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Wo Rapunzel mit dem Philosophen kifft

Der Fichtepark in Dresden-Plauen hat geheime Ecken, weite Spielwiesen und über allem wacht ein märchenhaft zugewachsener Turm.

Suchbild mit Turm: Die Top-Attraktion im Dresdner Fichtepark ist mittlerweile ziemlich zugewachsen.
Suchbild mit Turm: Die Top-Attraktion im Dresdner Fichtepark ist mittlerweile ziemlich zugewachsen. © Andy Dallmann

Ohne Ohrstöpsel lässt sich die Illusion nicht lange aufrechterhalten. Das hier ist eben doch kein stiller, verwunschener Wald in einem fernen Märchenland, obwohl doch eindeutig Rapunzels Turm zwischen den Wipfeln aufragt. Das hier ist eine herrliche Oase inmitten der Großstadt, die ihr übliches Gelärme einfach nicht zu zügeln vermag. Das hier ist tatsächlich ein Stück Freiheit.

Prägend für die Geräuschkulisse sind nicht die Rufe scheuer Vögel, sondern das ist das sich regelmäßig wiederholende Schienenrattern der Linie 3. Von Straßen umzingelt, kann und will der Fichtepark im Dresdner Stadtteil Plauen sowieso gar nicht mit der Grundlauschigkeit all dieser angeberischen Barockgärten konkurrieren. Allein die bescheidene Größe von gerade mal zweieinhalb Hektar verbietet derlei Ambitionen.

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Nicht der Protzdrang eines Adeligen, sondern zutiefst bürgerliches Engagement für die Bürgerschaft machten den Bau dieses Parks möglich: Eine frisch erschlossene Siedlung aufstrebender Mittelstands-Dresdner sollte eine Art grünes Zentrum bekommen. Die Stiftung des Mühlen-Unternehmers Gottlieb Traugott Bienert half kräftig bei der Finanzierung, verzichtete jedoch darauf, namentlich erwähnt zu werden. So eröffnete die Gemeinde Plauen, damals noch gänzlich unabhängig von den Entscheidungen der Residenzstadt, das Ganze 1891 als Westendpark. Der 1896 fertiggestellte Turm wurde komischerweise nicht Rapunzel gewidmet, sondern Bismarck.

1937 kam schließlich erstmals ein Philosoph ins Spiel. Zum 175. Geburtstag des gebürtigen Sachsen Johann Gottlieb Fichte bekam das Areal dessen Namen, der seither allerdings nur in der Kurzfassung als Fichtepark gebräuchlich ist. 1954 tilgte man Bismarck aus dem Zusammenhang mit dieser Grünanlage; seither heißt deren knapp 30 Meter hohe Top-Attraktion Fichteturm. Zumindest an Tagen, an denen die Tür zu den 153 Stufen und somit zur Aussichtsplattform verschlossen bleibt, ist dort definitiv Rapunzel zu Hause.

Beim Kiffen kommen plötzliche Erkenntnisse

Denn kein real existierendes Bauwerk der Welt, gut, sagen wir Sachsens, entspricht derartig exakt der Grimm’schen Beschreibung. Dass die holde Maid nie ihre Zopfkletterhilfe aus dem obersten Stock wirft, lässt sich ja ganz einfach mit der notorischen Abwesenheit der fiesen Zauberhexe erklären. Lediglich der Herr Fichte kennt wahrscheinlich einen Befreiungstrick und trifft sich in besonders lauen Nächten mit Rapunzel, um auf der Parkbank direkt hinterm Turm einen durchzuziehen. Zwei angerissene Packungen Longpapers deuten daraufhin.

Beim Kiffen kommen nicht nur Philosophen plötzliche Erkenntnisse. „Was da ist in der Natur, ist notwendig so, wie es ist, und es ist schlechthin unmöglich, dass es anders sei.“ Womöglich hat Fichte genau an dieser Stelle seinen Gedanken noch einmal vertieft, womöglich blies ihm Rapunzel dabei etwas Rauch ins Gesicht. Womöglich trafen sich hier auch einfach nur ein paar Teenager, um zu chillen.

Denn das Schönste an diesem Fleckchen Grün ist zweifellos: Es steht ständig jedem offen. Zwischen Westendring und Bernhardstraße führen Wege, Stufen und Pfade hinein; wer an der Haltestelle Cämmerswalder Straße aus Bus oder Bahn steigt, steht quasi schon im Park. Zwischen den Kronen alter Laubbäume ist der Rapunzel-, pardon, Fichteturm von dort jedoch mehr zu ahnen als zu sehen. Zu seinen Füßen wird erfolgreich dichter Wald imitiert, während etwas weiter westlich lichtüberflutete Wiesen zum Drüberlaufen verführen. Oder zum Draufliegen, zum Federball-Spielen, zum Toben, Lesen, zum Einfach-in- die-Luft-Gucken. An diesem sonnigen Nachmittag wird all das parallel praktiziert, niemand kommt dem anderen in die Quere.

Trockenheit lässt Bächlein versiegen

So klein der Fichtepark auch rein objektiv ist, so weit wird er, lässt man sich in ihm fallen. Am besten jeden Tag aufs Neue, als Einstieg in den Feierabend. Wie schrieb einst schon Herr Fichte: „Der Mensch soll arbeiten; aber nicht wie ein Lasttier, das unter seiner Bürde in den Schlaf sinkt, und nach der notdürftigsten Erholung der erschöpften Kraft zum Tragen derselben Bürde wieder aufgestört wird. Er soll angstlos, mit Lust und mit Freudigkeit arbeiten, und Zeit übrig behalten, seinen Geist und sein Auge zum Himmel zu erheben, zu dessen Anblick er gebildet ist.“

Zwischen Winterlinde, Roteiche, Atlaszeder und Kastanie leuchtet es himmelblau, eine einsame Taube zischt über die Lichtung, eine Joggerin lässt den Kies rhythmisch knirschen. Wer läuft, hält sich an die Wege; wer Abschalten will, parkt seinen Leib in einer der geheimen Ecken, gern am Bächlein. Das wird von einer natürlichen Quelle gespeist, über künstliche Begrenzungen in einen ebenfalls künstlich angelegten Teich geleitet. Derzeit sprudelt allerdings nichts, staubt der Bachlauf ein, wirkt der Teich brackig.

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Dabei hatte die Stadt dieses System, das wie der ganze Park unter Denkmalschutz steht, erst kürzlich saniert. Ab 2013 waren zunächst Spenden gesammelt worden, 2016 begann der Ausbau, ab 2018 floss wieder Wasser. Der trockene Sommer macht dem vorerst ein Ende, der Herbst könnte es wieder richten. So, wie die Natur ohnehin die meisten Jobs im Park selbstständig erledigt, diskret von städtischen Gärtnern unterstützt. Nur so kann die Illusion vom verwunschenen Märchenwald überleben, ganz egal, ob nun eine Straßenbahn vorbeirumpelt oder Rapunzel seinen Zopf vom Turm wirft.

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