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„Wir machen entweder für alle oder für niemanden auf“

Kilian Forster, Chef der Dresdner Jazztage, über den 2021er-Festival-Jahrgang, böse Überraschungen und seltene Glücksmomente.

Von Andy Dallmann
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Curtis Stigers will unbedingt live vor Publikum singen, deshalb reist er jetzt eigens aus den USA nach Dresden zu den Jazztagen.
Curtis Stigers will unbedingt live vor Publikum singen, deshalb reist er jetzt eigens aus den USA nach Dresden zu den Jazztagen. © ©2014 Marina Chavez

Alles sah gut aus, dann musste doch wieder umgeplant werden. Kilian Forster, Intendant der Dresdner Jazztage, hatte noch im Sommer fürs 2021er-Festival das Motto „Jazzt erst recht“ ausgegeben und auf Konzerte mit Jazz-Stars aus aller Welt gesetzt. Aus unterschiedlichsten Gründen blieb Forsters kleinem Team nichts anderes übrig, als erneut etliche Shows zu verlegen oder abzusagen. Dennoch gingen die Jazztage jetzt an den Start und bringen es in diesem Jahr auf fast 40 Konzerte. Grund genug für Forster, mit einigem Optimismus in die Gegenwart und vor allem in die Zukunft zu blicken.

Herr Forster, das erste von fünf Jazztage-Wochenenden ist vorüber. Wie war die Stimmung bei den Gästen, bei den Musikern?
Großartig, emotional, vielfältig und ausdauernd. Der Hunger nach Live-Begegnungen ist beim Publikum wie den Künstlern zu spüren.

Woran machen Sie das fest?
Die Konzerte dauerten meist mindestens eine halbe Stunde länger als normal und der CD- und LP-Verkauf war wie zu Vor-Corona-Zeiten. Die Dankbarkeit der Künstler und des Publikums dafür, dass wir es wagen, immerhin 38 Veranstaltungen in Pandemiezeiten durchzuführen, motiviert das ganze Team und die ehrenamtlichen Helfer. Die Mitgliedsanträge für den Freundeskreis der Jazztage stiegen auf ein Rekordhoch.

Zeigt sich die Euphorie auch in den Besucherzahlen?
Generell ist der Vorverkauf wie bei anderen Veranstaltern bescheiden und liegt pro Konzert bei etwa 20 Prozent im Vergleich zu 2019. Seit der Eröffnung der Jazztage im QF schnellt der Vorverkauf allerdings Tag für Tag in die Höhe, und die Konzerte sind relativ gut besucht. Die Leute merken, dass die Jazztage wirklich stattfinden und es gibt natürlich nichts Besseres, als begeisterte Mundpropaganda von Besuchern. Dies passiert ja in digitalen Zeiten massenhaft online.

Kilian Forster will sich von Bart und Mähne erst trennen, wenn die Auftrittsbedingungen für Musiker wieder wie vor Corona sind.
Kilian Forster will sich von Bart und Mähne erst trennen, wenn die Auftrittsbedingungen für Musiker wieder wie vor Corona sind. © Andreas Weihs

Wie schwierig gestaltet sich die Durchführung der Jazztage in diesem Jahr?
Die psychische Herausforderung ist es zunächst, nicht aufzugeben. Wenn man jedes Konzert zum wiederholten Male verlegt und umplant, obwohl es zunächst so aussah, dass es wie im letzten Jahr vielleicht gar zu einem Abbruch kommen kann, dann braucht man viel positive Grundeinstellung, um weiterzumachen. Es gab keinen Tag, an dem bei mir nicht der Gedanke hochkam, das Festival komplett abzusagen. Aber das von uns ausgegebene Motto „Jazzt erst recht“ hat uns motiviert, das Virus hier nicht Oberhand gewinnen zu lassen.

Was sind für Sie die größten Probleme?
Am problematischsten ist die tausendfache, teils mehrfache Umsetzung von Besuchern nach immer wieder anderen Abstands- und Hygieneregeln. Dazu kommt der Personalmangel, der wie in der Gastronomie auch in der Veranstalterbranche vor allem bei den Technikern hinzukommt. Man kann nicht wie früher mal kurzfristig Techniker oder Technik bekommen, da viele ihren Betrieb in Kurzarbeit heruntergefahren haben oder das Personal in andere Branchen gewechselt hat.

Lief irgendwas dann doch überraschenderweise besser als erwartet?
Die Finanzierung. Nachdem wir ein Jahr lang nur durch das geänderte Insolvenzrecht und die Gutscheinregelung für Tickets überlebt haben, kam dann im März die Zusage der Neustart-Kulturhilfe sowie der Novemberhilfe. Allerdings ist der bürokratische Aufwand dafür, die Kompatibilität der verschiedenen Hilfsprogramme untereinander zu gewährleisten, immens und geht zulasten der Organisation. Aber wir sehen den wirklichen Willen der Politik und Gesellschaft, hier zu helfen, wo es möglich ist, und hoffen, dass es keine bösen Rückzahlungsüberraschungen gibt, die das Festival wieder gefährden würden.

Weltoffen, tolerant und vielfältig

Warum setzen Sie bei Ihren Konzerten nicht auf das einfacher zu realisierende 2G-Einlass-Modell?
Die Jazztage Dresden waren und sind immer weltoffen, tolerant und vielfältig gewesen. Gerade der Schutz von Minderheiten, die Barrierefreiheit durch die Einladung von einkommensschwachen Besucherschichten über die Kulturloge oder die ermäßigten Karten für Schüler und Studenten – das alles liegt uns am Herzen. Es ist deswegen nur folgerichtig, dass wir entweder für alle oder für niemanden aufmachen. Als internationales Festival grenzen wir niemanden aus. Es ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, wie gerade diejenigen, die ansonsten am lautesten nach Toleranz und vollkommener Barrierefreiheit rufen, es jetzt zulassen, einen erheblichen Teil der Bevölkerung zu diskriminieren.

Uschi Brüning kommt mit dem Günther Fischer Quintett zu den Jazztagen.
Uschi Brüning kommt mit dem Günther Fischer Quintett zu den Jazztagen. © PR

Wie hoch ist der Anteil der Leute, die mit Test kommen oder sich am Abend noch testen lassen?
Um die zehn Prozent der Besucher kommen mit Tests, lassen sich kostenlos mit dem tagesaktuellen Jazztage-Konzertticket in den Dresdner City-Apotheken testen oder nehmen unser Testangebot vor Ort in der Jazztagelounge wahr. Wir wissen aber von vielen, denen das Testen, selbst wenn es kostenlos ist, einfach zuwider ist und sie deswegen auf den Konzertbesuch verzichten. Mit dem vielleicht schönsten kostenlosen Testzentrum mit Jazzmusik, Ledersofas und Getränkeservice gelingt es zunehmend, die Hemmschwelle zu senken.

Unabhängig von 2G oder 3G: Was sind die Renner in diesem Jahr?
Hauptsächlich die nationalen und lokalen Bands. Einerseits, weil man nach etlichen Verschiebungen von Übersee-Stars wie Gregory Porter oder Maceo Parker bei den lokalen Bands relativ sicher sein konnte, dass sie tatsächlich spielen. Deswegen haben wir auch verstärkt lokal gebucht. Andererseits sind natürlich Namen wie Tina Tandler, Thomas Stelzer, Uschi Brüning, Blue Wonder Jazzband, wir selbst als Klazz Brothers oder die österreichischen Blechblasvirtuosen von Mnozil Brass in Dresden teils jahrzehntelang eingeführt, populär und laufen super.

Wieso reisen eigentlich einige Musiker wie etwa Curtis Stigers aus Übersee an, andere wie die von Ihnen genannten Gregory Porter und Maceo Parker aber nicht?
Die Gründe sind so vielschichtig wie das Virus und die politischen Maßnahmen dagegen. Etliche Künstler lassen sich nicht impfen, andere konnten sich noch nicht impfen lassen und dürfen nicht reisen. Bei Tourneen, in der die Künstler samt Techniker und Begleiter manchmal täglich in einem anderen Land sind, kann eine plötzliche Quarantäne-Bestimmung gleich zehn abgesagte Konzerttermine mit Gagenausfall bedeuten. Der Künstler bleibt auf den Flugkosten sitzen und muss für alle noch Hotel und Verpflegung übernehmen. Also baut man vor und verschiebt die Tourneen.

Manche, wie eben auch Curtis Stigers, gehen das finanzielle Risiko ein, da sie unbedingt wieder vor Publikum auftreten möchten. Es gibt auch Bands, deren Musiker sich andere Jobs gesucht haben, da nicht überall staatliche Hilfen zum Leben reichen. Musiker, die nicht von Hilfszahlungen leben wollen, werden erst wieder Musikprofis, wenn ein uneingeschränktes Konzertieren möglich ist. Dann freue ich mich übrigens darauf, meinen Bart und die langen Haare abnehmen zu können.