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Im Mittelalter redet sich niemand um Kopf und Kragen

Bestsellerautorin Sabine Ebert stellte ihren neuen Roman exklusiv für SZ-Leser vor.

Von Karin Großmann
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Sabine Ebert im Dresdner Stallhof. Die Bestsellerautorin lebt in Dresden.
Sabine Ebert im Dresdner Stallhof. Die Bestsellerautorin lebt in Dresden. © ronaldbonss.com

Die Geschichtsschreibung hat die Rolle der Frauen vernachlässigt, nun ist es unsere Aufgabe, die Lücken zu erforschen. Das sagt Henriette, eine junge Frau um 1815. Die Autorin Sabine Ebert hat ihr den Satz zugeschrieben, gewissermaßen in eigener Sache. Denn in ihren Historienromanen porträtiert sie Frauen, die sich nicht mit Sticken, Beten und Thronfolgergebären begnügen. Sie kümmern sich um Haus und Hof, wenn der Gemahl in die Schlacht zieht. Sie schmieden nützliche Allianzen. Und sie versorgen die Kranken, Verwundeten, Sterbenden. Die junge Henriette hat Furchtbares erlebt, als sie nach der Völkerschlacht bei Leipzig Menschen zu retten versuchte. Ihre anklagenden Berichte aber will niemand drucken. Sie solle lieber „etwas Nettes“ schreiben. Wegen Majestätsbeleidigung wird sie aus Berlin ausgewiesen. Damit beginnt das neue Buch „Die zerbrochene Feder“ von Sabine Ebert (Knaur, 460 Seiten, 20 Euro).

Am Donnerstagabend stellte sie ihren 14. Roman in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden in einer exklusiven Vorab-Premiere für hundert Leser der Sächsischen Zeitung vor. Im Gespräch gab sie Auskunft über ihr Schreiben. Allein die Zahl der verkauften Bücher samt Verfilmung und Bühnenstück macht sie zu erfolgreichsten sächsischen Schriftstellerin. Mit ihrem Fünfteiler über die Freiberger Hebamme Marthe und mehr noch mit dem Zyklus über Kaiser Barbarossa hat sie dem durch Wanderhuren-Klischees arg ramponierten Ruf des Historienromans etwas Eigenes entgegengesetzt.

Während die Vergangenheit sonst oft nur als Kulisse für banale Geschichten dient, ist für Sabine Ebert historische Genauigkeit Pflicht. „In meinen Büchern stimmt alles, sogar das Wetter.“ Ein Drittel ihrer Arbeitszeit nimmt die Recherche ein. Da kommt es auf jedes Detail an. Die Autorin erklärt es an Beispielen. Im 12. Jahrhundert könne sich niemand um Kopf und Kragen reden, weil die Gewänder noch gar keinen Kragen hatten. Niemand kleide sich in Samt und Seide, weil der Samt später kam. Und natürlich seien Anglizismen wie Baby oder Training undenkbar. „Wir wissen viel zu wenig über unsere Geschichte“, sagt Sabine Ebert. „Dabei ist es doch interessant, zu sehen, wie die Vorfahren lebten, wie sie ihre Kinder erzogen, in welchen Zwängen sie steckten. Beim Blick zurück schätzt man heutige Errungenschaften wie Bad, Waschmaschine und eine warme Stube noch viel mehr.“

Für ihre Romane über die Völkerschlacht hat sie 50.000 Seiten Fachliteratur gelesen, Tagebücher, Biografien. Geschickt mischt sie authentische Figuren mit fiktiven wie Henriette. Im neuen Roman kommt die junge Frau in das Haus des Malers Gerhard von Kügelgen, das heutige Museum der Dresdner Romantik. „Da ich nun in Dresden lebe, war es für mich ein Muss, dass Buch auch hier spielen zu lassen“, sagt Sabine Ebert. Sie liest eine Szene, in der sie anschaulich den Weg über die Augustusbrücke zum Goldenen Reiter beschreibt, und meint augenzwinkernd: „So viel Städtewerbung muss sein, nicht wahr?“ Bei Kügelgen begegnet Henriette der Malerin Louise Seidler, die ihr später den Weg ebnet zu einer Verlegerin in Gotha und zur Weimarer Intendantin Caroline Jagemann. Diese bringt Henriettes Stück unter männlichem Pseudonym auf die Bühne. In einer glänzend-komischen Romanszene wird das Geheimnis gelüftet, und die Kritiker stehen dumm da, die einen Mann als neuen Stern am literarischen Himmel zu feiern gedachten.

Wer mag, kann die Anspielung auf notwendige Frauennetzwerke und den heutigen Literaturbetrieb mitlesen. Einen doppelten Boden zieht die Autorin auch dann ein, wenn sie die Nöte eines Freiberger Zeitungsverlegers schildert. Er müsse mit den Wölfen heulen, sagt er, um seine Lizenz zu behalten. Er druckt ein langes, dummes Lobgedicht auf den Sachsenkönig: „Die Leser wollen es so.“ Sabine Ebert erzählt, wie die Politik zur Zeit der Restauration ins Private eingreift. Wie fanatische Burschenschaftler den Hass schüren. Wie Duckmäuser und Denunzianten die Stimmung im Land vergiften. Auf vordergründige Parallelen ist die Autorin nicht aus. „Ich zähle auf die Intelligenz des Lesers.“