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Dresdens Ballettchef "müsste längst weg sein"

Direktor Aaron S. Watkin formte in 15 Jahren das Ballett der Semperoper zu Weltformat. Nun wird gefeiert: live und per Stream.

Training mit Maske : Ballettdirektor Aaron S. Watkin und Mitglieder der Company des Semperoper Ballett.
Training mit Maske : Ballettdirektor Aaron S. Watkin und Mitglieder der Company des Semperoper Ballett. © Jürgen Lösel

Das mag merkwürdig klingen: Das Ballett der Dresdner Semperoper ist derzeit so gut wie wohl nie zuvor. Und zwar wegen der Pandemie. „Vor Corona hatten wir mit vielen Vorstellungen nie genug Zeit, mit allen alle Charaktere bis ins kleinste Detail zu erarbeiten“, sagt Ballettdirektor Aaron S. Watkin. Doch in der pandemiegeschuldeten Schließzeit hätten sie ganztags proben können inklusive Bühnenproben mit Orchester. „Wir haben unsere Klassiker wie ,Schwanensee’ bühnenreif einstudiert und an den modernen Kreationen gefeilt, sogar neue einstudiert. Und zwar so, dass nicht nur die Schritte und Bewegungen saßen, sondern die Tänzer ihre Parts wirklich verinnerlicht hatten.“

Wie das saß, wie das gespielt wurde, das war und ist bereits zu erleben. Mitte Juni gab es Voraufführungen eines neuen mehrteiligen Abends in der Semperoper sowie auf dem Palucca-Schul-Campus. Zudem ist „A collection of short stories“ – so der Titel – ab Ende dieser Woche als Stream im Angebot. Im Oktober hat der Abend dann offizielle Premiere. Er steht mit raffinierten Ausschnitten aus bekannten und neuen Arbeiten für die choreografische Vielfalt der Compagnie. Es ist eine Art Resümee der 15-jährigen Arbeit Watkins als Ballettdirektor in Dresden.

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Sind demnächst wieder im Einsatz: Kostüme für die Dresdner Klassiker-Ballette "Schwanensee" und "Dornröschen".
Sind demnächst wieder im Einsatz: Kostüme für die Dresdner Klassiker-Ballette "Schwanensee" und "Dornröschen". © Ronald Bonß

Reizvolle Angebote anderer Institute hat es immer wieder mal gegeben. Die Dresdner Intendanten waren klug, ihn stets rechtzeitig zu verlängern. 2024 kommt eine neue Intendanz. „Es ist alles offen. Ich würde aber auch erwägen, weiter hier zu bleiben.“

Neue Aufgaben gibt es reichlich. Stärker als zuvor beschäftigen Watkin die teils rassistischen Stereotypen in den Klassikern. „Manche halten das bei den alten Stücken für authentisch. Ich finde, wir müssen deutlicher zeigen, dass wir andere Kulturen respektieren.“ So hat er seine „Dornröschen“-Adaption überarbeitet und plant das auch bei seinem „Nussknacker“. Der bietet unter anderem einen chinesischen Tanz. „Eine Zuschauerin machte mich darauf aufmerksam, dass wir ihn stereotypisch tanzen. Diese konstruktive Kritik nehme ich an und überarbeite die Szene.“

In dieser Zeit formte der gebürtige Kanadier die vordem stark klassisch geprägte Truppe zu einer, die die Spitzenklassik wie die Neoklassik und die Moderne auf hohem technischen Niveau beherrscht. Deshalb haben die Dresdner Tänzer eine exponierte Stellung in der Tanzwelt inne. Entsprechend bietet „Stories“ Szenen aus Watkins eigenen Ballettkreationen wie das Pas de deux aus „Schwanensee“ und den Dreiertanz aus „Le Corsaire“. Zudem gibt es Stücke von den mit der Semperoper eng verbundenen Star-Choreografen William Forsythe und David Dawson sowie Neuentdeckungen von Talenten wie Jorma Elos mit einem wunderbar-kraftvoll wie poetischen Männersolo „Still of a king“ und die namensgebende Uraufführung der „Stories“.

Spannend ist zudem, dass nicht nur die Topsolisten im Einsatz sind, sondern quasi die ganze Compagnie Gelegenheit erhält, sich wieder auf der Bühne zu präsentieren. „Noch mehr als andere Künstler gieren Tänzer wegen der kurzen Zeit ihrer Berufsausübung nach Auftritten vor Publikum. Das Lampenfieber setzt zusätzliche Energie frei“, so Watkin. Auch mit dieser für die Stimmung im Ensemble so wichtigen Herangehensweise unterscheidet er sich von vielen Ballettchefs. „Mein Ziel war immer ein homogenes Ensemble mit natürlich Topsolisten, aber ohne Gruppen- und Lagerbildung, ohne Anfeindungen und Intrigen.“ Das ist selten in der Tanzszene und ein Grund, warum Künstler gern nach Dresden wechseln. Ungewöhnlich lange bleiben sie hier und beenden oft genug ihre Karriere in Dresden, um dann etwa als Ballettmeister oder Assistent dem Haus oder der Stadt – etwa als Pädagoge der Pallucca-Schule – verbunden zu bleiben.

Semperoper-Intendant Peter Theiler hat Aaron S. Watkin bis vorerst 2023 verlängert.
Semperoper-Intendant Peter Theiler hat Aaron S. Watkin bis vorerst 2023 verlängert. © Ronald Bonß

Das war so nicht absehbar, als Watkin, Jahrgang 1970, nach Dresden kam. Der damalige Intendant der Semperoper, Gerd Uecker, wollte mit ihm und den künstlerischen Leitern von Festspielhaus Hellerau und Palucca-Schule das hiesige Tanzgeschehen neu beleben und international profilieren. Das gelang, aber: „Als Direktor eine Vision umzusetzen, dauert meist fünf Jahre, bis das gelingt“, sagt Watkin, der das Amt 2006 übernahm. „In Dresden hat es acht Jahre gedauert, bis wir mit durchweg tollen neuen Tänzern und Choreografen dorthin unterwegs waren, wohin ich wollte.“

Es gab Rückschläge vor allem bei den Choreografien, weil der Chef auch Talente förderte, die sich übernahmen. Längst hat er die Erfahrung, wem er was zutrauen kann, hat die Kontakte, nur Könner einzuladen. Die kommen gern, weil die Arbeitsbedingungen ideal sind und die Truppe ungemein offen und leistungsfähig ist. „Aaron Watkin versteht es, mit der Bandbreite von klassischem bis zeitgenössischem Tanz der Compagnie stets kreative Impulse und neue Perspektiven zu geben“, sagt Intendant Peter Theiler, der den Vertrag des Ballettchefs bis 2023 verlängert hat. Der Tanzboss dankt und wundert sich selbst. „Normalerweise war ich in meinem Leben spätestens nach fünf Jahren in einer anderen Stadt oder Compagnie. Ich müsste also längst weg sein.“

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