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Dresdens Operetten-Chefin inszeniert „Fantasticks“ toll

Die erste Nach-Corona-Premiere fantasiert zwischen Realität und Täuschung.

Kathrin Kondaurow, Intendantin, Staatsoperette, Dresden, 18.09.2020.
//Foto: Pawel Sosnowski www.pawelsosnowski.com
Foto: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com
Kathrin Kondaurow, Intendantin, Staatsoperette, Dresden, 18.09.2020. //Foto: Pawel Sosnowski www.pawelsosnowski.com Foto: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Jens Daniel Schubert

Endlich spielt Dresdens Staatsoperette wieder: Nach einem Konzertprogramm am vergangenen Wochenende gab es nun am Donnerstag die erste Premiere – das Off-Broadway-Stück „Die Fantastiks“. Ohne Pandemie und Lockdown, so Operettenintendantin Kathrin Kondaurow, wären „Die Fantasticks“ nicht auf dem Spielplan. Und sie hätte wohl keine Zeit gehabt, selbst zu inszenieren. Beides wäre ein echter Verlust. Das tolle Stück hatte nun in einer fantasievollen, bewegenden, schwungvoll-mitreißenden Inszenierung Premiere im Kraftwerk. Der Jubel des Publikums galt dabei keineswegs nur dem Ende der Theaterabstinenz.

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„Die Fantasticks“ von Tom Jones mit Musik von Harvey Schmidt hat zwar eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte, ist aber hierzulande weitgehend unbekannt. Ältere Operettenfreunde dürften sich erinnern, dass es schon mal in den Neunzigern auf dem Spielplan in Leuben gestanden hatte. Die aktuelle Inszenierung von Kathrin Kondaurow fokussiert auf den Grundgedanken, dass nichts wirklich so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Sie macht daraus eine großartige Theatergeschichte. Bühnengreifende, bunte Unterhaltung mit begeisternden Tanz- und Revue-Szenen in der Choreografie von Jörn-Felix Alt: tiefernst und nachdenklich, komisch bis zum Klamauk. Ein Schuss Romantik ohne Scheu vor kitschigen Momenten. Theaterwelt als Welttheater mit einer Reise durch Raum und Zeit, die an Faust, Peer Gynt oder Candide denken lässt. Individuelles mit allgemeinem Anspruch und persönlicher Konsequenz, auch dank der Dramaturgie von Judith Wiemers.

Die coronagerechten Abstandsregeln beflügeln die Fantasie der Bühnenbildnerin Esther Dandani zu schwebenden Puppenhaus-Zimmern. Realkameras und ihre mehrfach gespiegelte Projektion brechen Distanz und Nähe auf. Sie zeigen sinnlich wahrnehmbar, wie Beziehung zueinander vom jeweiligen Standort, von der Perspektive und dem Blickwinkel abhängt. Die Protagonisten Matts und Luisa sind wegen ihrer verfeindeten Väter isoliert und verlieben sich gerade darum. Zum trickreichen Happy End wird aber nicht abgeblendt.

Bühnenhintergrundfüllende, künstlerisch verfremdete Projektionen des Video-Künstlers Vincent Stefan lassen Raum und Zeit verfliegen, den Theaterzuschauer Teil der „Fantasticks“ werden, denen das reale Leben zu eng ist. Sie verwandeln die Bühne in den Fantasieraum, der Ideen, Erkenntnisse, Einsichten und Erfahrungen ermöglicht. Mit denen man das Reale besser meistern kann. So gesehen ist die Inszenierung ein Plädoyer für die Systemrelevanz von Theater.

:Szene aus "Fantasticks"
:Szene aus "Fantasticks" © Pawel Sosnowski/Staatsoperette

Anders als staatsoperettentypisch hat man sich hier für die kleinste mögliche Band entschieden. Peter Cristian Feigel leitet den Abend musikalisch, spielt mehrere Tasteninstrumente, ergänzt durch Klavier, Harfe, Kontrabass und Schlagzeug. Man kann also auch reduziert gut in diesem Haus. Und aus dem Graben, der als schöne Geste zum Applaus hochgefahren wird, die Bühne befeuern. Dabei bietet das Musikalische kulinarische Köstlichkeiten, die die Musiker unter Feigels inspirierter Leitung gerne auskosten.

Der Harlekin, der die Geschichte erzählt und mitspielt, der mit einem Bein auf dem Theater, mit dem anderen im Leben steht, ist hier El Gallo. Bandit, Showmaster, Mephistopheles, Verführer – eine weitere Paraderolle für Christian Grygas! Er singt, tanzt und spielt mitreißend. Er ist magisch und entlarvend, steht über den Dingen und lässt Betroffenheit erkennen.

Nach dem Schein-Happy-End im ersten Akt treibt er die Geschichte weiter. Er entführt Luisa aus dem verödeten Paarleben in die wirbelnd bunte Welt, die sie natürlich nicht halten kann. Bei Matt übernehmen das zwei Komödianten, gespielt von Dietrich Seidlitz und Markus Lieske. Matt muss die Weltreise ganz unten machen, am Grunde des Lebens. Erfahrungen, die weit prägender sind als die Vater-Welten.

Die nur scheinbar verfeindeten Väter werden burschikos-unernst mit viel Ironie von Marcus Günzel und Bryan Rothfuss gegeben. Ihre Kinder Matt und Luisa erleben vor unseren Augen, was sie groß und stark werden lässt.Da strahlt Gero Wendorf als Matt, schön in Gesang und Tanz, sehr rund als Figur. Laila Salome Fischer ist ambivalenter, mal unschuldiges Mädchen, mal reifende Frau, mal strahlende Musicalheldin, mal differenzierter Charakter, mal sicher und klar, mal verunsichert. Wahrscheinlich macht sie gerade dadurch ihre Figur so stark. Und starke Frauen sind wichtig auf dem Theater. Gerne auch ohne Corona!

Weitere Aufführungen am 12. und 13. 6. sowie 3., 4., 6., 7., 23. und 24. 7.; Karten- und Info-Tel. 0351 32042222,Informationen zu den aktuellen Hygieneauflagen für den Theaterbesuch sind bitte der Website der Staatsoperette zu entnehmen.

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