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Thielemanns Ritterschlag für den Kulturpalast

Bevor alles zumacht: Die Staatskapelle legt neue Klangfacetten des Saales frei. Dem Chefdirigenten fällt das Abstandhalten schwer.

Probe und Konzert des 5. SYKO der Staatskapelle unter Christian Thielemann
Foto: Matthias Creutziger
Probe und Konzert des 5. SYKO der Staatskapelle unter Christian Thielemann Foto: Matthias Creutziger © Matthias Creutziger (Archiv)

Wer kann es ihm verübeln? Wohl kam Dirigent Christian Thielemann mit Maske auf die Bühne im Dresdner Kulturpalast. Doch nach knapp 90 Minuten hochkonzentrierten und triumphalen Musizierens war er so platt und überwältigt, dass er den Abstand zu seinen Kapellmusikern nicht mehr korrekt einhielt. Die Maske lag längst auf dem Pult. Und das Publikum im ausverkauften, halb vollen Saal tobte an diesem Sonntagmorgen nach einem Parforceritt. Es schien ein anderes als sonst in den Kapellkonzerten zu sein – oder lag die ungewöhnliche Begeisterungsfähigkeit daran, dass alle wussten: Dieses Konzert der Kapelle wird für längere Zeit das letzte sein. Vielleicht für Monate?

Tatsächlich war das Sonderkonzert ursprünglich für den Dienstag geplant gewesen. Es wäre also nach den neuen Pandemie-Bestimmungen ausgefallen. Doch Thielemann, erst zum zweiten Mal im Kulti, und sein Team wollten unbedingt spielen, und die Dresdner Philharmonie als Hausherr ermöglichte es. Und das war gut so, denn mit der Wahl der Stücke und der spezifischen Klangkultur der Kapelle wurden neue, so noch nicht entdeckte Soundfacetten und Saalmöglichkeiten freigelegt.

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Solist erkrankt

Geradezu verblüffend geriet der Start mit zwei Fanfaren von Richard Strauss. Nur Musiker mit gülden schimmernden Instrumenten – acht Hörner, je sechs Trompeten und Posaunen sowie zwei Tuben – hatten auf der Chorempore Aufstellung genommen, zwei Pauken unterstützten sie. Während die eine choralartige Fanfare mit suggestiv-feierlicher Weise den Zuhörer bannte, geriet die Ball-Fanfare heiter und gelöst. 

Der knapp zehnminütige Vortrag verdeutlichte, dass die Chorempore mit ihren Reflexionswerten bislang unterschätzt wurde. Ganz klar: Es müsste dort oben ein reines Konzert mit dieser raffinierten Besetzung oder mehr solche Stücke geben. Dann Beethovens schweres, ungemein populäres Violinkonzert. Man glaubt nur zu gern, dass es lange als unspielbar galt. Julia Fischer sprang als Solistin für den erkrankten Nikolaj Szeps-Znaider ein – sie ist mit dem Saal als langjährige Partnerin der Philharmonie vertraut. 

Fischer und Thielemann fanden eine kraftvolle, über weite Strecken faszinierend innige Interpretation. Die Geigerin schien sich in den liedhaften Themen förmlich in die Gruppen der Geigen und Celli zurückzuziehen, drehte sich im Wechselspiel mit Klarinette und Fagott zu diesen hin, um sofort wieder vorn bei Thielemann ihre Hauptmelodie eindringlich auszuspielen. Großer Jubel nach 45 Minuten für die Geigerin von Publikum, Orchester und Dirigent. Ohne eine Bach-Zugabe durfte Fischer nicht heim.

Wie eine zweite Weihe

Und dann setzte die Kapelle mit Schumanns unterschätzter „2. Sinfonie“ E-Dur noch eins drauf, obwohl das nach diesem Beethoven unmöglich erschien. Eine volle, das Podium fast sprengende Mannschaft agierte mit einem Nachdruck und rauschhaften Klang, sodass das Werk dem zuvor Gehörten mindestens ebenbürtig wurde.

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Fazit: Mit unerhörter Brillanz und großem Kino wurde dieser Saal dreieinhalb Jahre nach seiner Eröffnung noch einmal neu geweiht. Thielemann und die Staatskapelle dürften hier künftig öfter musizieren. Denn sie gewinnen selbst und haben hier den idealen Raum für jene Werke, für die die Semperoper weniger geeignet ist.

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