seither immer zu den beliebtesten in der Galerie, nur halt in einer Version, die so gar nicht von Vermeer stammte.

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Wie bereits 1979 durch Röntgenuntersuchungen bekannt wurde, hatte Vermeer die Wand rechts des Mädchens mit einem Bild im Bild versehen, dem Gemälde eines properen Cupidos. Er hat das Motiv nicht erfunden. Das Gemälde, so vermutet man, befand sich im Besitz seiner Schwiegermutter. Dank der damals weit verbreiteten „Emblem-Bücher“ war diese gängige Darstellung eines Amors mit Bogen, der Masken zertritt, allgemein bekannt. Das ist ganz didaktisch gemeint: „Wahre Liebe verlangt Aufrichtigkeit.“ Vermeer hat den Cupido mindestens viermal in seine Bilder hineingemalt, drei dieser Werke sind nun in dieser Schau vereint. Nur schemenhaft ist der Amor in „Die unterbrochene Musikstunde“ zu erkennen, das zu ähnlicher Zeit wie das Dresdner Bild entstand und jetzt aus New York ausgeliehen wurde. Eine nahezu identische Darstellung findet sich auf dem Spätwerk „Junge Dame am Virginal stehend“ von etwa 1670, das sonst in der Londoner Nationalgalerie hängt. Nur waren die anderen Bilder schon immer mit Cupido bekannt.

Beim Dresdner Bild hatte man zunächst angenommen, Vermeer selbst habe die hier recht monumental wirkende Amorfigur übermalt. Doch heute ist klar, dass die Überdeckung, dank der die Zimmerwand mit nobler graugelber Schlichtheit den ruhigen, neutralen Hintergrund des in den Brief vertieften Mädchens gebildet hatte, nicht von ihm selbst ausgeführt wurde, sondern erst nach seinem Tod entstand. Wer den Cupido verschwinden ließ und warum, wissen wir nicht. Einige Kunsthistoriker neigen nach wie vor dazu, die Komposition ohne den feisten, blonden Amor ausgewogener zu finden. Die Entscheidung, das Bild in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, ist aber nicht nur der Authentizität geschuldet. Generaldirektorin Ackermann betont den Qualitätsgewinn. Und der lässt sich nun begutachten.

„Stehende Virginalspielerin“
„Stehende Virginalspielerin“ © Gemäldegalerie Alte Meister, St

In der von Stephan Koja, Uta Neidhardt und Arthur Wheelock kuratierten Schau wird auch der Werdegang der vierjährigen Restaurierung dokumentiert. Eröffnet wird der Augenschmaus mit dem anderen berühmten Vermeer aus eigenem Bestand, „Bei der Kupplerin“ von 1656, einem von nur drei Werken, die der Maler signiert hat. Das Bild wirkt deftiger und farbintensiver als sein späteres Werk. Es ist gelungen, weitere neun Gemälde aus ganz Europa und den USA auszuleihen, die nun jeweils ein Kapitel der Ausstellung prägen. Nebenan hängen „Der Geograph“ aus dem Städel in Frankfurt am Main und im der Stadt Delft gewidmeten Saal „Die kleine Straße“ aus dem Amsterdamer Rijksmuseum. Es folgen unter anderem die „Junge Dame mit Perlenhalsband“ aus Berlin, die „Frau mit der Waage“ aus Washington, die schon erwähnte „Junge Dame am Virginal stehend“ aus London, das „Mädchen mit dem Weinglas“ aus Braunschweig und die „Briefleserin in Blau“, ebenfalls aus Amsterdam. Damit wird hier mehr als ein Viertel des schmalen Œuvres gezeigt, das derzeit auf nur 35 gesicherte Werke beziffert wird. Hinzu kommen 50 Beispiele der holländischen Genremalerei aus der betreffenden Epoche, darunter Bilder von Pieter de Hooch, Gerard Dou, Frans van Mieris und Gerard ter Borch, außerdem Druckgrafiken und Skulpturen, Porzellan und Möbel.

„Die kleine Straße“
„Die kleine Straße“ © Gemäldegalerie Alte Meister, St

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Die Schau trägt den Untertitel „Vom Innenhalten“ und ist sinnfällig in Kapitel gegliedert: „Auf dem Weg zum Genie“, „Spiegelungen der Seele“, „Wirklichkeit und Täuschung“, „Vom Stillstehen der Zeit“, „Die Sprache der Liebe“, „Botschaften des Herzens“. Höhepunkt der Ausstellung ist das „Brieflesende Mädchen“ selbst, umgeben von kostbaren Stücken des Kunstgewerbes. In Dokumentationsraum davor werden per Foto und Video die Freilegung des Cupidos und die Restaurierung des Gemäldes durch Christoph Schölzel dokumentiert. Der Teppich und die Obstschale sind malerische Delikatessen – und natürlich das blonde Mädchen mit dem kostbaren Kleid in Schwarz, Weiß und Gelb, das den ominösen Brief in Händen hält. Dank des Cupidos ist nun klar, dass es ein Liebesbrief ist. Kaum bekannt ist auch, dass Vermeer die Mädchenfigur zunächst etwas kleiner und ganz leicht vom Betrachter abgewandt konzipiert hatte. Das geteilte Spiegelbild in den Butzenscheiben des Fensters bezieht sich noch auf diese revidierte Urversion. Ein starker Effekt geht von dem schweren Vorhang aus, der einen beträchtlichen Teil des Bildes einnimmt und uns zu Beobachtern macht, von denen das Mädchen nichts ahnt. Die vielen noch vertraute alte Fassung wird mit einer „maltechnischen Kopie“ dokumentiert, , die von der Meißnerin Sabine Bendfeldt 2001 angefertigt wurde.

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