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Dresdner Kunstwerke unter dem Phrasenhammer

Die Kritik an der Umbenennung einiger Kunstwerke der SKD reißt nicht ab. Eine Petition treibt es nun sehr weit – ein Kommentar.

Lange galt „Mohr“ nicht als diskriminierend. Heute heißt Dinglingers Skulptur in der SKD- Datenbank heute „**** mit der Smaragdstufe“. Oliver Reinhardt kommentiert die Debatte darum.
Lange galt „Mohr“ nicht als diskriminierend. Heute heißt Dinglingers Skulptur in der SKD- Datenbank heute „**** mit der Smaragdstufe“. Oliver Reinhardt kommentiert die Debatte darum. © SKD

Geht es um deutsche Sprache, gehen selbsterklärten Sprachschützern gerne mal die Pferde durch. Das belegt aktuell eine Petition, die sich gegen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) richtet beziehungsweise gegen die Umbenennung einiger Kunstwerke. Darin ist die Rede von „sprach-ideologischen Reinigungsprozessen“, von „Sprach-Totalitarismus“ sowie von „Manipulation des Denkens“ durch „Manipulation der Sprache“.

Diesen rhetorischen Schaum schlägt Torsten Küllig, Vorstandsmitglied der Freien Wähler in Dresden. In seiner Online-Petition fordert der Ministerialbeamte „die Rückbenennung der 143 Dresdner Kunstobjekte“. Die sind seit Anfang des Jahres umbenannt worden als Ergebnis einer Recherche in der SKD-Datenbank Daphne. Deren Ziel ist die Überprüfung von Werknamen „auf rassistische oder anderweitig diskriminierende Begriffe oder Inhalte“.

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Kurz und schmerzlos: "Madonna" statt „Zigeunermadonna“

Seither wurden in den Titeln betroffener Werke einige Worte getilgt und teils durch andere ersetzt, elf Begriffe durch Sternchen. So heißt die „Zigeunermadonna“ nun „Madonna mit stehendem Kind“ und der „Mohr mit der Smaragdstufe“ inzwischen „**** mit der Smaragdstufe“. Die „Negertänzerin“ wurde „Tänzerin“, der „Kopf eines Eskimos“ der „eines Inuit“.

Torsten Küllig hebt diesen „Identitätsraub“ auf eine Verbrechens-Ebene mit dem „Kunstraub“ im Grünen Gewölbe. Und weil irgendwas mit Diktatur stets gut zieht, bemüht er auch die DDR zum versuchten Totschlags-Vergleich herbei: „Wir kennen diese ganze Umbenennungen von Straßen und so weiter aus der DDR.“ Welche Identität und warum diese geraubt wird durch die Umbenennung von 0,01 Prozent der 1,5 Millionen SKD-Objekte, wäre allerdings noch zu klären.

Aufgeklärtere Zeiten - aufgeklärtere Sprach-Sensibilitäten

Zumal keine Original-Titel verändert werden, sondern nur Namen, die den Werken erst im Nachhinein von Museumsleuten, Sammlern oder Händlern verliehen worden sind. SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann hatte dazu in der SZ geschrieben: Im „spezifischen Sprachgebrauch einer Zeit“ hätten auch „unreflektiert Begriffe“ Eingang gefunden, die damals zwar nicht, aber mittlerweile sehr wohl als eindeutig rassistisch oder diskriminierend bewertet würden. Auch und gerade von Betroffenen, deren Meinung dazu über Jahrhunderte hinweg indes niemanden interessiert hatte.

Wo die Künstler selbst ihren Werken konkrete Namen gegeben haben, die bis heute gebräuchlich sind, bleiben diese erhalten – mit dem Hinweis „historischer Titel“. Die ganze Verfahrensweise entspricht einem Prozedere, das inzwischen in vielen Museen Deutschlands Anwendung findet.

Identitätstrunken und vulgärpopulistisch

Man kann das im Detail durchaus kritisieren und etwa fragen, warum in der SKD-Datenbank auch ein „Dunkelhäutiger Mann im Anzug“ unbedingt zum „Mann im Anzug“ werden und sogar der „Bastard-Spitzhund“ nun „Spitzmischlingshund“ heißen muss. Doch wer sich wirklich um Sprache sorgt, geht mit ihr auch beim Äußern von Kritik verantwortungsvoll um, statt identitätstrunken den vulgärpopulistischen Phrasenhammer zu schwingen.

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Die Staatlichen Kunstsammlungen haben die Namen von 143 Kunstwerken geändert. Dagegen regt sich Widerstand, von "Identitätsraub" ist die Rede.

Obendrein begründet Petent Küllig sein Anliegen mit kuriosen Aussagen. So ist die Behauptung „Ohne sich bei den Sachsen, also den Eigentümern, für so einen weitreichenden Eingriff die Zustimmung einzuholen, fehlt der Museumsleitung schlichtweg jedwedes Mandat“ schlichtweg sachlicher Unfug. Und wer Dinge sagt wie „Eingriffe in die Sprachgestaltung sind grundsätzlich autoritären Regimen zuzuschreiben und von Demokraten klar abzulehnen“, hat offenkundig auch jegliches Angebot zur Wissenserweiterung über Rechtschreibreformen oder die Sprachwandel-Kanonisierungen der Duden-Redaktion klar abgelehnt. (Mitarbeit: Andreas Weller)

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