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Augusts Gold-Spielzeug kehrt in Grünes Gewölbe zurück

Das Neue Grüne Gewölbe in Dresden erhält ein Meisterwerk zurück: Das Goldene Ei. Es zeigt, wie Kurfürst August der Starke seine Abende verbrachte.

Von Luisa Zenker
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Goldenes Spielzeug aus der Schatzkammer des sächsischen Herrschers August der Starke. Es gleicht einem Überraschungs-Ei
Goldenes Spielzeug aus der Schatzkammer des sächsischen Herrschers August der Starke. Es gleicht einem Überraschungs-Ei © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Was war zuerst da, das Ei oder die Henne? Erst das Ei, dann die Henne und zum Schluss ein Ring, der an keinen Finger passt – so zumindest lautet die Antwort eines neuen Ausstellungsstücks in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Hierbei handelt es sich um ein fünf Zentimeter großes, goldenes Ei, das im Inneren voller Überraschungen steckt. Der Schokoladenhersteller Ferrero könnte blass werden vor Neid. Auch der sächsische Kurfürst August der Starke muss begeistert gewesen sein, 1705 erwarb der Monarch das Werk auf der Leipziger Ostermesse. Das Goldene Ei gehört damit zu einem der ersten Objekte der Kunstsammlung des Herrschers. Gekostet hat es so viel, wie das Jahresgehalt eines hohen Beamten zur damaligen Zeit.

Warum entscheidet sich ein Kurfürst für ein Goldenes Ei?

Solche Eier waren zu der Zeit in Mode, weiß Dirk Syndram, der ehemalige Direktor des Grünen Gewölbes. Nicht nur, weil sie ausgestellt werden konnten und Prestige demonstrierten, sondern auch, weil sie der Abendbeschäftigung dienten. „Zu der Zeit hat man nicht ferngesehen, sondern hat Eier aufgemacht, um zu kommunizieren.“ Kunstwerke am Abend mit hohen Gästen zu betrachten und gemeinsam die Symbole zu deuten – das habe als Eisbrecher gedient, um weitere strategische Gespräche über Politik und Wirtschaft zu führen.

Und interpretieren lässt sich viel in das kinderfaustgroße Ei, das man in der Mitte aufschrauben kann: Darin blickt eine dickliche goldene Henne mit emaillierten Federn hervor. Ihre stecknadelkopfkleinen Augen aus rubinroten Diamanten zeigen die Kunstfertigkeit des Herstellers, der im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist. Ort und Name des Ursprungs seien dem Museum zufolge nicht überliefert worden.

Die Kostbarkeit aus der Schatzkammer August des Starken kehrt als Dauerleihgabe an ihren Ursprungsort in die Landeshauptstadt zurück.
Die Kostbarkeit aus der Schatzkammer August des Starken kehrt als Dauerleihgabe an ihren Ursprungsort in die Landeshauptstadt zurück. © SKM
Ein Ring versteckt in einer königlichen Krone. Das lässt viel Interpretations-Spielraum.
Ein Ring versteckt in einer königlichen Krone. Das lässt viel Interpretations-Spielraum. © SKM

Doch mit der Henne endet die spielerische Knobelei nicht: Das Huhn lässt sich in der Mitte aufklappen. Darin versteckt sich eine Krone, fingerkuppen groß, bestückt mit silbrig-glitzernden Diamanten. Auf der Unterseite überrascht ein roter Siegelstein, der ein Schiff in der stürmischen See zeigt. Darüber steht in roten Lettern auf Französisch: „Constant malgre l`orage“, was übersetzt „Standhaft trotz des Sturms“ bedeutet. Also ein Rat an den Betrachter, den herrschenden Kurfürsten, der zu der Zeit genug stürmische Kriege zu bestehen hatte. Erinnert sei hier an den Großen Nordischen Krieg, der 1700 in Riga begann.

Nach Ei, Henne, Krone ist aber noch nicht Schluss. Auch die Krone hat ein kleines Versteck, darin befindet sich ein Edelstein-Ring, der laut Syndram nicht mal auf einen Kinderfinger passt.

Medienrummel im Neuen Grünen Gewölbe: Die Staatliche Kunstsammlungen Dresden erhalten Goldenes Ei Augusts des Starken als Dauerleihgabe.
Medienrummel im Neuen Grünen Gewölbe: Die Staatliche Kunstsammlungen Dresden erhalten Goldenes Ei Augusts des Starken als Dauerleihgabe. © dpa

Vom Ei zum Ring, das bietet viel Interpretationsspielraum.

Der ehemalige Direktor möchte keine Analysen vorgeben, vielmehr glaubt er, dass diese Spielereien die Herrscher faszinierten. So fand das Ei, das kein Einzelstück ist, auch Einzug in andere Herrschaftshäuser und wird nun im Kunsthistorischen Museum Wien sowie in der Königlich Dänischen Sammlung aufbewahrt. Syndram zufolge gibt es also insgesamt drei goldene Eier, die sich in Aufbau und Machart vergleichen lassen.

Das Goldene Ei des Kurfürsten ist also kein Unikat und trotzdem eine ganz besondere Rarität, die für 97 Jahre nicht in Dresden weilte. Nachdem es im Rahmen der Fürstabfindung 1924 an das Haus Wettin gelangte und von dort verkauft wurde, hat es jetzt seinen Weg wieder zurückgefunden.

„Mehr als 20 Jahre habe ich nach dem Goldenen Ei Augusts des Starken gesucht“, so Syndram. Nun hat die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung das Goldene Ei für einen niedrigen sechsstelligen Betrag erworben und als Dauerleihgabe dem Neuen Grünen Gewölbe überlassen.

Inspirationsquelle für "Eiermann" Peter Carl Fabergé

Für den aktuellen Direktor des Grünen Gewölbes Marius Winzeler spiegelt das Ei aber nicht nur die Innovationsfreude und hohe Kunstfertigkeit der Handwerker zu dieser Zeit wider. Demnach soll das Ei auch Eindruck bei dem russischen Goldschmied Peter Carl Fabergé hinterlassen haben. Der berühmte Eiermann ist bekannt für seine juwelenbesetzten Ostereier, die er für den russischen Zaren anfertigte.

Zukünftig wird das Ei im Neuen Grünen Gewölbe des Residenzschlosses ausgestellt, verschlossen in einer Vitrine. Die spielerische Knobelei bleibt somit den Besuchern nicht gegönnt. Hier könnte sich das Museum eines Videos bedienen, um die Überraschung des goldenen Spielzeugs allen Gästen zu garantieren.