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Kinder spielen eine Prohlis-Sinfonie

Ein Betriebshof in Dresden als Konzertort: Mit „Stadtsound Prohlis“ hat der Verein Musaik ein mitreißendes Projekt gestemmt.

Kleine Musiker ganz bei der Sache.
Kleine Musiker ganz bei der Sache. © Martín Rebaza Ponce de León.

Von Karsten Blüthgen

Die Halle scheint endlos. Anstelle von Konzertsaal-Parkett ein Boden aus Estrich, durchzogen von Gleisen. Statt eines Podiums mit dezenten Orchesterstühlen leuchten auf ebener Fläche 75 Papphocker in Dresden-gelb, kontrastiert von knallblauen Notenmappen. Im Hintergrund parken Straßenbahnen. Der Betriebshof der Dresdner Verkehrsbetriebe im Stadtteil Reick erweist sich unter den Konzertorten als Knaller – auch im akustischen Sinne des Wortes.

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Familienmodelle der Natur
Familienmodelle der Natur

Steppenzebras, Zebramangusten und Nandus ziehen ihren Nachwuchs ganz unterschiedlich auf.

Doch auf exzellente Hörsamkeit wie in Kulturpalast oder Semperoper kommt es bei „Stadtsound Prohlis“ nicht an. Wichtig ist das Zeichen: Wir Kinder, die hier musizieren, können was. Wir sind wichtig und, wie unser Lebensraum, bunt und miteinander verbunden trotz verschiedener Kulturen und Sprachen. Wichtig ist ebenso die soziale Barrierefreiheit. An diesem ungewöhnlichen Ort gibt es keine Schwellen zur Architektur der Hochkultur zu überwinden.

Den Sound von Baumaschinen eingefangen

Der Nachmittag des Konzerts: ein sonniger, ein besonderer für 75 Kinder in hellblauen Musaik-T-Shirts. Denn das Konzert, das der Verein „Musaik – Grenzenlos musizieren“ organisiert hatte, befasste sich mit der eigenen Identität. Junge Menschen zwischen 7 und 14 Jahren fragten: Wie ist unser Stadtteil? Wie nehmen wir ihn wahr? Was zeichnet ihn aus? Wie klingt er? Im Frühjahr zogen sie mit Aufnahmetechnik los, um den Klang einzufangen: läutende Glocken und plätschernden Geberbach. Stimmen von Vögeln und Menschen. Fahrrad- und Straßenbahnklingeln. Das Hämmern von Baumaschinen und das Klappen von Kleidercontainern. Entstanden sind Soundcollagen, die sich mit komponierten Stücken und arrangierten Medleys aus Lieblingssongs zu einer vor allem didaktisch konzipierten „Prohlis-Sinfonie“ verbinden.

Das mächtige Kinder-Jugend-Orchester musizierte selbstbewusst, zog aus dem Miteinander spürbare Kraft. Insgesamt stemmten 120 Menschen aus über 20 Nationen die Aktion. „Das soziale Musikprojekt eröffnet Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und Kulturkreisen neue Perspektiven, ermöglicht ihnen eine musikalische Ausbildung und fördert soziale Integration sowie kulturelle Teilhabe“, so die Idee des Vereins, den die Musikpädagoginnen Luise Börner und Deborah Oehler 2017 initiiert haben. Inzwischen sind sie Teil eines Netzwerks aus Lehrern, Dirigenten, professionellen Musikern, die Konzerte wie „Stadtsound Prohlis“ mit großer Geduld und Energie vorbereiten, leiten, mitspielen.

Kapellmusiker auch auf dem gelben Hocker

Geigerin Ute Kelemen von der Dresdner Philharmonie gehört dazu. Während einer Südamerikareise ihres Orchesters 2018 erlebte sie ein gemeinsames privates Konzert mit der Musikschule einer Favela. „Dass es in Dresden eine ganz ähnliche Sache gibt, also dass Kinder kostenlosen Musikunterricht bekommen, wusste ich vorher gar nicht.“ Ute Kelemen ging auf Luise Börner zu, sie organisierten ein Benefizkonzert für die Prohliser Kinder und die brasilianische Musikschule. Die Verbindung zu den Lehrern und Kindern von Musaik ist geblieben.

Was die Philharmonikerin motiviert? „Wir sehen sofort, was für einen Mehrwert ein Nachmittag bei Musaik hat. Die Kinder lernen Musik kennen, haben dieses Gemeinschaftserlebnis, entwickeln sich, werden besser. Manche sind richtig begabt und würden, in einem anderen sozialen Umfeld, sehr gute Musikschüler werden. Diese kurzen Wege, der persönliche Kontakt, die Verschiedenheit der Kinder, ihre Musizierfreude, das unglaublich stimmige Konzept und das Engagement der Lehrer zu sehen, das gibt mir viel.“

Kelemens Kollege Julius Rönnebeck, Hornist bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden, saß bei „Stadtsound Prohlis“ selbst auf einem der gelben Hocker. Der Kopf des Musikvermittlungsformats „Kapelle für Kids“ erfuhr von „Musaik“ und ist Mitglied im Verein geworden. Er schätzt besonders, „dass es zum großen Teil Kinder erreicht, die durch ihr Elternhaus in der Regel kaum oder gar nicht musikalisch vorgebildet sind“. Was sie an musischer Profilierung und interkulturellem Austausch mitnehmen, wirke „in die Familien der Kinder und damit in die Gesellschaft hinein“, ist sich Rönnebeck sicher. „Die Möglichkeit, dass sich dank Musaik in diesem Soziotop Talente finden, die sogar eine professionelle Musikkarriere anstreben, ist eher Nebensache, wenngleich eine sehr erfreuliche.“

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