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Mehr Frauen geben in Dresdens Philharmonie den Ton an

Das Orchester plant eine Saison ohne Chefdirigenten, die es mit Stars und Freaks in sich hat. Die Intendantin sagt: „Wir nehmen Platz in der Spitzenklasse.“

Von Bernd Klempnow
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Frauke Roth ist seit 2015 Intendantin der Dresdner Philharmonie. In dieser Zeit hat sich das Orchester extrem verbessert: Mehrere Gründe nennt sie.
Frauke Roth ist seit 2015 Intendantin der Dresdner Philharmonie. In dieser Zeit hat sich das Orchester extrem verbessert: Mehrere Gründe nennt sie. © Markenfotografie

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist eine Erscheinung: Wann immer sie in Dresden gastiert hat, bewies sie nicht nur, dass sie eine exzellente Könnerin auf ihrem Instrument ist, sondern faszinierte auch mit enormer Bühnenpräsenz und Hingabe an die Werke. Das will sie als Artist in Residence der Dresdner Philharmonie in der nächsten Saison gleich mehrfach unter Beweis stellen: Ein reizvoller Marathon sind drei Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Abenden mit ihr, an denen sie die großen Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts spielt, die in den 1930er-Jahren entstanden sind: die Werke von Prokofjew, Strawinski, Berg und Bartók. Auch als Kammermusikerin ist sie zu erleben: im Rezital mit ihrer Künstlerfreundin, der Starcellisten Sol Gabetta.

Sol Gabetta, war schon Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie. Nun kehrt sie als Solisten zurück.
Sol Gabetta, war schon Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie. Nun kehrt sie als Solisten zurück. © Julia Wesely

Auch sonst werden mehr Frauen als bislang den Takt beim städtischen Orchester vorgeben. „Wir freuen uns, eine Reihe junger Dirigentinnen begrüßen zu können, darunter Tabita Berglund, Stephanie Childress, Katharina Wincor und Anna Sułkowska-Migoń“, sagte Intendantin Frauke Roth am Donnerstag bei der Präsentation der Spielzeit 2023/24. Das Orchester wolle mithelfen, dass die jungen Künstlerinnen so Karrieren machen könnten wie ihre Kollegen. Auch viele Musikerinnen sind solistisch zu erleben, insbesondere an Instrumenten wie Percussion und Orgel, die bislang eher männerdominiert waren.

Der Freak an der Orgel spielt Nosferatu

Zuvor aber ordnete die Intendantin ihren Klangkörper in der internationalen Orchesterlandschaft neu ein. „Die Dresdner Philharmonie nimmt Platz in der Spitzenklasse: 2017 ist sie in den neuen Konzertsaal eingezogen, seit 2019 hatte Marek Janowski als Chefdirigent intensiv mit dem Orchester gearbeitet, und es gab zahlreiche künstlerisch herausragende Projekte.“ Exzellente junge Musikerinnen und Musiker seien Philharmoniker geworden. „Der internationale Durchbruch“, so Roth zu Recht, „ist zweifellos mit der Aufführung der ,Ring’-Tetralogie im Herbst 2022 gelungen. Die Dresdner Philharmonie ist in einer neuen Liga angekommen!“

Cameron Carpenter wird der Palastorganist in der Spielzeit 2023/24.
Cameron Carpenter wird der Palastorganist in der Spielzeit 2023/24. © PR

Dass das dem Orchester gelang, ist wesentlich dem erfahrenen Maestro Janowski zu danken. Zwar endet dessen Zeit als Chefdirigent in diesem Sommer. Aber er wird ab und zu zurückkehren. So will er das Gedenkkonzert am 13. Februar 2024 leiten. „Für seine Nachfolge laufen Gespräche mit internationalen Partnern“, so Roth: „In der kommenden Saison werden wir darüber informieren, wer seine Nachfolge antritt.“ Roth dankte ausdrücklich dem Publikum, das in die Konzerte zurückkehre. So sei die laufende Saison zu 75 Prozent ausgelastet. Auch die gute Zusammenarbeit mit den anderen Nutzern der „WG Kulturpalast“ wie Zentralbibliothek, Wissenschaftsforum Cosmo und Baukultur-Zentrum sowie die attraktive Gastronomie würden das Haus immer mehr zu einem für alle machen.

Mit der baldigen Einführung des VVO-Verbundtickets geht das Orchester einen wichtigen Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit. Auch mit Projekten wie der Installation „Luftwurzeln“ – 700 gepflanzte Weidenstecklinge vor und im Palast sowie auf dem Balkon – will es zu notwendigen Veränderungen in der Mitte der Stadt beitragen. Mehr Informationen und einige Weidenstecklinge gibt es an diesem Sonnabend zum Tag der offenen Tür von 10 bis 18 Uhr.

Auch außerhalb Dresdens tut sich was. Die Philharmonie geht wieder auf Tourneen, soll „als Hochleistungsorchester international Statements setzen und Brücken in die Welt bauen“, so Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch. Auch bei diesen Reisen werde auf eine bessere Öko-Bilanz geachtet. Ziele sind Italien, Österreich, Spanien, England und Asien.

Neuer Erster Gastdirigent

Dazu passt, dass mit Kahchun Wong ein neuer Erster Gastdirigent gewonnen werden konnte. Der 36-Jährige, 2022 in Dresden eingesprungen und vom Orchester sofort umgarnt, ist in seiner Heimat Singapur längst ein Star und etabliert sich derzeit als gefragter Dirigent weltweit bei den großen Orchestern. „Für uns ist er auch ein Mittler zwischen dem sich rasant entwickelnden ASEAN-Raum und Europa.“ Wong gestaltet die Saisoneröffnung mit Werken von Elgar, Strauss und einem Werk seines Lieblingskomponisten Narong Prangcharoen aus Thailand. Im Februar kombiniert er eine Komposition des Japaners Akira Ifukube mit Mahlers Erster.

Auch sonst ist es gelungen, neben Kopatchinskaja und Wong große Namen der Klassik für gleich mehrere Projekte zu gewinnen. Als zweiter Artist in Residence ist der technisch brillante und musikalisch feinsinnige Cellist Gautier Capuçon zu erleben. In den drei Konzerten seiner Residency wird die ganze Bandbreite seiner Interpretationskunst hörbar: Im Konzert zur Saisoneröffnung spielt er das Cellokonzert von Elgar. In einem Rezital mit Daniil Trifonov stehen Werke von Debussy, Prokofjew und Rachmaninow auf dem Programm. Zudem spielt er das Cellokonzert „Diary of a Madman“ der Residenzkomponistin Lera Auerbach und mit Stipendiaten seiner Stiftung Beethovens Tripelkonzert zum Saisonabschluss.

Und auch schrill dürfte es werden. Palastorganist der Saison ist nämlich Cameron Carpenter, der für sein unkonventionelles Auftreten und extravagantes Repertoire bekannt ist. Er spielt die große Konzertorgel im Festsaal solistisch bei einem reinen Bach-Programm und Paganini-Variationen von Rachmaninow. Zudem begleitet der Freak den Stummfilm „Nosferatu“.

Höhepunkte & Tickets

  • Ans Pult der Dresdner Philharmonie kehren Stars wie Kent Nagano, SirDonald Runnicles, Krzystzof Urbanski und Vasily Petrenko zurück.
  • Als Solisten geben unter anderem die großartige Geigerin Julia Fischer sowie die charismatischen Pianisten Boris Giltburg, Daniil Trifonov und Francesco Piemontesi Konzerte.
  • Es gibt wieder Schulkonzerte etwa „Peter und der Wolf“ und „Pünkchen und Anton“ sowie Filmmusikkonzerte etwa „Harry Potter“ und „Metropolis“.
  • Der Vorverkauf für Festplatz-Abos beginnt am 10. Mai. Der freie Ticketverkauf und der Verkauf von Wahlabos starten am 21. Juni. Es gibt viele Abo-Varianten vom „Kleinen Entdecker-Abo“ bis zum „Frühen Abend“. Die Preise wurden nicht erhöht.

www.dresdnerphilharmonie.de.