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Bin ich zu früh?

„Der nackte Wahnsinn“ wird in Dresden zur Metapher auf das Leben auf Probe.

Torsten Ranft spielt in Höchstform in „Der nackte Wahnsinn“.
Torsten Ranft spielt in Höchstform in „Der nackte Wahnsinn“. © Sebastian Hoppe

Es ist immer dasselbe: In dem Moment, in dem man in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann meint, man hätte etwas verstanden, wenn man denkt, die große Idee irgendwie entziffert zu haben; wenn man sich zufrieden zurücklehnt, um sich dem Bilderrausch hingeben zu können – immer dann passiert etwas, das einen ratlos zurücklässt. In der Bearbeitung von „Der nackte Wahnsinn“, die am Mittwochabend am Staatsschauspiel Dresden Premiere hatte, ist das nach fast anderthalb Stunden der Fall. 

Da betritt Cordelia Wege die Bühne in einem bodenlangen, schwarzen Kleid. Auf der leeren Bühne setzt sie zu einem Monolog an, bestehend aus Nonsense und Welthaltigem, aus Bildern und Worthülsen. Es geht um Tod und Geburt und Kinderreime – nichtssagend und allumspannend, hypnotisierend.Und am Ende steht im Raum: So einfach kommt ihr nicht davon.

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Partys als Superspreading-Events

Der Abend war zuvor fast schon harmonisch verlaufen, untypisch für den Regisseur. Natürlich bleibt vom eigentlichen Text des Stücks aus den 1980er-Jahren nicht viel übrig, wie erwartet bei Sebastian Hartmann. Er hatte in Dresden zuletzt „Erniedrigte und Beleidigte“ in neue Höhen gebracht und „Schuld und Sühne“ zerhackstückelt. Nun ist die Grundessenz von „Der nackte Wahnsinn“ klar erkennbar: Es ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Lust am Spiel, an der Täuschung, mit dem Wahnsinn Theater. 

Das Stück von Michael Frayn wird meist als akribisch komponierte Tür-auf-Tür-zu-Komödie inszeniert, Hartmann aber fragmentiert alles. Bühnenbildteile werden planlos über die Bühne geschoben, Schauspieler irren in Kostümrudimenten umher, Textteile werden aneinandergereiht. Es ist ein wirrer Blick hinter die Kulissen einer Theaterprobe, bei der nichts richtig klappen will. Auf geniale Weise holen die Spielerinnen und Spieler das mit eigenen Szenen ins Heute, imitieren Schauspieler-Gehabe und -Allüren. Der Regisseur bemitleidet sich selbst, bittet die junge Schauspielerin zur Standpauke in sein Büro und setzt sich dann planlos in den Zuschauerraum. „Mach doch mal ne klare Ansage!“, ein verzweifeltes „Ich kann das jetzt so nicht!“ oder der verpatzte Auftritt: „Bin ich zu früh?“, das alles ist herrlich authentisch dem Theaterbetrieb entnommen. Natürlich kommt der Abend nicht um Corona herum, die Schauspieler weisen sich gegenseitig auf Abstandsregeln hin – „Aerosole, Mann!“.

Tatsächlich fällt es kaum auf, dass sie sich nicht zu nahe kommen. Nur wenn alle zugleich auf der Bühne stehen, wirkt die Distanz unnatürlich. Irgendwann beginnen sie zu tanzen, jeder für sich. Ein trauriges Bild und eine fast schon zu einfache Metapher für das Leben, in dem Partys zu Superspreadingevents mutieren. So wie die Menschen in Pandemie-Zeiten probieren die Darsteller auf der Bühne, irgendwie einen Umgang miteinander zu finden zwischen Fake und Wahrheit. Funktioniert noch das, was wir kannten? Oder muss ein neues Requisit her?

Dabei ähneln sich die Typen leider etwas zu sehr: Luise Aschenbrenner spielt den schwächlichen Schauspiel-Neuling, Eva Hüster das Nervenbündel, in männlicher Form ähneln ihr Yassin Trabelsi und Viktor Tremmel. Philipp Lux ist ein elegant-entrückter Zirkusdirektor im Tiger-Anzug. Ursula Hobmair und Nadja Stübinger bringen eine angenehme Schwere mit. Torsten Ranft spielt den Regisseur in Höchstform.

Wie schon in seinen beiden anderen Dresdner Inszenierungen hat sich Sebastian Hartmann den bildenden Künstler Tilo Baumgärtel an die Seite geholt, der ein waberndes Kunstwerk als Video-Hintergrund geschaffen hat. Umspielt vom fantastischen Lichtdesign von Andreas Barkleit und der elektronischen Live-Musik Samuel Wieses entstehen Szenen epischen Ausmaßes. Hartmann schafft wieder mal ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk zum Niederknien. Aber damit es nicht zu schön wird, kommt dann eben die phänomenale Cordelia Wege als Lichtgestalt, Narr oder Göttin. Am Ende ist alles nur Theater.

Weitere Vorstellungen am Staatsschauspiel Dresden. Karten: 0351 4913555

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