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Sachsens Herz und Sachsens Schmerz

Die geraubten „Kronjuwelen“ stiften nur dann eine gesunde Identität, wenn man es damit nicht übertreibt und sie nicht ins Groteske verzerrt.

Braucht sächsische Identität zwangsläufig imperialen Glanz? Wenn zum Beispiel im Dresdner Schloss neue Räume eröffnet werden, wie im September 2019 die aufwendig wiederhergerichteten Paradegemächer, dann ist der Besucheransturm garantiert.
Braucht sächsische Identität zwangsläufig imperialen Glanz? Wenn zum Beispiel im Dresdner Schloss neue Räume eröffnet werden, wie im September 2019 die aufwendig wiederhergerichteten Paradegemächer, dann ist der Besucheransturm garantiert. © Matthias Rietschel

Als vor einem Jahr Diebe ins Dresdner Grüne Gewölbe einbrachen und Teile von drei barocken Prunkgarnituren stahlen, erbeuteten sie nicht nur materiell wertvollen und in seinem kunsthistorischen Wert unschätzbaren Schmuck. Sondern, wie vielfach zu hören und zu lesen war, „das Herz Sachsens“ selbst. Wie immer, wenn Menschen, Städte oder Nationen große Verluste erleiden, gingen die Versuche, diesen Schmerz in Worte zu fassen, mitunter sehr weit.

So deutete Sachsens Innenminister Wöller den Einbruch als einen „Anschlag auf die kulturelle Identität der Sachsen“. Ministerpräsident Kretschmer stellte fest: „Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern auch wir Sachsen.“ Kulturstaatsministerin Monika Grütters bewertete die Juwelen sogar als „Teil unserer nationalen Identität als Kulturnation“.

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Wie leicht man den Diebstahl politisch instrumentalisieren kann, zeigte das konservative Magazin Cicero: „Die beiden Diebe haben sich an etwas vergriffen, von dem wir sonst landauf landab hören, dass es das gar nicht gäbe, nicht geben dürfe – an der kulturellen Identität unseres Landes.“ Diese Deutungen liefern schimmernde Beispiele dafür, was man als „Konstruktion von Identität“ bezeichnet und was besonders verbreitet ist unter Menschen, in Städten und Ländern, die ein großes Bedürfnis nach Verortung ihres eigenen kulturellen und historischen Selbstverständnisses haben.

Zum Hören: "Spurensicherung", der Crime-Podcast von Sächsische.de, beschäftigt sich aktuell mit dem Juwelenraub; in dieser Episode mit der Sicherheit im Grünen Gewölbe.

Solidarität in aller Welt

Interessanterweise dienen Kunst- und Kulturschätze wie die sächsischen „Kronjuwelen“ immer dann ganz besonders als Identitätsstifter, wenn sie verloren gehen. Ohne den Diebstahl der „Mona Lisa“ aus dem Pariser Louvre im Jahre 1911 wäre das Gemälde da Vincis wohl niemals zu einem Nationalsymbol Frankreichs geworden. Gleiches gilt für die 2018 geraubten Teile des Schwedischen Kronschatzes.

Und der zuvor in der Masse der britischen Kronjuwelen nicht über die Maßen identitätsstiftende Koh-i-Noor-Diamant machte erst dann Karriere als besonders schützenswerter Teil des imperialen Kulturerbes, als Indien ihn vor einigen Jahren zurückverlangte.

Diese Wiederentdeckungen oder Neu-Zuschreibungen von kollektiven Identitäten insbesondere nach Verlusterfahrungen sind hingegen nichts Ungewöhnliches. Vielmehr treten sie immer wieder auf, gewissermaßen als ganz natürliches mentalitätsgeschichtliches Phänomen. Das hat viele gute Seiten. Etwa die Selbstvergewisserung von verbindenden Werten, gerade in Zeiten ihrer abnehmenden Bindekräfte. Auch die Beileids- und Solidaritätsbekundungen aus aller Welt nicht nur an die Adresse der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sondern vielfach auch an ganz Sachsen, die nach dem Diebstahl aus aller Welt laut wurden.

Es sind ja nur "Wessis"

Sie erreichten eine Region, deren Geschichte reich war an Verlusterfahrungen: Erzwungener Abtritt großer Gebiete nach den napoleonischen Kriegen, Niederlage an der Seite Österreichs im Ringen der Vorherrschaft über Deutschland gegen Preußen, Verlust des Königreich-Status nach dem Ersten Weltkrieg, Abstieg zur von Berlin aus misstrauisch beäugten und oft herabgewürdigten Provinz in der DDR.

Der ohnehin besonders in Dresden seit der traumatischen Verlusterfahrung des 13. Februar 1945 allgegenwärtige Hang zum Rückgriff auf Sachsens „Goldenes Zeitalter“ fördert ja auch viel historisch Bedeutsames zutage. Mit den „Kronjuwelen“ wollten und konnten die Wettiner ihre Bedeutungs- und Machtansprüche gegenüber den Untertanen ebenso wie gegenüber den anderen Mächten Europas symbolisieren.

Ihr Reichtum und dessen höfische Pracht – damals hochrelevantes politisches Kapital – zeigten sie auf einem vergleichbaren Niveau mit Habsburgern und Bourbonen, mit Welfen und Romanows, erst recht gegenüber den Hohenzollern in Berlin. Vergangener Glanz wärmt besonders intensiv. Das „Damals“ kann eine verbindende Sehnsucht sein, ein Fixpunkt und fester Bestandteil der Identität.

Allerdings hat diese Identitätskonstruktion ihre Schattenseiten. Besonders zu spüren bekamen das nach dem Dresdner Juwelenraub Dirk Syndram und Marion Ackermann, der Leiter des Grünen Gewölbes und die Direktorin der Staatlichen Kunstsammlungen. Im Verlustschmerz angesichts der gestohlenen Juwelen und im menschlich ebenso verständlichen wie charakterlich vielfach problematischen Bedürfnis mancher Menschen, verantwortliche Sündenböcke auszumachen, wurden sie nicht nur kritisiert, sondern aufgrund ihrer Herkunft herabgewürdigt: Sie seien ja nur „Wessis“ und hätten den Schatz eben nicht mit der gleichen Leidenschaft geschützt, wie dies blutsgebürtige Sachsen wohl getan hätte.

Bedeutung über den Freistaat hinaus

Es war daher ebenso menschlich verständlich und nicht nur aus ihrer Sicht so folgerichtig wie wichtig, dass Marion Ackermann sich im Februar dieses Jahres in ihrer Dresdner Rede auch darauf bezog. „Die Verlusterfahrung hat offenbar die Konstruktion einer sächsischen Identität ermöglicht“, so Ackermann. Diese haben sich „dann aber in wunderlichen Verzerrungen und seltsamen Übertreibungen zu einer Identitätsgroteske“ entwickelt.

„Identität, als Zuspitzung auf einen Aspekt hin verstanden, hat immer etwas Einengendes.“ Und damit: etwas Ausgrenzendes. Wie folgenschwer das Treiben von Identitätskonstruktionen ins Groteske sein kann, dafür fand Marion Ackermann mahnende Worte: „Die erfundene Tradition kann auch ein Machtinstrument zur Kontrolle von Menschen und Massen durch die Produktion kollektiver Erinnerungen sein.“

Im Falle der „Kronjuwelen“ hat die Zuordnung des Grünen Gewölbes zu einer vor allem „sächsischen“ Identität obendrein noch den Effekt, dass sie dessen eigentliche kultur- und landeshistorische Relevanz kleiner macht, als diese tatsächlich ist. Schließlich wurden viele Teile der Sammlung von August dem Starken von Künstlern in allen Teilen Europas hergestellt. Daher symbolisiert sie in ihrer Gesamtheit weit mehr als Sachsens Gloria und besitzt eine Bedeutung, die weit über den Freistaat oder auch Deutschland hinausweist.

Matthias Rößler auf Abwegen

Doch der Drang nach regionaler Vereinnahmung bei gleichzeitiger Verkleinerung des sächsischen Selbstverständnisses zu etwas, das ohne die Juwelen schlicht undenkbar sei, ist ein weit verbreitetes Bedürfnis. Und bei vielen Menschen stärker als die Einsicht, dass man Identitätskonstruktionen durch übertriebenes Pathos und erst recht durch deren Verzerrung ausschließlich Schaden zufügt.

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Etwa indem man sich wie Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler nach den Verhaftungen dreier Kunstraub-Verdächtiger in Berlin auf blühende Wortlandschaften wie diese begibt: „Aber wir ruhen erst, wenn unser Schatz wieder da ist. Für uns, die Sachsen, für unsere sächsische Seele, unsere Identität, ist das Grüne Gewölbe zentral. Nur wenn wir die Beute wiederbekommen, wird das unseren Schmerz endlich lindern.“

Den Diebstahl aus dem Grünen Gewölbe gibt es jetzt zum Nachhören als Crimecast auf Sächsische.de. Experten und Zeugen rekonstruieren die Ereignisse vom November 2019.

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