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Udo Lindenberg: „Resignieren ist nie eine Alternative“

Panikrocker Udo Lindenberg ist kürzlich 76 geworden und geht ungeachtet dessen wieder auf eine ausgedehnte Tour. In Dresden spielt er erstmals im Stadion.

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Nur echt mit Hut und Sonnenbrille: Udo Lindenberg kommt nächste Woche mit einer großen Show nach Dresden.
Nur echt mit Hut und Sonnenbrille: Udo Lindenberg kommt nächste Woche mit einer großen Show nach Dresden. © Tine Acke

Es gibt nicht viele Rocker hierzulande, die bereits zu Lebzeiten Denkmale gesetzt und Ehrenbürgerschaften verliehen bekamen. Eigentlich schaffte das nur einer, der sich zugleich in einer Art Privatkosmos bewegt: Udo Lindenberg. Der Mann, der vor 50 Jahren deutsche Texte im Rock ’n’ Roll hoffähig machte, feierte am 17. Mai seinen 76. Geburtstag. Kurz danach startete er eine Tour, auf der er bis Juli in dreizehn Städten spielen wird, natürlich ausschließlich in Stadien und großen Arenen.

Sein schütter gewordenes Haar verbirgt er seit Jahren unter einem Hut, nach einem Herzinfarkt fuhr er den Konsum verschiedener Genussmittel herunter. Doch ans Aufhören denkt er nicht einmal. Vor seinem Konzert in Dresden verrät Udo Lindenberg im Interview, wer ihm während des Lockdowns erschienen ist und was er mit einer Kickboxeuropameisterin zu schaffen hat.

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Herr Lindenberg, brauchen Sie vor einer Tour ein spezielles Fitness-Training? Mit Mitte 70 reduzieren viele körperliche Anstrengungen auf ein Minimum, Sie ziehen auf Tour hingegen jeden Abend eine Zwei-Stunden-Show durch.
Wenn man so viele Jahre dabei ist, also seit 50 Jahren auf der Bühne steht, ist das wie Hochleistungssport. Da hat der Körper eine gewisse Automatik entwickelt, um punktgenau auf Touren zu kommen. Außerdem jogge ich jeden Abend.

Tatsächlich jeden Abend, also auch, wenn Sie unterwegs sind?
Genau. Durch die Nacht, gut getarnt, wo immer ich auch bin. Vor so einer Tour intensiviere ich das Training allerdings noch mal. Mit meiner Power-Trainerin, der Kickboxeuropameisterin Natalie Zimmermann, die greift jetzt übrigens auch im Frauen-Boxen an. Also wir trainieren zusammen und geben uns außerdem gegenseitig Tipps – so von künftiger Weltmeisterin zu Panikmeister.

Udo Lindenberg 1983 vorm Palast der Republik im Osten Berlins.
Udo Lindenberg 1983 vorm Palast der Republik im Osten Berlins. © Kristina Eriksson

Die Fitness ist also da. Doch was kommt diesmal auf die Bühne?
Eine gigantische Show. Mit Flugobjekten, Artistinnen, Tänzerinnen und unserer gesamten Panikfamilie. Und es kommen die neuesten LED-Wände an den Start, über die geniale Visuals laufen und natürlich unsere politischen Songs, Friedenslieder – von „Wir ziehen in den Frieden“ über „Wozu sind Kriege da? bis „Bunte Republik“. Alles wird wunderbar in Szene gesetzt von unserem Zauber-Regisseur Hannes Rossacher und unserer Giganten-Crew von 150 Menschen.

Wen haben Sie alles an speziellen Gästen dabei?
Diesmal gibt es überwiegend Udo pur. Clueso war schon dabei in Stuttgart, aber im Wesentlichen ist da diesmal das legendäre Panikorchester, die Kollegen sind ja nun auch schon 50 Jahre dabei. Allerdings verstärkt durch jede Menge neue Talente, die wunderbar in den Panikkosmos passen. Mit den Kids on Stage singen wir unsere Friedenslieder, die heute von grausamster Aktualität sind.

Mussten Sie Ihre Show reduzieren, weil Ihnen die Fachleute fehlen? Viele haben ja durch Corona die Branche gewechselt.
Wir konnten 80 Prozent unserer Crew reaktivieren oder halten. Das ist nicht bei allen Kollegen so, aber wir halten schon seit so vielen Jahren zusammen, da entsteht auch eine gewisse Treue. Es war uns immer klar, dass es weitergehen muss – und wird. Die Coronazeit war tragisch für die ganze Branche. Umso besser, dass es wieder losgeht, mit unserem Panikzirkus, den großen Festivals wie „Rock am Ring“, „Wacken“ und so weiter. Da hat die ganze Branche drauf gewartet. Und ich bin sicher, viele von denen, die abgewandert sind, werden auch zurückkommen, wenn unsere Shows erst mal wieder laufen. Rock ’n’ Roll ist schließlich kein Job, sondern ein Lebensgefühl.

Udo Lindenberg am 22. Mai bei der öffentlichen Generalprobe für seine Tour.
Udo Lindenberg am 22. Mai bei der öffentlichen Generalprobe für seine Tour. © dpa

Wie haben Sie selbst diese Zeit überstanden? Fiel Ihnen zwischenzeitlich die Decke auf den Kopf?
Ich schlich durch endlose Gänge im Hotel Atlantic, quasi Shining Hotel, wie in diesem Film mit Jack Nicholson. Manchmal habe ich tatsächlich auch die Zwillinge gesehen… Tausend endlose Nächte, ich war der einzige Gast. Da traf ich gute Geister, böse Geister, die mich inspirierten. Ich bekam auch viele SMS, Anrufe, Nachrichten, Brieftauben und Rauchzeichen von unseren Fans, dem Clan der Lindianer. Da wusste ich, dass ich nicht alleine bin. Das hat mich durch diese dunkle Phase getragen. Durch die schweren Zeiten half mir dieses Panikfamily-Feeling. Na ja, und ich habe auch sehr viel gemalt.

Wie sehr schlägt Ihnen jetzt der Krieg in der Ukraine aufs Gemüt?
Zu sehen, wie dieser durchgeknallte Putin knallhart seinen Vernichtungskrieg durchzieht, macht mich wütend und betroffen. Wir haben ja auch gleich geholfen mit Aktionen für Unicef. Dieser Krieg in der Ukraine bestimmt gerade alles. Aber seit Jahren toben vergessene Kriege im Jemen, im Sudan, in Mali, in Syrien – man könnte verzweifeln. Wir singen nach 40 Jahren immer noch „Wozu sind Kriege da“, und die Friedenshymne „Wir ziehen in den Frieden“ singen Kids auf Demos. Wann werden die Menschen endlich etwas daraus lernen? Fakt ist doch: Wenn die Menschheit nicht die Kriege beendet, beenden die Kriege die Menschheit.

Klimawandel, Corona, Krieg – wie und womit bringen Sie sich angesichts so vieler Probleme auf positive Gedanken?
Auch wenn viele heute sagen, Pazifismus wäre naiv: Bei allem Realismus dürfen wir doch trotzdem unsere Utopien nie aufgeben. Für die Kinder in der Ukraine, in Russland, in Deutschland und überall auf der Welt. Nimm dir das Leben – wir haben nur eins. Und das gilt es auch zu feiern. Das hält wach. Resignieren ist nie eine Alternative. Utopien sind Überlebensmittel für eine positive Haltung. Und auf der Bühne mit meiner Panikfamilie zu sein, das bringt mich immer wieder auf gute Gedanken. Das ist mein Eldorado und gemeinsam feiern wir unsere Panikfamilie.

Denken Sie manchmal heimlich doch über den Ruhestand nach?
Ein richtiger Rock’n’Roller geht nicht in Rente. Ich bin ja noch ein junges Talent.

Nicht Ihr Ernst, oder?
Na ja, vielleicht bin ich ja wirklich schon ein bisschen älter, zumindest nach irdischer Zeitzählung. Aber ich stecke immer noch voller Neugierde und Visionen. Ruhestand kommt für mich nicht infrage. Alter steht für Radikalität und Meisterschaft. Man könnte auch etwas plakativ sagen: Der Greis ist heiß.

Auch wenn Sie weiter durchziehen wollen: In welcher Künstlerin oder welchem Künstler sehen Sie so etwas wie Ihren legitimen Nachfolger?
Da kann ich jetzt explizit keinen nennen. Ich freue mich, dass unsere deutsche Musikszene heute so vielfältig ist. Als ich anfing, war die deutsche Sprache nicht „singbar“. So sagten sie damals. Dann haben wir das aufgebrochen und eine Startbahn gebaut für deutschsprachigen Rock. Danach haben sich viele getraut und heute haben wir eine bunte und vielfältige deutsche Musikszene. Wir arbeiten ja auch mit vielen jungen Musikern zusammen. Da ist viel gewachsen. Heute ist Rockmusik mit deutschen Texten etabliert und bunt.

Welche musikalische Entwicklung beobachten Sie mit Grauen?
Rechtsrock und frauenfeindlichen, homophober Schwachmaten-Rap. Beides geht wirklich überhaupt nicht.

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Gibt es etwas, was Sie den Dresdnern schon immer mal sagen wollten?
Eigentlich nur Lobendes. Ich war oft in Dresden nach der Wende, mit Familie, mit Freunden. Wir sind in der Neustadt rumgestreunert. Da waren wir oft in einer Kneipe, die hieß „Andere Doria“. Und in der Nähe, in der Rähnitzgasse, gab’s, nein, gibt’s immer noch das coole „Red Rooster“. Und wir alle lieben den Zwinger, weil ein Kumpel hier geheiratet hat. 2001 haben wir unsere „Rock gegen rechte Gewalt Tour“ in Dresden gestartet. Wir freuen uns also darauf, wieder mal nach Dresden zu kommen, und sind heiß auf das Stadion. Es soll ja eins der schönsten in Deutschland sein. Und an diesem Abend ist es das mit Sicherheit.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Konzert: Udo Lindenberg und das Panikorchester, 18. Juni, 20 Uhr, Rudolf-Harbig-Stadion, Dresden; Karten gibt es in den DDV-Lokalen, telefonisch unter 0351 4864 2002 sowie im Netz.

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