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Ein Leben für die Schatzkunst

Der Einbruch ins Grüne Gewölbe war sein schrecklichstes Erlebnis: Museumsdirektor Dirk Syndram prägt die Ausstellungen im Schloss. Bald hört er auf - ein Rückblick.

Dirk Syndram am Eckkabinett im Pretiosensaal des Historischen Grünen Gewölbes
Dirk Syndram am Eckkabinett im Pretiosensaal des Historischen Grünen Gewölbes © Thomas Kretschel

Vor 28 Jahren kam Dirk Syndram aus Bielefeld nach Dresden an die Staatlichen Kunstsammlungen und wurde Direktor des Grünen des Grünen Gewölbes. Als das Schatzkammermuseum eingerichtet war, übernahm er auch die Leitung der Rüstkammer und kümmerte sich mit seinen Teams um die Konzeption der Dauerausstellungen im Dresdner Schloss von der Türckischen Cammer über den Riesensaal bis zu den Paraderäumen. Der Einbruch ins Historische Grüne Gewölbe lässt ihn nicht los.

Herr Syndram, Sie haben zahlreiche Bücher, Katalogtexte und Aufsätze über August den Starken und die Schätze des Grünen Gewölbes geschrieben. Warum nun mit dem „Traum des Königs“ noch eins?

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Es gibt einen Anfang und ein Ende. 1994 erschien bei Koehler & Amelang das Buch „Prunkstücke des Grünen Gewölbes“ und ein Führer durch die Ausstellung im Albertinum, die damals ja noch das Grüne Gewölbe meines Vorgängers Joachim Menzhausen war. Von ihm habe ich viel gelernt. Damals habe ich geschrieben, dass es ein Museum für Kunsthandwerk sei. Inzwischen nenne ich es Schatzkunstmuseum. Die Schatzkunst ist eine eigene Gattung, und sie ist natürlich Repräsentationskultur in Vollendung. Der Begriff der Schatzkunst ist mittlerweile etabliert. „Der Traum des Königs“ erscheint im Sandstein Verlag und ist ein Resümee. Wenn ich mit Gästen durchs Grüne Gewölbe gehe, erzähle ich ihnen auch Geschichten. Die sind nun in diesem Buch konserviert. Insofern konserviere ich mich damit selbst.

Staatsbesuch in der Schatzkammer: Angela Merkel und Barack Obama
Staatsbesuch in der Schatzkammer: Angela Merkel und Barack Obama © dpa/Ralf Hirschberger

Wollen Sie Ihre Laufbahn an den Staatlichen Kunstsammlungen beenden?

Ende August verlasse ich die Staatlichen Kunstsammlungen. Ich wäre gern noch geblieben, aber die Entscheidung ist richtig, auch wenn ich mich mit 65 fühle, als wäre ich 40. Wenn ich Post von der Rentenversicherung bekomme, denke ich, die meinen einen anderen. Ich habe in den 28 Jahren an den Staatlichen Kunstsammlungen Kompetenzen entwickelt, die ich auch weiterhin einsetzen kann. Falls jemand ein Museum eingerichtet bekommen möchte: Ich stehe zur Verfügung. Ich werde mich selbstständig machen. Eine Gartensparte kommt für mich nicht infrage.

Als 37-Jähriger kamen Sie nach Dresden und gleich ans Grüne Gewölbe. War es Ihr Lebensplan, der dienstälteste Museumsdirektor an den SKD zu werden?

Das war damals schon ein wenig abenteuerlich. Ich hatte mich als Direktor des Kunstgewerbemuseums beworben. Der damalige Generaldirektor Werner Schmidt sagte mir am Telefon, dass meine Bewerbung zwar abgelehnt worden sei, ich aber sofort zum Vorstellungsgespräch nach Dresden kommen soll.

Das große Dreimastzelt in der Türckischen Cammer misst 20 Meter.
Das große Dreimastzelt in der Türckischen Cammer misst 20 Meter. © SKD/Brandt

Mit Verlaub, das kling absurd!

In der Tat. In dem Gespräch wurde ich dann gefragt, ob ich das Historische Museum, das damals im Ostflügel der Sempergalerie untergebracht war, leiten möchte. Ich habe abgelehnt, weil ich ein Problem mit Waffen habe. Schließlich bot man mir das Grüne Gewölbe an.

Mit der Option, die Rückkehr der Schatzkammer ins Schloss zu vollziehen ...

Das Erste, was ich lernte, war Geduld zu haben. Es dauerte dann doch etwas länger, bis 2006. Ich wollte die Objekte nicht so komprimiert in den historischen Gewölberäumen ausstellen wie in früheren Jahrhunderten. So wurde die Idee der zwei Ausstellungen, des Neuen und des Historischen Grünen Gewölbes geboren. Das haben wir ausgewogen hinbekommen, und die SKD sind zufrieden, weil sie mit zwei Eintrittskarten mehr verdienen. Vieles, was wir in den Jahren 2006 bis 2013 in anderen Museen der SKD ankaufen konnten, wurde mithilfe des Grünen Gewölbes finanziert. Das finde ich richtig, denn wir sind für alle da. Jedes Museum hat eine gleichberechtigte Stimme, hier werden keine Fronten aufgemacht, und das kollegiale Miteinander ist gut organisiert.

Wann und warum haben Sie Ihre Haltung zu Waffen geändert? Schließlich übernahmen Sie auch die Leitung der Rüstkammer.

Verändert habe ich meine Haltung zu den Objekten der Rüstkammer. Denn das sind keine Waffen, sondern großartige Symbole fürstlicher Repräsentation.

August der Starke zahlte für den Grünen Diamanten 400.000 Taler.
August der Starke zahlte für den Grünen Diamanten 400.000 Taler. © Ronald Bonß

Es war eine finanzpolitische Entscheidung, Museumsverwaltungen innerhalb der SKD zu fusionieren.

War es für Sie der richtige Entschluss?

Wenn ich die Verantwortung für die Rüstkammer und das Schloss nicht bekommen hätte, wäre ich längst nicht mehr in Dresden. Diese Herausforderungen wurden mir auf den Rücken gepackt, aber es ist geglückt. Die Ausstellungen im Schloss sind so geworden, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Zusammen mit meinem Team haben wir schon im Neuen Grünen Gewölbe Präsentationen gefunden, die mittlerweile typisch für das Residenzschloss sind: Das Objekt wird in den Mittelpunkt gestellt und so präsentiert, dass es Geschichten erzählen kann und Zusammenhänge klar werden. Staatskapellenchef Christian Thielemann sagte neulich, dass er die Präsentationen im Schloss wie eine Oper empfindet. Es gibt verschiedene Akte, und es ist Musik drin. So bedeutende Häuser wie das Rijksmuseum Amsterdam, die Kunstkammer Wien oder das British Museum London machen uns das nach mit doppelt entspiegelten Vitrinen, hervorragender Klimatisierung ...

War auch die Sicherheit auf dem besten, dem modernsten Stand?

Ich hielt das Schloss für sicher. Inzwischen wurden die Sicherheitskonzepte für das Schloss und für andere Museen der SKD überarbeitet. Wir haben jetzt sogar einen Kriminalhauptkommissar im Haus, der uns berät. Der Einbruch ins Grüne Gewölbe war das schrecklichste Erlebnis in meinem Leben. Das tut immer noch jeden Tag weh, das hört nicht auf. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass so etwas passiert.

Ross und Reiter in voller Montur im Riesensaal des Schlosses
Ross und Reiter in voller Montur im Riesensaal des Schlosses © Ronald Bonß

Verdächtige wurden inhaftiert, aber die Juwelen bleiben verschwunden. Gibt es eine Chance, dass die Stücke noch existieren?

Ich weiß es nicht. Der Einbruch war so brutal wie sinnlos. Die Juwelen mit den Schliffen des 18. Jahrhunderts sind nicht verkäuflich und so klein, dass nicht viel übrig bleibt, wenn man sie neu schleift. Das Silber, in dem sie gefasst waren, wird den Dieben nicht viel einbringen. Die materielle Verwertung lässt sich nicht damit vergleichen, was eine 100 Kilo schwere Goldmünze einbringt.

War es Bandenrivalität nach dem Motto: Wer macht den spektakuläreren Bruch? Oder will dieser arabische Clan dem Westen zeigen, dass man die hiesige Kultur nicht respektiert?

Es war auf jeden Fall eine völlig sinnlose Aktion. Diese Diebe haben keinen Respekt vor nichts, und gebildet sind sie auch nicht, sonst wüssten sie, dass die Objekte unverkäuflich sind.

Das wissen auch viele Kulturinteressierte nicht. Werden die digitalen Formate, die in der Pandemie entwickelt wurden, dazu beitragen, junge Leute fürs Museum zu begeistern?

Da habe ich Zweifel. Wir haben den Ehrgeiz, in der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen so beliebt zu sein wie Netflix. Es ist aber schon eine Herausforderung, die 35- bis 85-Jährigen ins Museum zu bekommen und ihnen ein positives Erlebnis zu bieten. Wichtig und gut finde ich, sehr früh damit anzufangen, wie wir das mit der Kinderbiennale tun. Und ich plädiere für das außerschulische Lernen im Museum. Ob mit der Schule oder mit den Großeltern – an ihren ersten Besuch im Grünen Gewölbe erinnern sich viele Erwachsene. Wie sie zum ersten Mal den Kirschkern sahen oder den Hofstaat des Großmoguls – das ist der Initiationsritus in Sachsen.

Wahrhaft „Kurfürstliche Garderobe“ ist dieser „Landschaftsmantel“.
Wahrhaft „Kurfürstliche Garderobe“ ist dieser „Landschaftsmantel“. © SKD/Krass

Gehen Ihre beiden erwachsenen Töchter gern ins Museum?

Ja, natürlich. Aber das ist kein Wunder, sie sind ja von ihren Eltern verdorben.

Werden Sie Dresden verlassen?

Nein, Dresden ist meine Heimat. Aber ich werde künftig öfter in Wien sein, wo meine Frau lebt. Seit Corona ist Wien sehr, sehr weit weg, und das tut weh.

Verraten Sie uns, was die Häkelblume an Ihrem Revers bedeutet?

Ich finde sie schön und trage sie statt einer Krawatte.

Wer häkelt sie?

Das weiß ich nicht, ich kaufe sie im Herrenausstatter. Inzwischen ist das so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, denn an der Blume werde ich sogar mit Maske erkannt.

Das Gespräch führte Birgit Grimm.

Das Buch „Der Traum des Königs“ erschien im Sandstein Verlag und kostet 28 Euro

Das Audienzgemach des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen
Das Audienzgemach des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen © SKD

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