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Vom Lehmmännel zur Pittiplatsch-Aushilfe

Walter Später war Puppenspieler, Drehbuchautor und Regisseur beim Dresdner Trickfilmstudio. Am Freitag wurde der Erfinder der Dudeldicks 95.

Schweine in Aufruhr: Den Puppentrickfilm „Krawall im Stall“ drehte Walter Später 1960 im Dresdner Studio.
Schweine in Aufruhr: Den Puppentrickfilm „Krawall im Stall“ drehte Walter Später 1960 im Dresdner Studio. © Defa-Stiftung/Wolfgang Bergner

Selbst beim Gärtnern kam Walter Später nicht vom Trickfilm los. Anfang der 60er-Jahre buddelte er auf seinem Pennricher Grundstück ein Loch und stieß dabei auf eine Lehmschicht. Statt sich weiter mit dem Spaten zu schinden, folgte er einem spontanen Einfall: Er spielte mit der Pampe herum, knetete erst einen Mann, dann eine Frau und ließ wenig später beide mithilfe der Kamera lebendig werden.

Lange vor animierten Knetfiguren-Stars wie Wallace und Gromit brachte Später seine knautschigen Helden auf die Leinwände der DDR. Der Mann, der am Freitag 95 Jahre alt geworden ist, hatte beim Dresdner Trickfilmstudio ausgesprochen viel zu tun. „Ich war Puppenspieler, habe Puppen gebaut, Regie geführt und Drehbücher verfasst“, sagt Später. Er erfand nicht nur die Lehm-Trickfiguren oder nachfolgende Knete-Helden wie „Plastel und Linchen“ sowie die Dudeldicks, er mischte bei „Jan und Tini auf Reisen“-Filmen mit, bei legendären Puppentrickproduktionen wie „Zar Wasserwirbel“; stand immer parat, wenn eines seiner vielen Talente gebraucht wurde. „Dadurch hatte ich immer volle Taschen und einen vollen Kühlschrank.“ Oder, wie er feixend nachschiebt: „Ich habe mein Leben lang mit Puppen gespielt und damit wirklich gutes Geld verdient.“

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Szene aus "Zar Wasserwirbel", einem legendären Defa-Trickfilm von 1979.
Szene aus "Zar Wasserwirbel", einem legendären Defa-Trickfilm von 1979. © ©DIAF-Archiv

Dabei sah es für ihn lange gar nicht so aus, als würde er überhaupt jemals einen Job bekommen. 1925 in Zöberitz bei Halle als Sohn eines Milchhändlers geboren, musste er direkt nach dem Mittelschulabschluss zum NS-Arbeitsdienst einrücken und anschließend als Soldat an die Westfront. Die Kapitulation der Nazis erlebte Später in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, danach folgten für ihn 26 lange Monate in verschiedenen Lagern, zuletzt als Arbeiter in einer belgischen Kohlegrube. Knochenarbeit für das dauerhungrige Kerlchen, das dabei von Verzweiflung, Krankheit und Tod umgeben war. „Dass ich alles zeichnete, half mir beim Verarbeiten“, sagt Später. In einem 77-seitigen Bändchen veröffentlichte er 2003 seine Erinnerungen an diese Zeit – seine Art der Seelenhygiene.

Immer noch ein eingespieltes Team: Walter Später mit seiner Handpuppe Flocki, mit der er in den 80er-Jahren auch als Bauchredner auftrat.
Immer noch ein eingespieltes Team: Walter Später mit seiner Handpuppe Flocki, mit der er in den 80er-Jahren auch als Bauchredner auftrat. © kairospress

Für die Jahrzehnte im Defa-Trickfilmstudio braucht er nichts dergleichen, jede Anekdote serviert er mit einem Lächeln, das mal sacht ausfällt, mal schlitzohrig eingefärbt ist, mal zum Kicherausbruch wächst. Freunde und Kollegen schätzten diesen unaufdringlichen Humor, den sich Walter Später bis heute bewahrt hat. Nicht mal die dauerwachsamen SED-Funktionäre konnten ihm einst den Spaß am Künstlerleben trüben. Später winkt ab. „Das waren ja letztlich alles meine Kollegen, die ließen mich machen.“ Hauptsache sei ihnen gewesen, dass das Ergebnis stimmte. „Und ich habe immer pünktlich abgeliefert.“

Studium auf der Burg

Die erste Station hin zu dieser „wunderbaren, erfüllenden Arbeit“ war ausgerechnet die belgische Kohlegrube. Ein dort ebenfalls inhaftierter Profi-Maler hatte Später Tipps gegeben, beim Zeichnen angeleitet und ihm ausreichend Talent für eine künstlerische Ausbildung attestiert. Zurück in Halle traf Später seinen Ex-Zeichenlehrer, der nun an der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein arbeitete. „Er sorgte prompt dafür, dass ich dort angenommen wurde. Und damals traf ich auf der Burg schon all die Leute, die später das Trickfilmstudio in Dresden gründeten.“

Da war Später allerdings nicht mit von der Partie, er drehte noch ein paar Extrarunden. Zunächst brach er das Studium ab, um sich beim Konsum als Grafiker zu verdingen. „Das ging nicht anders; ich hatte 1950 geheiratet und musste eine Familie ernähren.“

Szene aus Walter Späters 1960 gedrehtem Film "Krawall im Stall".
Szene aus Walter Späters 1960 gedrehtem Film "Krawall im Stall". © ©DIAF-Archiv

Wie er die Vorgeschichte dieser Ehe erzählt, offenbart zugleich sein Talent zur Selbstironie: „Eigentlich wollte mich meine Mutter mit der Tochter einer Kollegin verkuppeln. Doch die Tochter hatte andere Interessen.“ Kurze Pause, Anflug eines Grinsens. „Stattdessen verliebte ich mich in meine potenzielle Schwiegermutter. Und die habe ich auch geheiratet.“

Dass seine Frau zwölf Jahre älter war, habe ihn nie gestört. „Dadurch hatten wir halt keine gemeinsamen Kinder. Schon schade. Doch ich war auch so ständig von Kindern umgeben.“ Schade vor allem, weil Walter Später jetzt einfach einen Traumgroßvater abgibt: in sich ruhend, witzig, aufmerksam, bestens zum Dauergeschichtenerzähler qualifiziert und, spätestens wenn er sich Flocki auf den Arm stülpt, ein sensibler Entertainer, der ruckzuck jedes ningelnde Kind zum Juchzen bringt. Aus Plüschteilen hatte ihm seine Frau in den 80ern diesen Hund geschneidert, eine Handpuppe, mit der Walter Später als Bauchredner auftrat.

Vom Konsum zum Puppenspiel

Das Puppenspiel musste er sich selbst beibringen, als er in Halle 1954 Theaterchef wurde. Der Konsum hatte die Grafikabteilung dichtgemacht, Später und seinen Chef nach Gräfenhainichen versetzt. Beim Pendeln mit der Bahn kam beiden die Idee, die sie aus der lästigen Nummer herausbringen könnte: Ein Puppentheater! Das Laien-Projekt wurde bald zum hoch offiziellen Städtischen Puppentheater Halle. „Weil der eigentliche Puppenspieler noch vor der Eröffnung nach Berlin ging, musste ich einspringen.“ Später kümmerte sich zudem um die Gestaltung sämtlicher Plakate und Handzettel. „Von den Puppen, die ich in dieser Zeit gebaut hatte, sind inzwischen viele in der Dresdner Puppentheatersammlung, wo sie gut aufgehoben sind.“ Er selbst kam 1958 nach Dresden, weil seine Ex-Kommilitonen für ihr drei Jahre zuvor gegründetes Trickfilmstudio einen Puppenspieler brauchten.

Dachboden als Domizil

„Anfangs schlief ich auf dem Dachboden des Studios, denn ich fand nicht so schnell eine Bleibe.“ Die obligatorischen Aufbaustunden für die geräumige Genossenschaftswohnung im Dresdner Zentrum schruppte seine Frau dann weitgehend alleine runter. „Ich war ja im Studio viel zu beschäftigt.“ Regulär arbeiten gehen musste sie hingegen nicht. „Sie hatte ja genug Arbeit mit mir.“ Jäh bremst er die Ulkerei und stellt gänzlich ernsthaft klar. „Wir waren ein wirklich gutes Team.“ 1998 starb seine Frau; den von ihr genähten Flocki hat Walter Später immer noch stets griffbereit.

Flocki führt eine Art Eigenleben, all seinen Trickfiguren hat Später hingegen etwas von sich selbst verpasst. „Nach dem Krieg begeisterten mich die Filme mit Marcel Marceau derartig, dass ich versuchte, ihn zu kopieren.“ Pantomimisch spielte er alle Bewegungen seiner Helden zunächst vorm Spiegel durch. Bei einer Studio-Party begeisterte er die Kollegen mit seinem Bewegungstheater, dass die ihn prompt zum Ensemble der Jungen Talente in die Dresdner Neustadt schickten. Als schon etwas reiferes Mitglied der Truppe trat Später unter anderem mit dem jungen Talent Wolfgang Stumph auf, brachte dem späteren Pantomime-Star Ralf Herzog zunächst die nötigen Grundlagen bei.

Hatte Später für „Krawall im Stall“, einem seiner ersten Filme, 1960 Gummibälle beklebt und so unter anderem putzig animierte Schweine aufmarschieren lassen, sprang er in den 80ern schon mal für die Berliner Kollegen ein. „Für eine Abendgruß-Folge musste ich sowohl den Pittiplatsch als auch das Schnatterinchen spielen“, erinnert er sich. „,Pittiplatsch in Leningrad‘ hieß das und es wurde auch in Leningrad gedreht.“ Es sei nicht einfach gewesen, Pittiplatsch überzeugend so aussehen zu lassen, als würde er in der Newa schwimmen. „Am Ende hat niemand gemerkt, dass nicht der echte Pittiplatsch-Spieler am Werk war.“

Zu Herzen gehende Geschichte

Mit aktuellen Trickfilm-Produktionen kann Walter Später nur wenig anfangen. „Vor allem diese künstlichen Pseudo-Kinderstimmen sind mir zu plärrig.“ Dann schon lieber ganz auf Dialoge verzichten, wie er es meist tat. 24 verschiedene Bewegungsszenen stellen und fotografieren, um so eine Sekunde Film zu bekommen – bei seinem Erstling „Oscar & Pirat“ klappte das nicht immer ganz flüssig. Doch zu Herzen geht die Geschichte über die irrwitzigen Bemühungen Oscars, seinen Hund zum Stöckchen-Apportieren zu bringen, noch heute. Es muss eben nicht schrill und laut sein, um zu wirken. Nach dieser Maxime drehte Walter Später alle seine Filme, und genauso lebt er auch.

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