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Mit dem Theater einfach mal ausbüxen

Wir dürfen zwar weder in den Urlaub noch ins Theater – dafür nimmt das Dresdner TJG uns jetzt mit auf eine virtuelle Reise.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler von "Abflug Terminal Sofa" am Dresdner TJG
Die Schauspielerinnen und Schauspieler von "Abflug Terminal Sofa" am Dresdner TJG © Marco Prill

Zum Zelten nach Schweden? Derzeit nicht denkbar. Also baut Marie Therèse ihr Zelt kurzerhand in ihrem Wohnzimmer auf. Und erzählt von ihrem letzten Urlaub mit Mückenhut und Campingkocher, berichtet vom Wandern, bis Blasen kommen, und Braunbären, die am Zelt wackeln. Dabei schauen etwa 30 Familien zu, die die virtuelle Inszenierung "Abflug Terminal Sofa" am Theater Junge Generation gebucht haben. Sie lief am vergangenen Wochenende erstmals und wird in den Ferien nächste Woche mehrmals gezeigt. Derzeit sind die Karten für die kommenden Vorstellungen knapp, aber es lohnt sich, bei der Theaterkasse anzurufen und nachzufragen, ob man doch noch ein Last-Minute-Ticket bekommt.

Expedition nach Mexiko

Denn diese digitale Aufführung gehört zu den positiven Beispielen, wie Kultureinrichtungen versuchen, mit den pandemischen Umständen umzugehen. Viele verharrten lang – oder tun dies noch immer – in viraler Schockstarre. Landauf, landab sind vor allem abgefilmte Inszenierungen zu sehen, die aber für einen Raum, nicht für einen Bildschirm erfunden wurden und meist frustrierend zweidimensionale Erlebnisse sind. Selten gibt es künstlerische Werke, die digitale Möglichkeiten als Werkzeug nutzen.

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Die Zuschauer sorgen mit für Lichteffekte – hier bei einer Probe der digitalen Inszenierung "Abflug Terminal Sofa" im TJG.
Die Zuschauer sorgen mit für Lichteffekte – hier bei einer Probe der digitalen Inszenierung "Abflug Terminal Sofa" im TJG. © Marco Prill

"Abflug Terminal Sofa" ist eins der positiven Beispiele, die genau das tun. Es wurde explizit für den Bildschirm konzipiert. Über den Videokonferenz-Anbieter Zoom verbinden sich das Publikum, die Schauspieler, Puppenspieler sowie das technische Personal vom TJG. Alle Kameras sind an – man schaut also 30 Familien ins Wohnzimmer. Zum Glück wurde man vorher darüber informiert, sodass man Wäscheständer und leere Joghurtbecher aus dem Weg räumen konnte. Die Inszenierung gibt es für zwei Altersgruppen: Einmal für Kinder ab vier Jahren, einmal für Kinder ab acht.

Auf Zugreise durch Russland

Nach einer kurzen technischen Einführung (wo stelle ich mein Mikro aus, wo geht die Kamera an, wie komme ich zur Galerieansicht?) geht es los: Vier Schauspieler und Puppenspieler schalten sich – ebenfalls erkennbar aus ihren eigenen Wohnungen – dazu. Der Charme ihrer kleinen Szenen besteht auch genau darin, dass sie als sie selbst von Urlaubserlebnissen, Reise-Sehnsüchten und Stadtfluchten berichten. In der Achtjährigen-Variante entführt Jemima Milano nach Mexiko und illustriert mit einer kleinen Bildershow das bunte Leben von Frida Kahlo. Jamiil spielt mithilfe einer Puppe eine skurrile Szene auf einer Zugreise durch Russland nach. Und Gregor lässt die jungen Zuschauer und ihre Eltern gleich mitmachen: Sie sollen ihm anhand von Suchbildern helfen, einen besonderen Ort in Dresden zu finden.

Was Theatern im Theaterhaus selten gelingt, wird in "Abflug Terminal Sofa" auf größtmögliche Entfernung unterhaltsame Wirklichkeit: Die Zuschauer als wirkliche Teilnehmer. Schon Tage vorher hatten sie Post bekommen: In einem großen Umschlag steckten weitere Umschläge, die sie während der Vorstellung auf Ansage öffnen dürfen. Darin verbergen sich Mini-Requisiten, die nun Teil der Inszenierung werden. Manchmal werden einzelne Familien sogar dazugeschaltet, zeigen Fotos, Gesichter und sorgen selbst für Beleuchtungseffekte. Im Anschluss an die Inszenierung wird im Chat noch lange mit den Darstellern geplaudert – so viel Nähe war wirklich noch nie.

So viel Nähe war noch nie: Ab ins Wohnzimmer der Künstler!
So viel Nähe war noch nie: Ab ins Wohnzimmer der Künstler! © Marco Prill

Und so entdeckt das Theater junge Generation gerade durch die virtuellen Möglichkeiten ein bisschen etwas von der Interaktivität, nach der viele Häuser und Künstler seit Jahrzehnten verzweifelt suchen. Hoffentlich wird diese Erfahrung für Nach-Lockdown-Zeiten gespeichert und herausgeholt, wenn Familien wieder in den Urlaub dürfen – und ins Theater.

Nächste Termine für „Abflug Terminal Sofa“: Samstag den 30. und Sonntag den 31. Januar jeweils um 16 Uhr.

www.tjg-dresden.de

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