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Ein Hamburger Freak kommt nach Dresden

Rocko Schamoni präsentiert seinen neuen Reeperbahn-Reportage-Roman über einen talentierten, aber kurzlebigen Sonderling live in Dresden.

Rocko Schamoni setzt den vermissten „echten wilden Männern“ und wahren Freaks mit seinen Büchern Denkmale.
Rocko Schamoni setzt den vermissten „echten wilden Männern“ und wahren Freaks mit seinen Büchern Denkmale. © dpa

Von Ulrich Steinmetzger

Heino Jaeger war anders als andere. Sehr anders. In seiner kurzen guten Zeit hatte er Auftrittsanfragen aus dem ganzen Land und war eine heute weitgehend vergessene Berühmtheit als Zeichner und vor allem als Kabarettist. Als solcher konnte er stundenlang in diverse Rollen schlüpfen und sozialrealistisch plappern, wobei er sich in immer neue Gestalten verwandelte. Eine linkische Weltunzugehörigkeit war ihm eigen, aus der heraus er versuchte, den „deutschen Humor neu zu definieren“ weit jenseits von Büttenreden. Vor allem der Saarländische Rundfunk machte ihn mit seinen Um-die-Ecke-Plaudereien zu so etwas wie einem Vorläufer von Helge Schneider.

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Er fabulierte in stundenlangen Stegreifgeschichten voller Charakterwechsel pointenfrei einen Mikrokosmos seiner Proletariatsfiguren hin, denen er vorher genau auf die Mäuler geschaut hatte. Er selbst war unsicher hinsichtlich der ihn umgebenden Welt. Das kanalisierte er mit sicherem Strich seines Zeichenstifts in Skizzen oder Panoramabilder voller Krüppelwesen, Erotik und Perversionen. Die letzten zehn Jahre seines von 1938 bis 1997 währenden Lebens verbrachte Jaeger in einem Pflegeheim für geistig Verwirrte, nachdem er vorzugsweise mit ungewaschenen halblangen Haaren, Knobelbechern und Wehrmachtsmantel durch die Hamburger Kiezszenerie geschlurft war. Gern hatte er eine an einer Ecke perforierte Plastiktüte dabei, aus der er losen Jägermeister schlürfte.

Jägermeister aus der perforierten Plastiktüte

Anders als in Sankt Pauli üblich, war er in Bezug auf die Frauen ganz und gar kein Jägermeister. Die wenigen Male, wenn es ihn erwischt hatte, schoss er so übers Ziel hinaus, dass seine Annäherungen in Belästigungen umschlugen. Er war ein wirklicher Freak, der vielleicht vor allem deswegen kein Star wurde, weil er keiner sein wollte. Einen Termin beim Rundfunk zum Beispiel verpasste er, weil auf dem Bahnsteig ein Plakat nach Paris einlud, was er wörtlich nahm und gleich weiterreiste. Er war ein Mensch neben jeder Norm. So wandelte er auch nach Verdun, Dresden oder Prag.

Sehr zugeneigt folgt ihm der Entertainer, Musiker und Schauspieler Rocko Schamoni als Nachgeborener überallhin und lässt nach „Große Freiheit“ seinen Reeperbahn-Reportage-Romanen einen nächsten Band folgen. Im gefühligen Prolog begründet er das Verfahren aus seiner eigenen Biografie heraus. Im Elternhaus hatte er als Gäste noch echte wilde Männer kennengelernt. „Sie tauchten bei uns zu Hause auf, um zu trinken, zu essen, mit Mutter zu flirten, zu rauchen, zu tanzen und zu musizieren.“ Sie redeten über Kunst, Musik, Literatur, Politik und die Liebe. Sie waren Freaks, wie man sie heute vergebens sucht, weil alle gleichgeschaltet sind durch die sozialen Netzwerke. Heute wären sie verdächtig, einst aber waren die Normalen suspekt.

Wolli Köhler, der Bordellkönig aus Sachsen

Also radelt Schamoni zu Joska Pintschovius, Jaegers bestem Freund, der auch schon ein Buch über Heino Jaeger veröffentlicht hat und damals im Zentrum dieser konspirativen Welt war, hört ihm zu, um Protokoll zu führen. Und dann irrlichtern all die Kunstfigurenhelden von einst durchs Bild: Horst Janssen, Knut Kiesewetter, Hannes Waader, Helga Feddersen, Peter Rühmkorf, Domenica, Achim Reichel, Uschi Obermaier …

Als Fritz Raddatz die Horde schließlich mit zu einer Spiegel-Party schleift, nimmt das Namedropping enzyklopädische Züge an. Einige von ihnen werden näher herangezoomt, der Hamburger Boxprinz Norbert Grupe etwa, der legendär wurde, weil er im TV-Sportstudio ein Interview durchschwieg und später im Gefängnis landete, oder wieder Wolli Köhler, der aus Sachsen kam und zum Bordellkönig in der großen Freiheit wurde als eine Mischung aus Halbweltler und Hippiefürst.

Typen zwischen Genie und Wahnsinn

Schamoni hatte ihm schon seinen Vorgängerroman gewidmet und Hubert Fichte sein Buch „Wolli Indienfahrer“. Sich mit ihren zeitfremden Stimmen aufzuladen, darum geht es Rocko Schamoni, wenn er im Kiez schürft, denn „solche Typen … gibt es heute nicht mehr“. Deswegen reanimiert er sie, wobei er gar zu sehr den referierend Staunenden gibt, der Dialoge eskalieren lässt, wobei oft vor lauter Bewunderung die erzählerische Finesse fehlt, sodass der Roman im Protokollton daherkommt oder als Küchenpsychologie, mit der er diese Typen zwischen Genie und Wahnsinn einzukreisen versucht. Man liest es trotzdem gern.

Rocko Schamoni: Der Jaeger und sein Meister. Hanser, 288 Seiten, 22 Euro

Am Freitag (15. Oktober) um 20 Uhr präsentiert Rocko Schamoni seinen Roman im Dresdner Kino Schauburg

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