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„Die Gestapo war da“

Verfemt, denunziert, verfolgt: Seine Auseinandersetzung mit den Nazis führte der Dresdner Künstler Hans Grundig auch im Grafikzyklus „Tiere und Menschen“.

Hans Grundig "SA beherrscht die Straße" (Brauner Terror), 1935
Hans Grundig "SA beherrscht die Straße" (Brauner Terror), 1935 © Sammlung Maria Heiner, VG Bildku

Es war im Jahr 1934, als die Nationalsozialisten Hans Grundig Berufsverbot erteilten. Schon im Jahr zuvor waren Arbeiten des Künstlers in der Ausstellung „Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst“, die die Nationalsozialisten im Lichthof des Dresdner Rathauses organisiert hatten, diffamiert worden.

In jener Zeit begann Hans Grundig mit der Arbeit an der Radierfolge „Tiere und Menschen“, die nun in der Dresdner Galerie Mitte gezeigt wird. In diesen Blättern zeigt Grundig, wie intensiv er sich mit seiner Zeit auseinandersetzt. Ein Pferd war für ihn eine stolze Kreatur. Wenn es verfolgt wird von Hunden und Wölfen und schließlich gebrochen am Boden liegt, dann ist damit freilich auch der Mensch gemeint, vielleicht sogar der Künstler selbst. Zwei Löwen leisten „Widerstand“. Eisbär und Braunbär sind Konkurrenten und greifen sich an, was sie im wahren Leben nie tun würden, weil ihre Lebensräume viel zu weit voneinander entfernt sind. Zwischen ihnen ein weiteres Raubtier, das die Zähne fletscht. Vielleicht eine Hyäne?

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Die Ansagen in Grundigs Tierleben sind klar und heute, Jahrzehnte später, auf andere Weise aktuell. Da hocken Tiere und ein Mensch angepflockt im Kreis. Dem Menschen sind die Hände gebunden, sprechen kann er auch nicht. Einer der Hunde trägt einen Maulkorb. Aber mindestens einer der anderen Vierbeiner könnte den Strick zerbeißen. Doch was würde das den anderen nützen? Vier Welpen springen um ihre Mutter herum, aber auch sie starrt wie paralysiert auf den Pflock.

„Hans kleidete seine Aussage in Tiergestalt. Seine Tiere waren Tiere und dabei noch mehr: Wesen mit der Prägnanz eines bestimmten Charakters. Es gab da die sklavischen Hunde, die in Rudeln sich auf den einzelnen stürzten und ihn zerrissen auf höheren Befehl, dem sie sich willenlos freudig fügten“, schrieb Lea Grundig 1961. Es gibt auch den Ameisenbär, der mit seinem Rüssel im Dreck wühlt: „Der Schnüffler“ heißt das Blatt. Ein anderes zeigt einen Vogel mit spitzem Schnabel, der sich hinter einer Zeitung versteckt, aber das Ohr auf Empfang gestellt hat: „Spitzel“.

Die Angst war allgegenwärtig, das zeigen selbst Interieurdarstellungen wie „Die Gestapo war da“. Aber die Kunst war den Grundigs keine Last, im Gegenteil: „Hans hatte das Radieren als neue Errungenschaft nach Hause gebracht, und nun radierten wir mit Leidenschaft. Mit dem Stahl in die Zinkplatte graben und dann auf den Abdruck warten, ihn enttäuscht oder entzückt in den Händen halten, das war Freude. Und eines Tages führten wir sie heim … unsere kleine Kupferdruckpresse. Nun konnten wir selbst drucken. Schwer drehte sich das Rad der kleinen Presse. Wir hingen ächzend beide dran – dann holten wir die noch feuchten Drucke heraus. Das war unsere Lust und Freude“, erinnerte sich Lea Grundig 1961.Der 1901 in Dresden geborene Hans Grundig hatte 1928 die Malerin Lea Lange geheiratet, eine jüdische Kaufmannstochter. Die Hochzeitsfotografie zeigt das Brautpaar in Alltagskleidung im Wald. Lea besaß eine Mark, Hans fünfzig Pfennige. Freunde luden sie zu Kaffee und Würstchen ein – das war ihr ganzes Hochzeitsfest.

An Entbehrungen war das für die beiden Künstler längst nicht das Schlimmste. Die Angst vor der Gestapo war groß, immer wieder wurden sie inhaftiert. Lea emigrierte 1939 nach Palästina. Hans kam 1940 ins Konzentrationslager Sachsenhausen und lief während eines Einsatzes in einem Strafbataillon der Wehrmacht zur Roten Armee über. Zehn Jahre waren die beiden getrennt, die sich wie nur wenige Künstler im Nationalsozialismus ganz unmittelbar mit den politischen Verwerfungen dieser Zeit auseinandersetzten.

Als Lea Grundig 1949 nach Dresden zurückkehrte, wurde sie die erste Professorin an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, ihr Mann war von 1946 bis 1948 Rektor der HfBK. Sein Amt musste er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Lea Grundig hat ihn oft porträtiert, auch davon sind in der Ausstellung Beispiele zu sehen.

Dass trotz Inhaftierungen, Krieg und jahrelanger Trennung der Grafikzyklus „Menschen und Tiere“ die Zeitläufte überlebten, ist Freunden und Angehörigen zu danken. Sie räumten das Atelier und deponierten die Werke in der Wohnung von Hans Grundigs Mutter in Dresden-Striesen. Doch nach dem Krieg waren die Druckplatten verschollen. Der in Paris lebende Maler Robert Liebknecht, Sohn von Karl Liebknecht und Studienfreund Hans Grundigs, fand sie 1965 in der Schweiz. Sie waren in einem Verlag in Zürich in einer Kiste verstaut. Lea Grundig holte die Platten noch im selben Jahr nach Dresden zurück.

Die Grafiken stammen aus der Sammlung von Maria Heiner, einer Freundin von Lea Grundig. Heiner ist eine Kennerin des Schaffens beider Künstler und hat die Werkverzeichnisse erarbeitet.

Bis 7. August in der Galerie Mitte in Dresden, Striesener Str. 49. Geöffnet Di - Fr 15 – 19,

Sa 10 – 14 Uhr und auf telefonische Anfrage: 0351 4590 052

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