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Dresdens Operette hat ein riesiges Potenzial

Johannes Pell ist seit Mitte 2020 der neue Chefdirigent der Staatsoperette. Doch Corona hat auch ihn ausgebremst. Wie es nun weitergeht, erklärt er im Interview.

Ist seit Frühjahr mit Frau und zwei Kindern in Dresden daheim: Johannes Pell.
Ist seit Frühjahr mit Frau und zwei Kindern in Dresden daheim: Johannes Pell. © Jens Grossmann

Ein toller Einstieg fürwahr. Mit einem Saisoneröffnungskonzert stellte sich im September 2020 der neue Chefdirigent der Staatsoperette Dresden, Johannes Pell, vor. Der Titel der Show war vielversprechend: „Was Pikantes und Spezielles, kurz: was Sensationelles!“ Dieses Versprechen löste der junge Mann auf seine Weise ein: Er dirigierte und moderierte klug, persönlich, unaufgeregt.

Man spürte, der Maestro, Jahrgang 1982, ist sattelfest im Metier. Wie auch anders, wenn man wie er in den Musikzentren Österreichs geboren und ausgebildet worden ist. „Da bekommt man diese Musik sozusagen in die Wiege gelegt.“ Vermutlich deshalb hatte ihn eine Kommission aus 81 Bewerbern ausgewählt. „Ein großes und starkes Gefühl ist das“, sagte er über die auch ihn überraschende Wahl.

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Nach der Corona-Zwangspause mit Kurzarbeit beginnt an Dresdens Haus der heiteren Muse nun wieder der Probenbetrieb. Anlass für ein Gespräch mit Johannes Pell über die Operette, deren Opulenz, Leichtigkeit und den hohen Anspruch an Musik, Dialog und Regie.

Herr Pell, Sie sagen, Dresdens Staatsoperette sei großartig, sei auf Augenhöhe mit Staatskapelle und Philharmonie. Ein kühner Vergleich, oder?

Wieso? Ich würde mir wünschen, dass die Staatsoperette Dresden auf ihrem Gebiet, in dem Genre Operette, Spieloper und Musical, als gleichwertiger Partner angesehen wird.

In welchem Zustand waren Chor, Orchester und Ensemble, als Sie sie vor mehr als einem halben Jahr in Dresden übernommen haben?

In einem guten und vor allem gesunden Zustand! Es gab eine schöne und vielversprechende erste Zusammenarbeit im Herbst mit dem Eröffnungskonzert und den ersten Proben zu meinen beiden Premierenproduktionen, in der wir leider von Corona ausgebremst wurden. Alle Ensembles haben großes Potenzial und wir alle hoffen, sehr bald wieder vor Publikum spielen zu dürfen!

Wie wird sich vermutlich der monatelange Lockdown auf die Qualität Ihrer Klangkörper auswirken?

Eine lange Pause stellt für jeden Klangkörper eine große Herausforderung dar. Ich denke jedoch, dass wir nach einer gewissen regelmäßigen Proben- und Aufführungszeit wieder gut an unsere alten Stärken anknüpfen werden können. Genau das haben die Ensembles bereits im Herbst nach dem ersten Lockdown gezeigt. Auf Dauer würde das aber nicht funktionieren, denn Orchester und Chöre sind angewiesen darauf, miteinander zu spielen und zu singen!

Was war der wichtigste Beweggrund für Ihre Bewerbung in Dresden?

Dresden ist eine Kulturstadt, die neue Staatsoperette im Kraftwerk Mitte ist ein faszinierendes Haus. Das ist ein tolles, heutzutage fast schon ungewöhnliches Statement der Stadt Dresden. Das neue Haus birgt alle Möglichkeiten und bedient obendrein ein Genre, das mir sehr am Herzen liegt. Außerdem ist es meine erste Leitungsposition.

Wieso trifft die alte Operette den Nerv eines jungen Dirigenten wie Sie, der mit „Tosca“ und „Salome“ reüssiert hat?

Reüssiert habe ich zuallererst mit „My fair Lady“ und der „Csardasfürstin“ in Erfurt. Für mich persönlich ist die Operette ein Stück Heimat! Speziell zur Wiener Operette gehören aber auch Wehmut und Melancholie. Die Stimmung bleibt jedoch meist positiv und optimistisch. Das Timing ist sehr entscheidend, man sollte den Eindruck haben, alles entsteht gerade jetzt im Augenblick und wurde nie genau geprobt und festgelegt. Erst dann stellt sich diese ganz spezielle Atmosphäre ein.

Ist die Operette ein Leichtgewicht oder eine gute, schwere Schule?

Sie ist nicht einfach zu dirigieren. Jeder Dirigent, jede Dirigentin sollte meiner Meinung nach Operette dirigieren können!

Sie sagen, auch politische Bezüge sind immer bei Operetten möglich – zu deren Entstehungszeit schon, aber heute?

Dadurch, dass sich die heutigen politischen Verhältnisse im Vergleich zu damals grundlegend geändert haben, ergeben sich für uns komplett neue Betrachtungsweisen und Deutungsmöglichkeiten.

Wo hören für Sie Regieambitionen oder dramaturgische Neudeutungen auf?

Eines muss ich ganz klar dazusagen, dass Operette IMMER beste Unterhaltung war, ist und sein sollte! Zu viel intellektuell politisches Herumgedeute kann einen Abend auch stören oder gar zerstören.

Wie muss man an eine gute Operette herangehen?

Mit Respekt und Demut, wie bei allen anderen Werken auch!

Haben Sie Lieblingsstücke?

Mein Lieblingsstück ist immer das, das ich gerade dirigiere. Sonst wäre es sehr schwer, mich auf die verschiedenen Werke voll und ganz einzulassen. Aber im Hinblick auf die Operette gehört natürlich „Die Fledermaus“, die Mutter aller Wiener Operetten, zu meinen absoluten Highlights!

Das überrascht nicht. Überraschen Sie mich mit Ihrer Antwort, welches Ziel Sie mit dem Dresdner Haus haben!

Ich will meinen Beitrag leisten, dass die Staatsoperette Dresden ein unverzichtbarer Bestandteil der Stadt und der Region ist und bleibt. Wir wollen unser Publikum begeistern und mitreißen! Auch überregional sollten viele Leute sagen: „Wenn man gute Operette erleben will, sollte man nach Dresden in die Staatsoperette fahren.“

Haben Sie sinfonische Ambitionen?

Klar! Jeder Dirigent, jede Dirigentin hat diese Ambitionen!

Ihre vermutlich erste Produktion nach dem aktuellen Lockdown wird Ende April die lange vergessene Operette „Polnische Hochzeit“ von Joseph Beer sein. Warum sollte ich da reingehen?

Es ist auf jeden Fall ein tolles, abwechslungsreiches Werk, das viele Stile auf gekonnte Art und Weise vereint: Oper und Operette, aber auch traditionelle Tänze bis hin zum Jazz. Ich kann dieses Werk sehr empfehlen und freue mich schon sehr! Erleben Sie die deutsche szenische Erstaufführung der „Polnischen Hochzeit“!

Was war der zweitwichtigste Grund für Sie, nach Dresden zu gehen?

Ich habe vier Jahre lang in Erfurt gelebt und durch verschiedene berufliche Tätigkeiten auch Sachsen ganz gut kennengelernt. Der Freistaat und seine wunderschönen Städte waren mir auf Anhieb sympathisch! Vor allem die reiche Kulturlandschaft macht es einem sehr leicht, hierher zu kommen und zu verweilen.

Sie sind in Linz aufgewachsen, in Salzburg und Wien ausgebildet worden – da kann doch Dresden eigentlich nicht mithalten, oder?

Gegenfrage: Warum nicht? Dresden ist eine wunderschöne Stadt mit einer sehr hohen Lebensqualität! Sie braucht keinen Vergleich zu scheuen!

Sie leben seit einem Jahr in der Stadt – was ist Ihr Lieblingsort?

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Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

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