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Dresdner Zuspitzungen

Die Schriftsteller Ingo Schulze und Kurt Drawert diskutieren über ihre neuen Romane, die beide in der Stadt spielen und noch mehr gemeinsam haben.

Die Schriftsteller Ingo Schulze (l.) und Kurt Drawert diskutieren in Dresden über ihre neuen Romane.
Die Schriftsteller Ingo Schulze (l.) und Kurt Drawert diskutieren in Dresden über ihre neuen Romane. © dpa/Christian Juppe

Es passiert selten, dass ein Schriftsteller den Roman eines anderen öffentlich einen Nulltext nennt. So geschah es am Dienstagabend in Dresden bei einer Veranstaltung im Stadtmuseum mit Ingo Schulze und Kurt Drawert. Beide spielen an der Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur, beide sind Mitglied in der Sächsischen Akademie der Künste, beide setzten sich mehrfach mit ihrer Dresdner Herkunft auseinander.

Der Literaturwissenschaftler Peter Geist sucht in seiner Einführung nach weiteren Gemeinsamkeiten, entdeckt die Elbe als Bezugspunkt in den jüngsten Romanen. Amüsiert stellen die Autoren auf dem Podium fest, dass sie beide was in Dunkelblau tragen. Allerdings verschiedene Schuhfarben. Ein paar mehr Differenzen dürften sich finden lassen. Das beginnt bei Naturell und Charakter und spiegelt sich in Stil und Schreibweise wider. Kurt Drawert, 64, grübelt essayistisch nach innen. Ingo Schulze, 57, grübelt erzählerisch nach außen. Und vielleicht ist es nur Zufall und gar nicht theorieträchtig, dass ihre neuen Bücher in Dresden spielen?

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Im Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze steht ein Antiquar im Zentrum, der seine Kunden in der DDR mit Schätzen versorgt und nach dem politischen Umbruch zur überflüssigen Randexistenz wird mit Sympathie für Rechtsaußen. Das könnte auch in einer anderen Stadt spielen, so der Autor. „Aber in Dresden kenne ich mich in dieser Zeit am besten aus, das steht mir als Reservoir am ehesten zur Verfügung. Im Alter zwischen 14 und 18 habe ich prägende Jahre an der Kreuzschule und in Blasewitz zugebracht. Ich finde es schön, wenn man eine Geschichte genau verorten kann.“

Er erzählt von Wanderungen in der Sächsischen Schweiz, von den Konzertanrechten der Mutter. Die Leseproben, die er an diesem Abend gibt, stammen aus den nächsten Kapiteln: Ein Schriftsteller berichtet von seiner Recherche nach dem Antiquar, der am Ende von einem Felsen stürzt, und eine Lektorin verdächtigt diesen Schriftsteller des Mordes.

Hohelied auf die Literatur

Kurt Drawert nimmt diese Konstruktion auseinander. Er tut es nach allen Regeln der Kunst. Ein Kapitel stelle das vorangegangene infrage und lösche es aus, sagt er: „Es ist ein Nulltext!“ Als Ingo Schulze gerade ein wenig versteinert, erklärt Drawert, dass das nicht kritisch gemeint sei. „Ich finde den Text sehr raffiniert, weil ich nach dem Lesen nicht weiß, wie die Wahrheit aussieht. Die Figuren vertreten gegenteilige Positionen, jede kann recht haben.“

Diese Irritation dürften manche Leser teilen. Stimmt es wirklich, dass ein gebildeter Literaturliebhaber wie der Antiquar zum Rechten wird? Eindeutigkeiten, so Ingo Schulze, werden unserer Erfahrung nicht gerecht. „Der Schriftsteller im Roman entstammt einer Welt, in der genau feststeht, was gut ist und was böse. Aber so einfach ist es nicht.“ Als Beispiel verweist er auf die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik: Sie sei den Auffassungen der AfD sehr viel näher, als mancher wahrhaben will. „Vielleicht ist der Roman ein Versuch, blinde Flecken in unseren Gewissheiten zu finden.“ Kurt Drawert sagt mit heftigem Nicken: „Das will ich auch!“ Er sieht sich in seinem eigenen Schreiben bestätigt: „Ich sage nicht: Es war so. Sondern: Es könnte so gewesen sein. Nichts ist gewiss.“

In seinem Roman „Dresden. Die zweite Zeit“ verbindet er seine Erlebnisse als Stadtschreiber 2018 mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend. Er war als Zwölfjähriger mit den Eltern in die Stadt gekommen und sah sich doppelt bedrängt von einem autoritären Staat und einem gewalttätigen Vater. Die Allmacht wurde ihm zur zerstörerischen Erfahrung. Doch das Ich im Roman sei nicht mit ihm identisch, so Drawert. Er erzählt, wie er Rettung in Büchern fand und selbst zu schreiben begann. „Literatur kann die Ohnmacht des Sprachlosen in Sprache übersetzen. Beim Schreiben will ich wissen, was ich noch nicht weiß.“

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Auch das gehört also zu den Parallelen: Beide Autoren verfassen in ihren neuen Büchern ein Hohelied auf die Literatur. Und beide fühlen sich von der Dresdner Zwiespältigkeit herausgefordert. Schulze spricht von Rissen und Brüchen, von einem Kampf um Deutungen. „In Dresden erlebe ich heute Zuspitzungen, die anderswo nicht so deutlich sind.“ Drawert sagt: „Ich empfinde Dresden als ungewöhnliche Stadt, in der vieles aufbricht, die Gegensätze sind geradezu fassbar.“ Ganz zuletzt entdeckt Ingo Schulze noch eine Gemeinsamkeit: Beide Schriftsteller haben ihren Roman ihrer Mutter gewidmet.

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