merken
PLUS Feuilleton

Vermächtnisse der Risikogruppe

Ein Dresdner Theaterkollektiv ruft besonders gefährdete Menschen auf, ihre digitalen Botschaften zu hinterlassen. Das ist weniger morbide, als es klingt.

Archiv der Lebenden Toten
Archiv der Lebenden Toten © Theatrale Subversion

Keine Umarmung, keine Treffen in geschlossenen Räumen. Selbst ihren Freundinnen kommt die junge Frau nicht zu nah. Romina hat einen angeborenen Herzfehler, durch den auch ihre Lunge geschwächt ist. Damit gehört sie zur Risikogruppe. Also zu denen, bei denen eine Corona-Infektion schwer oder im schlimmsten Falle tödlich verlaufen könnte. Kontakte zur Außenwelt sind für sie eine Ausnahme. Romina hat jetzt ihr Vermächtnis hinterlassen: Im „Archiv der lebenden Toten“.

Romina ist einer der Menschen, wegen derer die Welt Maske trägt, bis genügend immunisiert sind. Andere sind über 70, leiden an chronischen Krankheiten, haben körperliche Beeinträchtigungen. Was viele nicht wissen: Zur Risikogruppe gehören an die 40 Prozent der deutschen Bevölkerung.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Lebenszeichen aus der Isolation via Video-Vermächtnis.
Lebenszeichen aus der Isolation via Video-Vermächtnis. © Maks Pallas

„Doch diese Menschen sind mehr als eine Statistik“, sagt Romy Weyrauch. Sie ist eine der Gründerinnen des Webportals „Archiv der lebenden Toten“, das Menschen aus der Risikogruppe eine Stimme geben will. Das Archiv ist ein Projekt von Weyrauchs Theaterkollektiv Theatrale Subversion. Die Dresdner Gruppe arbeitet stets dokumentarisch, das heißt, dass für Inszenierungen Interviews mit „echten“ Menschen geführt und diese dann zusammen mit anderen Recherche-Ergebnissen szenisch aufbereitet werden.

Als im ersten Lockdown die Möglichkeit wegfiel, Themen auf die Bühne zu bringen, machten sich die Künstlerinnen und Künstler der Theatralen Subversion auf die Suche nach Alternativen im digitalen Raum.Das Thema war schnell klar: „Wir wollten uns der Gruppe zuwenden, die zur schwächsten dieser Gesellschaft gehört, weil sie existenziell gefährdet ist durch das Verhalten anderer.“ Das sagt Performer Alexander Bauer, der für die technische Umsetzung des Archivs verantwortlich ist. Es sollte so niedrigschwellig und selbstbestimmt wie möglich erreichbar sein: Jede und jeder kann nach der Registrierung eigenständig seine Videos anhand eines Fragebogens hochladen. So muss niemand fürchten, dass Videos in irgendeiner Form aus dem Zusammenhang gerissen oder entstellend geschnitten werden. Immerhin geht es mitunter ziemlich persönlich zu.

Performer*innen der Theatralen Subversion: Michael McCrae, Romy Weyrauch und Alexander Bauer
Performer*innen der Theatralen Subversion: Michael McCrae, Romy Weyrauch und Alexander Bauer © Martin Mulik

Los geht es mit relativ simplen, informativen Fragen: „Gehörst du zur Corona-Risikogruppe?“, „Wie hat sich dein Alltag seit Beginn der Pandemie verändert?“ Doch es wird immer tiefgründiger: „Inwieweit trägst du Verantwortung für den Schutz des Lebens anderer?“ oder „Welche Veränderungen erhoffst du dir durch die Corona-Pandemie?“„Vermächtnis“ nennen die Theatermacher die hochgeladenen Videos. Das klingt ähnlich morbide wie der Name des Archivs. Doch klickt man sich durch die „Vermächtnisse“, stellt man fest: Ja, es geht auch um den Tod, aber das ist gar nicht schlimm. „Der Tod gehört zu meinem Leben wie meine Geburt“, sagt eine ältere Frau lächelnd in die Kamera. „Menschen aus der Risikogruppe sind es eher gewohnt, sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen“, sagt Michael McCrae, der dritte Performer hinter dem Projekt. Er wünscht sich, dass diesen Menschen zugehört wird. Dass sie andere zum Nachdenken anregen.

Wie fühlen sich die Menschen, zu deren Schutz die Welt gerade Maske trägt?
Wie fühlen sich die Menschen, zu deren Schutz die Welt gerade Maske trägt? © Maks Pallas

Die Antworten auf die großen und kleinen Fragen auf der Videoplattform sind so alltäglich wie fesselnd, so authentisch wie berührend. Abgefilmt mit den eigenen Handys sind es Lebenszeichen aus der Isolation: Die Menschen sprechen darüber, wie sie die Situation bewältigen, wie sie die Maßnahmen einordnen. Sie berichten von Sorgen und Bewältigungsstrategien, hinterfragen das Verhalten ihres Umfeldes und der Öffentlichkeit. Und so stellt sich die Magie ein, die auch Theateraufführungen auf Basis realer Geschichten oder mit Laien besitzen: Man kann die Echtheit spüren, ohne zu tief mit drinzustecken.

Übrigens soll es nicht bei dem Web-Projekt bleiben: Im Juni gibt es, so Corona es zulässt, eine Bühnenversion mit Premiere im Festspielhaus Hellerau. Bis dahin ist das Ziel, noch möglichst viele Vermächtnisse einzusammeln, um ein breiteres Bild mit noch mehr Geschichten zu schaffen. Zu Beginn des Projektes hatten die Künstlerinnen und Künstler vor allem im privaten Umfeld nach Teilnehmern gesucht. Doch es soll sich eine möglichst vielstimmige Auseinandersetzung ergeben, „ein Dialog zwischen Menschen, die nie miteinander gesprochen haben“, so Romy Weyrauch.

Die vorletzte Frage lautet: „Welche letzten Worte möchtest du der Welt hinterlassen, falls du die Pandemie nicht überlebst?“ In ihrer Schlichtheit, aus den Wohnzimmern, Küchen und Gärten der Betroffenen heraus, wirken die Antworten dann alles andere als morbide: „Ich wünsche euch allen, dass ihr wirklich in Frieden leben könnt und dass die Menschen lernen, einander zu achten.“

Die Auseinandersetzung mit dem Tod, das zeigt das „Archiv der lebenden Toten“ in all seiner Unmittelbarkeit, schafft Hoffnung. Und Lust auf das Leben.

Hier können Sie Ihr "Vermächtnis" hochladen oder sich über das Projekt informieren: Archiv der lebenden Toten

Mehr zum Thema Feuilleton