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So sind die Kunstdiplome

Absolventen der Hochschule für Bildende Künste Dresden zeigen ihre Abschlussarbeiten. Die besten überzeugen durch Form und Wiederholung.

Es ist wieder Diplomzeit in der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.
Es ist wieder Diplomzeit in der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. © kairospress

Von Uwe Salzbrenner

Es ist stets faszinierend, ein Gebilde zu sehen, das aus simplen, sich wiederholenden Elementen besteht und nach einleuchtenden Regeln vermeintlich endlos weiter wächst. Die regelmäßigen Verzweigungen von Ästen, die Strukturen von Blättern, Wespennestern und Bienenwaben. Paul Reßl hat sich wohl einen Zwölfflächner-Kristall zum Vorbild genommen für seinen „Unendlichen Raumfüllerkörper“ aus gebogenen Fichtenleisten und im 3-D-Drucker gefertigten Verbindungsstücken. Je fünf Doppelleisten bilden aneinander anschließende Kreise, an die auskragenden Spitzen könnten weitere Kreise andocken. Das Merkwürdige daran ist: Die Konstruktion scheint den Raum nicht nur zu füllen, sondern ihn auch zu verändern. Wäre der Körper beweglich, könnte man sich vorstellen, ihn wie ein tibetisches Drahtspiel zu Rädern und Sanduhren zu falten. Wäre nicht das Eigengewicht des Ganzen, Reßl müsste mit dem Bauen wohl nie aufhören.

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Paul Reßl könnte seinen "Unendlichen Raumfüllerkörper" weiterbauen, bis der Raum voll ist oder bis die fragile Konstruktion an ihrem Eigengewicht zusammenbricht,.
Paul Reßl könnte seinen "Unendlichen Raumfüllerkörper" weiterbauen, bis der Raum voll ist oder bis die fragile Konstruktion an ihrem Eigengewicht zusammenbricht,. © kairospress
Die schwarzen Gitarren von Marcus Eck sind unspielbar. Aber seine Komposition erklingt im Raum.
Die schwarzen Gitarren von Marcus Eck sind unspielbar. Aber seine Komposition erklingt im Raum. © kairospress


Marcus Ecks schwarze Gitarren und Bilder von schwarzen Gitarren sind dagegen von vornherein als defekte Form entworfen. Unvollständig und unspielbar, höchstens mit einer vergoldeten Bass-Saitenhülse als Schmuck. Für eine überzeugende Unvollständigkeit, ja angebliche Zerstörung eines schwebenden Objekts gibt sich Eck besonders Mühe, indem er es aus fünferlei Hölzern fertigt. Zu seiner Kunst gehört eine vierteilige Partitur. Die Musik ist über Lautsprecher zu hören, unbeständig und sprunghaft.

Rauminstallation von Eric Beier.
Rauminstallation von Eric Beier. © kairospress


Zur Voraussetzung von Eric Beiers Kunst gehört von vornherein eine Behinderung: dass er im Rollstuhl sitzt. Beier demonstriert das mit einer Fülle verstörenden Materials, mit Reihen von Kanülen auf dem Tisch, Bündel von Kartons, Metallfoliensäcken voll Kathederdeckeln. Fast beiläufig zeigt er Acrylmalerei auf an der Wand befestigten Polstern, rot auf Silber ein Alphabet aus Symbolen, meist Mittel der Gängelung: gerichtete Pfeile und Kreuze, Euro-Zeichen. Toilettensymbole, sortierend nach Rollstuhl oder Geschlecht. Die Symbole haben, wie ein Ausschlag, auch das Mouse-Pad übernommen. Der Würfel auf dem Tisch jedoch, ebenso bedeckt mit verrutschten Symbolen, schwebt auf einem Magnetfeld. Inklusion sollte über die gegenwärtigen Möglichkeiten der Gesellschaft, technisch wie sozial, hinausgehen. Aber zum Selbermachen, wie Beiers Werktitel anregt. Politisch anspruchsvoller wird, von einem englischsprachigen Vortrag zu Männergewalt abgesehen, die diesjährige Diplom-Schau nicht.

Ihre ursprünglich gewählten Metiers beziehungsweise Fachklassen, das zeigen die drei Beispiele auch, haben zahlreiche der 26 Diplomanden des Jahrgangs 2021 verlassen. Das liegt an Professorenstellen, die mit Nevin Aladağ, Susan Philipsz und Olaf Nicolai neu besetzt wurden. Vor allem der eingesetzte Klang ergänzt jungen Künstlerinnen und Künstlern die Ausdrucksmittel. Die Entsprechung der Offenheit: In der Malerei erscheint umso mehr alles möglich und nötig, also nichts festgelegt — was zu Versuchen mit Schockfarben und Gallustinte führt, zu hervorgekehrter Innerlichkeit und grell ausgeleuchteten Landschaften. Will man so viel Gefühl offenbart sehen, Übermut und Traumabwehr? Eine Diplom-Schau ist nicht allein Resümee, sondern auch Beendigung eines sorgsam behüteten, möglicherweise aber unangenehmen Zwischenzustands. Lina Schobel hat dies womöglich erkannt. Sie stellt gelb gestrichene Blüten-Objekte aus, mit Öffnungen für Luftbefeuchter, die Glückshormone aussenden.


Sabine Schober nennt ihre Malerei „playing with painting“ und bleibt dabei minimalistisch, mit Gespür für Helligkeiten und das Gewicht der Fläche auf der mitgetünchten Wand. Maria Chepisheva dagegen unternimmt den Versuch, im kleinen Format kleinen Geschichten formale Klarheit abzugewinnen. Da darf das Gefühl durchaus künstlich sein. Hinzu kommt das koreanische Doppel in Atelier 150: Hier Kim Yunkyung mit der Zwielichtzone der begrünten Vorstädte, gemalt nach Fotografien. Dort Park Soyong mit einer Bühne für grobgesichtige Götter nach fernöstlichem Vorbild. Auch bei ihnen der Reiz der Wiederholung, die Sicherheit der Form.

Die Schau in der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Brühlsche Terrasse (Oktogon und ausgewählte Ateliers) ist bis zum 5. September geöffnet, täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr. Es erscheint ein Katalog.

Sie malen auch noch, die jungen Künstlerinnen. Hier ein Ausschnitt aus der 48-teiligen Arbeit von Maria Chepisheva.
Sie malen auch noch, die jungen Künstlerinnen. Hier ein Ausschnitt aus der 48-teiligen Arbeit von Maria Chepisheva. © kairospress
Auf Natur und Architektur blickt man in den Gemälden von Yunkyunk Kim
Auf Natur und Architektur blickt man in den Gemälden von Yunkyunk Kim © kairospress

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