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Mit Fragmenten in die Zukunft

Mirjam Kroker zeigt in Speichern und Kisten ein Archiv, will aber das gewohnte Bild von Wissen und Welt verändern.

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"Weltatlas der planetarischen Kunst" nennt Mirjam Kroker ihre Ausstellung in der Dresdner Galerie Ursula Walter.
"Weltatlas der planetarischen Kunst" nennt Mirjam Kroker ihre Ausstellung in der Dresdner Galerie Ursula Walter. © Andreas Kempe

Von Uwe Salzbrenner

Was Mirjam Kroker im Werktitel „Weltatlas der planetarischen Kunst“ nennt, dient der Aufbewahrung, dann einer Einladung. Hierzu gehören Speichertrommeln auf Ständern für leere Postkarten, Postkartenmappen und sogenannte „Dokument-Zeichnungen“, die durch Laminierung und Vierfachlochung nochmals aufs Archiv verweisen. Schwarze Kisten sind für Stempel gedacht, die auf einem Tisch bereitliegen, damit Besucherinnen und Besucher der Schau die Postkarten mit Stempelabdrücken füllen: Sie dürfen in 38 Sprachen bekunden, Teil einer planetarischen Kunstwelt sein zu wollen, die noch nicht existiert.

Das hält man bei Kroker, Absolventin der Hochschule für Bildende Künste Dresden, erstmal nicht für Utopie: Die Schachteln und Schuber sehen zu praktikabel aus. Schon bei ihrem Diplom vor zwei Jahren hat sie überzeugend fiktive Forschungen zu Eismeerreisen als Archiv vorgestellt. Oder waren es echte Forschungen zu Eismeer-Fiktionen? Jetzt ergänzt Kroker ihren ebenfalls 2019 begonnenen „Atlas“ durch amüsante, ursprünglich praktische Attribute der Migration: defekte Kleinfernseher, versunkene Flip-Flop-Latschen, stramm gestopfte Reisetaschen; Satellitenbilder, auf die Wand projiziert. In einem orange gelackten Ständer stecken Fundstücke, in Folie gepackt. Zu ihnen gehören neben Muscheln und Blättern als Andenken auch Kopfhörerstecker und Hilfen zum Lernen fremder Sprachen.

Um die Funde zu sehen, muss man freilich in die Fächer der Speicher greifen. Kroker, auch studierte Anthropologin, hat das wohl eingeplant. Es hilft jeder und jedem, nicht nur irritiert und brav Wünsche zu stempeln, sondern sich in dieser Schau ebenfalls wie Forschende zu bewegen. Was besagt das oft verwendete Zeichen für Unendlichkeit, fragt man sich, die liegende Acht? Wieso ist hier allerhand Natur, aber abstrakt? Warum bleibt so vieles Fragment? Wieso präsentiert Kroker zusätzlich zum Atlas der Kunst einen Weltatlas von 1979, in Teile zerschnitten? Was demonstrieren die im 3-D-Drucker geschaffenen Muscheln nach Algorithmen des Künstlers Boris Pasternak? Die Teile sehen aus wie Phasenmodelle angeleuchteter Planeten.

Mirjam Kroker inszeniert tatsächlich die Vorstellung von Welt als „planetarisch“. Das bestätigt der Text im Ausstellungsplan. Wie wir die Welt einst zu sehen gelernt haben, entspricht nicht den Geschichten, die sich heute abzeichnen. Das offenbart die Form von Krokers Kunst. Auch Reparatur, Verantwortung, Resilienz deutet sie an. Zukunft erfasst sie in Anfängen, ohne Hierarchie, offen für Zusammenhänge. Die können, wie sie nahe legt, als Kunst endlos entwickelt und verworfen werden. Beim Satellitenvideo mit kreisenden Wolken fordert Kroker ausdrücklich zum Denken auf. Und kommentiert das ihr unbekannt Gedachte: „Serious?“ Im Ernst? — Das ist schlüssig. Die hohe Ordnung der Archive dagegen: anscheinend ein Fake.

Die Schau in der Galerie Ursula Walter Dresden, Neustädter Markt 10, ist bis zum 23. Oktober zu sehen, donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr und sonnabends von 12 bis 16 Uhr.

Mit "Dear Strangers" (liebe Fremde) wendet sich Mirjam Kroker wohl nicht nur an die Besucher ihrer Ausstellung. Weiter unten auf dem Vorhang eine liegende Acht, das Zeichen für Unendlichkeit.
Mit "Dear Strangers" (liebe Fremde) wendet sich Mirjam Kroker wohl nicht nur an die Besucher ihrer Ausstellung. Weiter unten auf dem Vorhang eine liegende Acht, das Zeichen für Unendlichkeit. © Andreas Kempe