merken
PLUS Feuilleton

Lebe Regel, Leberegel!

Was Corona und das Tun eines Schriftstellers mit einem neckischen Tierchen verbindet: die Kolumne des Dresdner Stadtschreibers Franzobel.

So einfach das Tragen eines Mundschutzes ist, so komplex ist das neuartige Coronavirus - findet Dresdens Stadtschreiber und zieht tierische Parallelen.
So einfach das Tragen eines Mundschutzes ist, so komplex ist das neuartige Coronavirus - findet Dresdens Stadtschreiber und zieht tierische Parallelen. © dpa/Stefan Sauer, SZ

Wie hat ein bekannter Kabarettist gesagt? Über Tofu macht man keine Witze, das wäre geschmacklos. Aber manche Kreationen und Kreaturen regen doch zum Lachen an. Zum Beispiel der Balztanz des Paradiesvogels, der Nacktmull oder der Kleine Leberegel, das ist ein unsteter Wurm, der nicht nur einen beinahe palindromischen Namen hat, sondern auch durch seine Wirtstour auffällt. Eigentlich lebt der Kleine Leberegel in Gallengängen von Kühen, Schafen, Ziegen usw., doch anstatt dort (homeschooling) seinen Nachwuchs großzuziehen, wird dieser auf eine Walz durch die diversen Verdauungstrakte der Tierwelt geschickt. 

Zuerst werden Leberegel-Eier mit dem Kot der Kühe, Schafe, Ziegen etc. in die Welt hinausgeblasen, wo sie im Idealfall von Schnecken verspeist werden. Aus den Eiern schlüpfen Wimpernlarven, durchbohren den Darm der Schnecke, päppeln sich in deren Magen auf und hangeln sich in Richtung Atemhöhle, von wo aus die neckischen Tierchen in Schleimbällchen ausgesondert werden. Diese Schneckenkügelchen sind Leckerbissen für Ameisen, in deren Bauch die Leberegellarven weiterwachsen. 

UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand

Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Nun passiert etwas Kurioses. Ein oder zwei Würmchen, sie sind nur wenige Millimeter groß, wandern in den Kopf der Ameise und bewerkstelligen eine Art Gehirnwäsche: Das befallene Insekt klettert an die Spitze von Gräsern, beißt sich dort fest und verharrt. Die im Kieferkrampf erstarrte Ameise wird samt dem Gras von einer Kuh, einem Schaf, einer Ziege etc. gefressen, und der Kleine Leberegel gelangt wieder in den Gallengang, wo er Eier legt und den Nachwuchs auf dieselbe abenteuerliche Reise schickt.

Was für ein Kreislauf! Welch Gott kann sich so etwas ausgedacht haben? Mit dem Beispiel des Kleinen Leberegels kann man sich die Komplexität des Coronavirus vorstellen, das zum Glück nicht Kleiner-Leberegel-Virus heißt, auch wenn es sich genauso fies verhält. Der Leberegel-Zyklus ist aber auch mit dem Tun eines Schriftstellers vergleichbar, da landet man manchmal ebenfalls im Kot, muss in Köpfe schlüpfen, durch Verdauungstrakte kriechen und darauf hoffen, irgendwann in gallwarmen Höhlen zu landen. Ein solches Nest ist das Amt des Stadtschreibers.

Ständiges Leben mit der Angst

Was macht man da eigentlich, werde ich oft gefragt. Die meisten kennen den Stadtschreiber ja nur von Hexenfilmen, wenn er bei der gütlichen oder peinlichen Befragung neben der Beschuldigten im Malefizhaus sitzt und notiert, dass zum Beispiel das mit einer Nadel durchbohrte Teufelsmal nicht blutet. Gut, Hexenverbrennungen gibt es nur noch virtuell, Scheiterhaufen wurden durch Shitstorms abgelöst. Mit dem historischen Stadtschreiber, der eine Art Kanzleichef gewesen ist, hat das literarische Amt nichts zu tun. 

Als Stadtschreiber soll man das Kulturleben bereichern und darf sich daneben seinen Projekten widmen, wozu sogar eine Beschäftigung mit dem Kleinen Leberegel zählen kann. Was macht man also als Stadtschreiber? Flanieren, Leute treffen, Lesen, Schreiben, Recherchieren. Aber Corona bringt alles durcheinander – Reisen ist mühsam, Veranstaltungen schwer durchführbar, ja selbst Treffen sind kompliziert. Corona ist ein kurioses Phänomen. 

Berechtigte Angst oder Panikmache? Ein Scharfmacher oder doch geschmacklos wie Tofu? Aber gab es in den letzten Jahrzehnten jemals eine Zeit, in der die Welt nicht vor Angst erstarrte wie die an die Grasspitze gekletterte Ameise? Angst vor den Sowjets, einem Atomkrieg, Angst vor linken Terroristen, Aids, Rinderwahn, Angst vor islamischen Terroristen, Vogelgrippe, rechten Terroristen. Und nun Corona. Ständig gibt es etwas, das uns Furcht einjagen und lähmen will.

Wer weiß, was noch kommt

Als Trumps Infektion bekannt geworden ist, war „Schadenfreude“ einer der meistgesuchten Begriffe im Netz. Und das Schimpfwort des Jahres ist zweifellos „Coronaleugner“. Ob es auch unter den Eiern des Kleinen Leberegels welche gibt, die eine Welt außerhalb der Gallengänge leugnen? Über Corona macht man genauso keine Witze wie über Tofu. Vor allem, solange niemand weiß, was da noch alles kommt. 

Wie hat schon Oscar Wilde gesagt, Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Aber selbst wenn das Virus uns den Appetit verdirbt, ist das Leben noch immer aufregend, schön und manchmal kurios wie die Wirts(haus)tour des kleinen Leberegels, die eine Metapher auf unser aller Dasein ist.

Der österreichische Schriftsteller Franzobel (53), eigentlich Franz Stefan Griebl, lebt in Wien, Pichlwang, Buenos Aires und derzeit als Stadtschreiber in Dresden. Er liest am 11. 11., 19 Uhr, in der Bibliothek Laubegast und am 13. 11., 19 Uhr in der Slub.

Mehr zum Thema Feuilleton