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Fragen einer lesenden Leserin

Während man über Corona redet, darf auch Afghanistan nicht zu kurz kommen - Gedächtnisprotokoll eines Telefonats. Ein satirischer Nachschlag.

Wolfgang Schaller ist Kabarettist und Autor.
Wolfgang Schaller ist Kabarettist und Autor. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Wolfgang Schaller

Und wieder ein neuer Inzidenzwert, 50, 35, irgendwo lese ich 42, aber das ist eine Schuhgröße, aber mein Schuhgeschäft bleibt geschlossen, weil sich bei mir keiner die Haare schneiden lassen kann, erst wenn wir im Sommer bei zehn sind, können die Skigebiete wieder öffnen, ich darf mich nur mit mir treffen, weil ich, wie schon der Name sagt, Einzelhändler bin, ja, vielleicht wenn wir bei zehn sind und die Politiker mit ihrer Kompetenz bei null.

Nein, ich möchte kein Politiker sein, denn ihnen geht es wie mir: Ich weiß nichts. Politiker dürfen das nicht zugeben, sie wissen nicht, kommt mit all den Mutanten mit allen unbekannten Verwandten die dritte Welle bei gleichzeitig in der Welt stark sinkenden Infektionszahlen, was das Robert-Koch-Institut beunruhigt, weil keiner weiß, warum. Politiker müssen entscheiden, und weil sie Angst haben, sich falsch zu entscheiden, haben sie sich entschlossen, uns Angst zu machen, weil sie schon so oft was falsch entschieden haben, aus Unschuld, denn wenn sie gelockert haben, hätten sie schließen müssen, und als sie geschlossen haben, hätten sie lockern müssen.

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Deutschland wird zu Nordkongo

Vierzehn Tage im November eher Lockdown ist gleich 30-Tausend Tote weniger, sagen die Statistiker, und 30-Tausend Tote nicht verhindert, das ist fahrlässige Tötung, und dafür muss doch einer verantwortlich sein, der falsch entschieden hat. Wenn einer Kassiererin bei Lidl bei der Abrechung zwei Euro fünfzig fehlen, wird sie doch auch zur Verantwortung gezogen, und wer verantworten muss, dass in Afghanistan über fünfzig deutsche Soldaten sinnlos gestorben sind, der muss doch – na gut, das ist jetzt kein gutes Beispiel.

Ich will nur sagen, einer muss doch mal sagen: Ich war’s. Ich war’s, dass vor einem Jahr keine Masken da waren. Ich war’s, dass im Herbst keine Schnelltests da waren, obwohl sie längst da waren. Wir könnten auch wir sagen: Wir waren es, die Alte in den Heimen allein sterben ließen, was seelische Folter und also strafbar ist.

Wir waren es, dass die Verteilung der ersten fünf Impfdosen im Chaos endete und dieses Hightech-Land funktionierte, als wären wir Nordkongo. Es hätten ja nicht alle gleich dem Zugschaffner Folge leisten müssen, der am Bahnsteig ruft Zurücktreten bitte!, denn so viel Leere in den Ministersesseln ließe sich so schnell nicht nachfüllen. Es würde genügen, vor den Toten und Kranken und um ihre berufliche Existenz Bangenden niederzuknien: Wir bitten um Vergebung! Aber um sich in Demut zu bücken, braucht man Rücken.

Politiker mit Hormonanfall

Ich will es auch der großen Vorsitzenden der EU in Brüssel, der Frau von, nicht zumuten wegen des Vorwurfs, Europa hätte bei der Impfstoffbestellung versagt. Herrje, wann hat Europa nicht versagt, diese großartige Idee, wann wurde sie nicht verraten wegen irgendeiner nationalistischen Interessenlage, wenn es um den CO-zwei-Ausstoß ging oder den Ausstoß von Flüchtlingen. Kein: Ich bereue! Statt dessen: Wir sind die Besten, denn wir haben die bestversagendste Corona-Warn-App.

Wir impfen als Erste! Da verteilten die Chinesen ihren Impstoff schon über Afrika! Und dieser russische Sputnik V kann doch nur aus öligen Fußlappen destilliert sein, mit dem man schon Nawalny vergiftet hat. Bis spät nachts ein angesehener Wissenschaftler zugeben durfte: Er funktioniert gut. Deutscher Hochmut über alles.

Und dazwischen Ministerpräsidenten als von den bevorstehenden Wahlen angetriebene Testostertonmakroben mit irgendeinem neuen Hormonanfall im Kopf. Und ein sinkendes Vertrauen in die Politik, als hinge das Thermometer im Eisfach. Warum mir das Angst macht? Weil bei den Wahlen eine Rechnung kommen könnte, bei der wir uns fragen: Wo kommt die Rechnung her? Es könnte eine Quittung sein.

Wolfgang Schaller ist Kabarettist und Autor.

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