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Ein Theaterstück über Susanne Dagen? Nein, es ist mehr

Das Dresdner Societaetstheater versucht, den verzweifelten Streit zwischen Rechten und Linken zu entwirren.

Kathleen Gaube und Oliver Seidel im Societaetstheater.
Kathleen Gaube und Oliver Seidel im Societaetstheater. © André Wirsig

Kann man in Dresden ein Theaterstück auf die Bühne bringen über eine in Dresden lebende Person, die, sagen wir, mindestens umstritten ist? Ist das zu viel Provokation, zu viel Nähe, zu viel Ehre?

Nach der Premiere am Sonnabend lässt sich sagen: Ja, man kann. Wenn man einige Regeln befolgt und vor allem: Wenn man das große Thema mehr im Blick hat als den einen gemeinten Menschen.Aber von vorn. „Die Buchhändlerin“ heißt das Stück, das seit diesem Wochenende im Dresdner Societaetstheater läuft. Vielen sollte schon beim Titel dämmern, dass es sich hier nur um eine Buchhändlerin handeln kann: Susanne Dagen, Inhaberin des Buchhauses Loschwitz, die in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Wandlung zu einem Aushängeschild der sich um den Elbhang tummelnden neuen Rechten gemacht hat.

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„Zensur wie in der DDR!“

Dagen sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat, veranstaltet Lesungen mit den großen Namen der neuen Rechten und betreibt gemeinsam mit der „Antaios“-Verlegerin Ellen Kositza den Youtube-Kanal „Mit Rechten lesen“. Für ihre eigene Buchreihe zieht sie alles an Land, was in der Szene Rang und Namen hat. Neu unter anderem mit dabei: der Schriftsteller Thor Kunkel, der als Kommunikationsberater auch schon für die AfD gearbeitet hat.

Weder in der Programmbeschreibung der „Buchhändlerin“ noch in der Inszenierung selbst kommt Dagens Name freilich vor. Regisseur Mario Holetzeck greift sogar zur größtmöglichen Verfremdung, setzt der Schauspielerin Kathleen Gaube eine Plastik-Perücke auf und kleidet sie in puppenhaft anmutende steife Kostüme. Alles erinnert ein bisschen an die artifiziellen Inszenierungen des Regisseurs Herbert Fritsch, aber das Mittel ist effektiv: Hier wird ganz konsequent nicht versucht, irgendjemanden nachzuahmen oder gar zu karikieren. Vielmehr dient das Bild der Buchhändlerin als Folie für eine Geschichte über die Gesellschaft. Und genau da hört im Grunde genommen Susanne Dagens Geschichte auf – und es beginnt eine Auseinandersetzung mit der Debattenkultur der vergangenen sechs Jahre.

„Die Umstände haben mich politisch“ gemacht, sagt die Buchhändlerin auf der Bühne. Sie hat soeben den Deutschen Buchhandlungspreis wieder nicht bekommen. Dabei hat sie so viel gegeben, Lesungen, Musik, tolle Veranstaltungen. Aber niemand nimmt sie ernst. Da trifft sie auf einen anderen Buchhändler, gespielt von Oliver Seidel, und ohne große Umschweife stellen beide fest: Sie trennt nicht nur eine Kluft auf der spartanisch gehaltenen Bühne, sondern der unüberwindbare Graben der politischen Blickwinkel. Sie nennt ihn links, er sie rechts, beide werfen einander vor, Argumente nicht zu verstehen. Als er sie fragt, wie sie menschenverachtende Texte auf ihren Ladentisch legen kann, sagt sie: „Ich finde, da muss man auch mal drüberweglesen.“ Und überhaupt, was sei denn das hier für eine Zensurkultur, ganz wie in der DDR!

Klug haben die Autoren A. Wransky und Robert Wagner die Argumentationsmuster der neuen Rechten beobachtet. Die Buchhändlerin dramatisiert, verallgemeinert, verharmlost. „Warum haben Sie AfD gewählt?“, fragt er. Und sie: „Die AfD ist mehr als Höcke!“ So geht es munter weiter, Dialogspiralen, die nie zu einer Einigung führen, bis beide mit „Nazikeulen“ aufeinander eindreschen.

Das Ganze ist absurd und dabei ziemlich komisch, es erfasst anschaulich die verzweifelten Debatten immer weiter auseinanderdriftender politischer Lager. Natürlich ist es ein fiktives Theaterstück, aber große Teile des Textes basieren auf Aussagen, die Susanne Dagen in Wirklichkeit getätigt hat. Der Text bringt sie in leichtfüßiger und überaus unterhaltsamer Weise in Dialogform und schafft damit das, was in einer intellektuellen Diskussion kaum möglich ist: die Möglichkeit, sich in die „andere“ Seite hineinzuversetzen. Als die Buchhändlerin von Linken niedergerissen und gefesselt wird – im Hintergrund laufen Videos von randalierenden Autonomen –, kriegt das Bild noch einen Knick mehr. „Die Demokratie muss auch Menschen wie mich aushalten!“, sagt sie trotzig. Ja, fragt man sich. Warum tut sie das nicht?

Die Antwort folgt: Beide Buchhändler geraten in einen Kaninchenbau, in dem sie per Video auf diejenigen rechten Hetzer treffen, die sich nicht mit Gesprächen zufriedengeben. Wie vergeblich ist ein Dialog, wenn das Netz überspült wird von Hate Speech und Radikalisierern?

Unerwartet kommt am Ende doch Ruhe in den verzweifelnden Kampf um die Deutungshoheit: Als beide Buchhändler feststellen, dass sie eins verbindet: die Liebe zu Hermann Hesse und Christa Wolf.

„Die Buchhändlerin“, am 12.9., 27. und 28.10, 19.30 Uhr, Societaetstheater. Karten: 0351 8036810

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