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Vampir-Alarm im Dresdner Militärmuseum

Der Andrang beim Stummfilm-Kino mit "Nosferatu" zu Live-Musik war so groß, dass gut 200 Menschen weggeschickt werden mussten. Trost gibt es im Internet.

Von Andy Dallmann
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Olicía und Assimilation Process verpassten dem Klassiker "Nosferatu" im Dresdner Militärhistorischen Museum einen packenden neuen Soundtrack.
Olicía und Assimilation Process verpassten dem Klassiker "Nosferatu" im Dresdner Militärhistorischen Museum einen packenden neuen Soundtrack. © MHM/Ulke

Die übergroße Mehrheit der Veranstalter beklagt derzeit die Zurückhaltung potenziellen Publikums: schleppender Vorverkauf, die durch Corona eingeschränkten Platzkapazitäten bei Weitem nicht ausgereizt, Verunsicherungen mit Blick auf die Einlass-Regeln. Im Dresdner Militärhistorischen Museum der Bundeswehr war am Donnerstag das Gegenteil zu erleben. Der Andrang übertraf die kühnsten Erwartungen.

Seit Jahren ist es bereits Tradition, dass das Museum im Rahmen des DAVE-Festivals einen Stummfilm zeigt und live neu vertonen lässt. Unter anderem Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", "Die Passion der Jungfrau von Orléans" oder der Propagandastreifen "Arsenal" aus frühesten Sowjet-Tagen liefen bereits erfolgreich, bekamen durch neue elektronische Klänge zugleich eine völlig neue Wirkung.

Jetzt war Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" dran, eine "Symphonie des Grauens", die vor exakt 100 Jahren entstanden und am 4. März 1922 im Marmorsaal des Zoologischen Gartens Berlin uraufgeführt worden ist. Da das DAVE-Festival in diesem Jahr seinen Fokus ganz auf die Clubs der Stadt legt, lief "Nosferatu" autark, bescherte der Reihe jedoch den bisher größten Erfolg.

Olicía, also Anna-Lucia Rupp (l.) und FamaM’Boup, sowie der Musikproduzent Stefan Senf alias Assimilation Process bei der "Nosferatu"-Vertonung.
Olicía, also Anna-Lucia Rupp (l.) und FamaM’Boup, sowie der Musikproduzent Stefan Senf alias Assimilation Process bei der "Nosferatu"-Vertonung. © MHM/Ulke

Die Veranstalter hatten auf das 2G-Prinzip gesetzt, konnten so also die zugelassenen 250 Plätze im Saal voll besetzen. Während man drinnen bereits auf den Beginn des Spektakels wartete, staute sich vorm Einlass eine lange Schlange. Schließlich mussten gut 200 Menschen weggeschickt werden, denen immerhin ein Trost bleibt. Das Ganze wurde von Hechtfilm professionell und mit insgesamt fünf Kameras aufgezeichnet, soll ab spätestens Dienstag im Netz für vier Wochen zu sehen sein. Die knisternde Spannung, die Atmosphäre, das schiere Vergnügen, Kultur in einem proppenvollen Raum erleben zu können, lässt sich so allerdings nicht übertragen.

Drehen an der Spannungsschraube

Im "Libeskind-Keil" des Museums verpassten das Musikerinnen-Duo Olicía sowie der Soundbastler und Produzent Stefan Senf alias Assimilation Process dem harmlos startenden Grusel-Klassiker einen Soundtrack, der früher als der Film an der Spannungsschraube drehte. Elektronische Klangflächen, ein sachtes Klopfen, ein verwirrender Mix aus schwer zu deutenden Geräuschen. Eine großartige Idee, nicht in den Standardbaukasten der Thriller-Begleitklänge zu greifen und Erwartungen so zu unterlaufen.

Während auf der Leinwand die Geschichte um Hutter, der im Auftrag des dubiosen Maklers Knock ein "schön ödes" Haus verkaufen soll und deshalb zum Grafen Orlok nach Transsylvanien reist, Fahrt aufnahm, hielten sich die Musiker weiterhin zurück. Stimmen kamen dazu, auch eine Klarinette. Niemals jedoch drängte sich das Trio in den Vordergrund, arbeitete vielmehr konzentriert mit den Bildern, holte sie ganz sacht in die Gegenwart.

Fama M’Boup hat wie ihre Kollegin Anna-Lucia Rupp in Dresden studiert und hier Olicía gegründet.
Fama M’Boup hat wie ihre Kollegin Anna-Lucia Rupp in Dresden studiert und hier Olicía gegründet. © MHM/Ulke

Während Orlok blutsaufend und die Pest verbreitend übers Meer nach Wisborg schippert, um die Heimatstadt Hutters weitgehend auszulöschen, bekam die Musik stetig mehr Drive. Ein rhythmischer Ausbruch begleitete Makler Knock bei seiner Flucht quer durch die Stadt. Und das Finale, in dem sich Hutters Frau Ellen opfert, den Vampir bis nach den ersten Hahnenschrei am eigenen Hals hält, selbst stirbt, aber zugleich den Unhold vernichtet, verlangte förmlich nach akustischer Steigerung.

Den regelrecht knalligen Schlusspunkt setzen Olicía und Assimilation Process jedoch weit hinter den Abspann. Ein verdienter Tusch in eigener Sache. Das Publikum klatschte so lange und so begeistert, dass eigentlich eine Zugabe fällig gewesen wäre. Die muss man sich nun aber bei den nächsten Konzerten der Beteiligten holen. Oder zu sich nach Hause holen: Olicía haben gerade ihr Debütalbum "Liquid Lines" unter anderem auch auf Vinyl veröffentlicht.