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Was den neuen Chef des Grünen Gewölbes reizt

Seine Werdegang führte Marius Winzeler durch ganz Sachsen. Nun leitet er als Nachfolger von Dirk Syndram zwei Museen im Dresdner Schloss.

Marius Winzeler leitet ab 1. Oktober das Grüne Gewölbe und die Rüstkammer im Dresdner Schloss.
Marius Winzeler leitet ab 1. Oktober das Grüne Gewölbe und die Rüstkammer im Dresdner Schloss. © Havlená

Dresden. Der Schweizer Kunsthistoriker Marius Winzeler löst Dirk Syndram als Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer ab. Syndram geht nach 28 Jahren im Amt nun in den Ruhestand. Winzeler stammt aus der Schweiz und ist Sachsen seit Langem beruflich und privat verbunden.

Er ist nicht gefragt worden, ob er den Posten übernehmen will, sondern hat sich aktiv beworben. Seine Basis hat der 50-Jährige in Görlitz, pendelt aber gegenwärtig noch zwischen Görlitz, Prag und Dresden.

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SZ sprach mit ihm über seine neuen Aufgaben im Dresdner Schloss.

Herr Winzeler, seit den 1990er-Jahren arbeiten Sie in Sachsen. Was hat Sie eigentlich hierhergeführt?

Als in Dresden 1985 die Semperoper wiedereröffnet wurde, war das auch in der Schweiz ein großes Thema. Das habe ich stark wahrgenommen, denn der deutsche Osten hat mich brennend interessiert. Von meinem Vater habe ich mir zur Konfirmation eine Reise in die DDR gewünscht. Wir waren in Dresden, Leipzig, Weimar und Erfurt und fanden hier Freunde. Ab da war ich jede Ferien in Dresden. Ich war schon damals sehr kunst- und architekturinteressiert. Fasziniert haben mich diese andere Lebenswirklichkeit und die Intensität der Freundschaften, die ich aus der Schweiz so nicht kannte. Im Sommer 1990 ergab sich die Möglichkeit, beim VEB Denkmalpflege ein Praktikum zu machen. 1992 schloss sich ein siebenmonatiges Praktikum beim Landesamt für Denkmalpflege an. Seitdem bin ich Dresden sehr verbunden.

Es scheint, dass es nun lebenslänglich wird.

Ja, danach sieht es aus. Aber auch die Oberlausitz hat mich sehr geprägt auf meinem Weg. In den 90er-Jahren durfte ich in der Denkmalerfassung in Sachsen mitarbeiten und den Freistaat intensiv kennenlernen. Gern bin ich 1996 für die Landesausstellung im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau hierhergezogen. Damals habe ich – auch aus den Problemen, die es bei dieser Ausstellung gab – besonders viel gelernt für mein Leben.

Ab 1. Oktober leiten Sie zwei großartige Museen, die allerdings komplett eingerichtet sind und nur noch wenig Entwicklungspotenzial bieten. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Die Sammlungen im Schloss wurden von Dirk Syndram und seinen beiden Teams in den vergangenen Jahren nach einem großartigen Gesamtkonzept eingerichtet. Aber eine lebendige Sammlungspräsentation ist nie eine statische und auf Ewigkeiten zementierte Situation. Es gibt so immer noch einiges, was gestaltet werden will und darf und kann. Zum Beispiel werden erst in den nächsten Jahren die beiden Säle am Turmzimmer im zweiten Obergeschoss des Nordflügels vollendet. Dafür liegen natürlich Konzeptionen vor, aber ein wenig Gestaltungs- und Diskussionsspielraum bleibt auf jeden Fall! Und dann geht es darum, alle Bereiche für die Besucherinnen noch besser miteinander zu verknüpfen und dabei immer wieder für Überraschungen zu sorgen.

Wie wollen Sie mit den Sammlungen arbeiten?

Ich möchte aktiv, mit Respekt, aber ohne Tabus damit umgehen, damit weiterarbeiten, die Museen für aktuelle Fragen öffnen und versuchen, jüngere Besucherinnen und Besucher anzusprechen. Es geht nicht um mehr und mehr und mehr, sondern um eine Qualifizierung und darum, bestimmte Akzente zu setzen, zum Beispiel im Dialog mit zeitgenössischer Kunst, Blicken von außen. Auch mit anderen Sparten kann man neue Perspektiven eröffnen und übergreifende gesellschaftliche und philosophische Aspekte in den Blick nehmen wie zum Beispiel Klimakrise, Kolonialisierung oder Diversität. Ich denke, da werden wir in den Sammlungen immer genug Ansatzpunkte finden, ohne ihnen Zwang anzutun.

Wie kann man das Schloss, das vorrangig von Touristen frequentiert wird, permanent für die Sachsen attraktiv machen, die vor allem immer dann in Scharen kommen, wenn neue Bereiche eröffnet werden?

Konkrete Dinge kann ich noch nicht sagen, weil ich ja erst am 1. Oktober aktiv in diesen Prozess einsteige. Auf jeden Fall ist es immer wichtig, neue Formen der Vermittlung zu finden, gezielt Programme zu entwickeln für unterschiedliche Altersgruppen, interaktive Führungsangebote, spielerische Module. Das historische Potenzial kann noch stärker aktiviert und gleichzeitig können Kinder, junge Erwachsene und Familien noch direkter angesprochen werden. Dafür gibt es in den SKD schon Angebote und weitere Ideen. Aber es wird auch für mich eine zentrale Aufgabe sein, mich darum zu kümmern. Darin sehe ich eine grundlegende, reizvolle Herausforderung.

Gern wird behauptet, dass die Objekte in den Museen selbst die Geschichten erzählen. Was halten Sie davon?

In meiner Museumsarbeit habe ich gelernt: Die Dinge sprechen nicht von selbst. Man muss sie zum Sprechen bringen. Das ist eine Aufgabe, die sich stets neu stellt. Das macht die Arbeit so spannend. Neue Perspektiven ergeben sich durch das, was die Gesellschaft umtreibt. Insofern geht es darum, die unterschiedlichsten Geschichten aus den Exponaten herauszukitzeln, sodass sie nicht nur in Glanz und hehrem Prunk Staunen erzeugen und Ehrfurcht einflößen, sondern sie Erkenntnisse durch Überraschungen parat halten.

Ist es der richtige Weg, wenn immer mehr Museen dabei auf modernste Technik setzen?

Eindeutig ja, aber gleichzeitig bin ich der festen Überzeugung, dass man nicht alles multimedial vermitteln kann. Das allein genügt nicht, man braucht dazu vor allem Menschen, die mit Wissen, Begeisterung, Empathie und Humor die Geschichten der Objekte weitererzählen.

Für Interventionen zeitgenössischer Kunst haben die SKD mit den Werken aus der Sammlung Hoffmann wunderbares Material zur Verfügung. Werden Sie auch die im Lande lebenden Künstler einbeziehen?

Ja, auf jeden Fall. Die Sammlung Hoffmann bietet großartige Möglichkeiten der Anknüpfung. Mir ist aber zudem der Kunstfond eine liebgewordene Institution, mit der ich die Freude hatte, auch in Prag zusammenzuarbeiten. Dann bringe ich aus dem Osten des Freistaates Erfahrungen mit, da ich durch meine Arbeit in Görlitz und Zittau gut mit der Künstlerschaft vernetzt bin. Auch das große Potenzial, das wir mit den Kunsthochschulen in Sachsen haben, möchte ich gern nutzen. Aber ich will jetzt noch nicht weiter darüber sprechen, weil ich solche Projekte natürlich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Grünen Gewölbe und in der Rüstkammer entwickeln und zuerst mit ihnen besprechen werde.

In jüngster Zeit richten die Staatlichen Kunstsammlungen den Blick erfreulicherweise häufiger nach Osteuropa. Wie können Sie das unterstützen?

In die mehrjährige Kooperation der SKD mit der Prager Nationalgalerie war ich ja bereits durch meine dortige Tätigkeit involviert. Kunstschaffende aus unseren östlichen Nachbarländern werden auch künftig sehr gefragt, ein weiteres Alleinstellungsmerkmal und eine Stärke des Standortes Dresden sein. Ich sehe die Zusammenarbeit nicht nur in Form von Interventionen im Museumsrundgang. Eine Möglichkeit, das Schloss zu einem lebendigen Ort zu machen, ist es auch, Kunstschaffende einzuladen, sich kreativ mit bestimmten Themen und konkreten Räumen auseinanderzusetzen. Wie und wo man die Ergebnisse dann präsentiert, ist der nächste Schritt.

Seit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe wurde in vielerlei Hinsicht in die Sicherheit investiert. Können Sie als Direktor darauf Einfluss nehmen, wie sicher Ihre Museen sind?

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Auf jeden Fall hat die Sicherheit oberste Priorität für mich als Direktor. Ich bin mir der hohen Verantwortung bewusst und werde für die Gewährleistung optimaler Bedingungen alles in meiner Macht Stehende tun. Aber auch diesbezüglich stehen bestmögliche Vernetzung und Kommunikation, Teamarbeit, an vorderster Stelle. Deshalb werde ich selbstverständlich von Anfang an eng mit allen zuständigen Fachspezialisten zusammenarbeiten.

Das Interview führte Birgit Grimm

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