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Vernetzt euch!

Die Dresdner Bürgerbühne zeigt eine Inszenierung über Netzwerke und verbindet die Zuschauer gleich mit.

Freundschaften sind wichtiger als Partnerschaften, findet Aisha (Mitte)
Freundschaften sind wichtiger als Partnerschaften, findet Aisha (Mitte) © Sebastian Hoppe

"Triffst du dich manchmal mit Freunden?“ – „Warst du je Teil einer Clique?“ – „Wie viele Freunde hast du auf Facebook?“ Der neue Theaterabend der Dresdner Bürgerbühne beginnt mit einem sozialen Experiment. Die Zuschauerinnen und Zuschauer stehen im großen Saal des Kleinen Hauses verteilt an Bartischen und werden gründlich befragt. „Was ist dir wichtiger, Freundschaft oder Partnerschaft?“ – „Warum findest du es schön, mit Freunden zu reden?“ Je nach Antwort bekommt man einen bunten Sticker auf die Kleidung gepappt. Wozu der dient, erfährt man erst später, doch der Effekt ist da: Man lernt die Menschen am Nachbartisch kennen, lächelt sich an, lacht vielleicht kurz. Das erste kleine Netzwerk ist gesponnen.

Die Performancegruppe Turbo Pascal hat ihre Inszenierung mit dem sperrigen Titel „Dichte Netze“ dann auch passenderweise „Netzwerktreffen“ genannt. Was man gemeinhin mit großen Veranstaltungen für Startup-Chefs verbindet, ist hier die Präsentation einer längeren Recherche. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern untersuchten Turbo Pascal, wie sich Menschen in analogen und sozialen Netzwerken verhalten, welchen Stellenwert sie einnehmen, wo sie bereichern und wo sie gefährlich werden. Die Arbeit an dem Stück wurde durch Corona unterbrochen und gleichzeitig neu thematisch beflügelt: Nie zuvor nutzten so viele Menschen so intensiv soziale Netzwerke und konnten gleichzeitig Beziehungen im realen Raum nicht mehr pflegen.

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Und am Ende kommen alle mit allen ins Gespräch.
Und am Ende kommen alle mit allen ins Gespräch. © Sebastian Hoppe

Die Spielerinnen und Spieler erzählen ihre Geschichten und Überlegungen unterhaltsam, dezent umrahmt von Sound oder Musik. Da ist Flo, der sich geborgen in einer großen WG fühlte, bis seine Freundin schwanger wurde und sie eine Kleinfamilie gründeten – die WG vermisst er noch immer. Da ist Matthias, der immer weniger Menschen um sich hatte, je höher er die Karriereleiter hinaufkletterte. Da ist Nina, die im Iran verhaftet wurde und nun von Dresden aus für die Rechte von Frauen in ihrer Heimat kämpft – über Instagram, dem einzigen sozialen Netzwerk, das in Iran nicht verboten ist. Soziale Netzwerke also nicht nur als sinnlose Zeitfresser, sondern als politische Werkzeuge.

Das sind spannende Einblicke an einem Abend, der umso unterhaltsamer wird, desto mehr sich auch die Zuschauer beteiligen. Entsprechend der Farbe ihrer Sticker werden sie Teil interaktiver Einschübe, je nach dem, ob sie auf dem Dorf aufgewachsen sind, gern Sport im Freien treiben oder sich politisch vernetzen möchten. Mehrmals muss man den Ort wechseln und kommt am Ende sogar in einem kleinen Gesprächskreis mit den Spielern zusammen. Hier wird diskutiert über politische Vernetzung, Filterblasen und alternative Wohnkonzepte. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich mit einigen der gerade erst kennengelernten Menschen irgendwie verbunden. Und für einen Augenblick scheint die kleine Utopie auf einer wirklich vernetzten Welt – bis jeder für sich selbst wieder in den Abend verschwindet.

"Dichte Netze" im Kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden

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