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Wofür es sich zu leben lohnt

Ein herrlich lebensbejahendes Theaterstück über Depression ist in Dresden zu sehen.

Jannik Hinsch trägt ein passenderweise coronakonformes Kostüm.
Jannik Hinsch trägt ein passenderweise coronakonformes Kostüm. © Sebastian Hoppe

Der wichtigste Moment an diesem Abend ist, als der Schutzschild fällt. Der Schauspieler Jannik Hinsch nimmt den riesigen Kosmonautenhelm ab, er legt ihn auf seinen Oberschenkel. Auf einmal wirkt er verletzlich. Die nassen Haare kleben am Kopf, der Rücken ist gewölbt, der Körper ergeben. Kein Kämpfen mehr. Demut.

Zuvor hat Hinsch eine Stunde lang die Bühne des Kleinen Hauses nicht nur bespielt, sondern sie sich erkämpft: in dem Monolog „All das Schöne“ von Duncan Macmillan. Er ist der siebenjährige Protagonist, der nach dem Suizidversuch seiner Mutter beginnt, eine Liste zu fertigen mit schönen Dingen des Lebens:

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1: Eiscreme.

2: Wasserschlachten. 

3: Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen. 

Und so weiter. Dinge, mit denen ein Kind seine Mutter von dem Wert des Lebens überzeugen will. Eine Liste, die er ihr hinlegt, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wird. Sie gibt sie ihm zurück, die Rechtschreibfehler sind verbessert. Und es wird klar: Die Liste ist vor allem für das Kind selbst ein Anker.

Ein ähnlicher Anker ist die Bühnensituation, die Regisseurin Mina Salehpour eingerichtet hat: Alle Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen auf der Bühne (Andrea Wagner) auf drehbaren Stühlen, man kann sich also gegenseitig ansehen. Dieses Gefühl von Verbundenheit wird noch verstärkt dadurch, dass das Publikum Anteil hat an der Inszenierung. Beim Einlass hatte man Zettel mit Nummern in die Hand gedrückt bekommen, die man an entsprechender Stelle des Monologs vorlesen soll. 25: Einen Superheldenumhang tragen.

26: Ins Meer pinkeln und keiner merkt es. Für kleinere Szenen sucht sich Jannik Hinsch Mitspieler im Publikum, und die Aufregung davor, ob man selbst irgendwann ausgewählt wird, macht die Zuschauer zur eingeschworenen Gemeinschaft. Und so wie sie mit der Zeit lockerer werden, fällt bei Jannik Hinsch der Schutzschild, den er – passenderweise ein coronakonformes Kostüm – die ganze Zeit über um sich getragen hat. Der Junge ist erwachsen, er hat studiert, sich verliebt, sich getrennt. Die Angst zu fallen, begleitet ihn ein Leben lang. Dies nicht als Bürde zu sehen, sondern als Gepäck, mit dem es sich leben lässt – wie Hinsch das spielt, durchlässig und wahrhaftig, das macht diesen Abend so besonders. Nicht zuletzt sorgt die grandiose Musikauswahl von Sandro Tajouri für die nötige Schwere ohne auch nur einen Hauch Melodramatik.

Wieder am 19. und 20.9. sowie 3., 17. und 18.10., Kartentel: 0351 4913555

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