merken
PLUS Feuilleton

Zeichenstift und Kettensäge

Constanze Deutsch und Klaus-Michael Stephan trennen zwei Generationen. Was sie eint, ist ihr Interesse an der Figur. Und jetzt eine gemeinsame Ausstellung.

Keine Angst vor grellen Farben: „Deutsch“ heißt diese 150 Zentimeter breite Zeichnung von Constanze Deutsch. Foto:
Keine Angst vor grellen Farben: „Deutsch“ heißt diese 150 Zentimeter breite Zeichnung von Constanze Deutsch. Foto: © Philip W. L. Günther

Wenn ihnen jemand prophezeit hätte, dass sie eines Tages gemeinsam eine Ausstellung in der Städtischen Galerie gestalten, hätte der Bildhauer vermutlich gefragt: Wer ist Constanze Deutsch? Und die Zeichnerin hätte vielleicht den Namen Klaus-Michael Stephan gegooglet. Beide haben an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste studiert. Zwischen dem Studienbeginn von Constanze Deutsch und Klaus-Michael Stephan liegen 34 Jahre. Nun haben die Museumsleute die Werke der beiden, deren einziger Referenzpunkt jeweils große Formate sind, in einen Dialog gebracht. Ein kühnes Experiment, das bei näherer Betrachtung mehr als nur Charme hat. Denn beide arbeiten an der Figur, und beide kommentieren mit ihren Arbeiten auch den Zustand der Welt.

Stephans kantige, teils kubistische Figuren haben ihren Ursprung in alten Bäumen und alten Geschichten. Wer erinnert sich noch an den Mankurt aus Tschingis Aitmatows Roman „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, der 1982 in der DDR erschien? Als er später auch im Westen erschien, bekam er den Titel „Ein Tag länger als ein Leben“. Darin schildert der kirgisische Autor, wie ein Kriegsgefangener zum Sklaven und folgsamen Idioten gemacht wird, indem man ihm sein Gedächtnis und seine Identität raubt. Nach der qualvollen Folter – man rasiert seinen Schädel, stülpt Kamelhaut darüber und setzt ihn in der kasachischen Steppe der heißen Sonne aus, bis sich die Kamelhaut in den Schädel brennt – weiß er nicht mehr, wie er heißt, wer seine Eltern sind, welchem Volk er angehört und wo sein Land liegt. Das Wort Mankurt klingt weder zärtlich noch ist es wohlwollend gemeint. Klaus-Michael Stephan hat seinen „Mankurt“ in groben Strukturen aus dem Eichenholz gesägt. Ein Riese mit gesenktem Kopf und überlangen Armen, stark, blind und willenlos. 

Anzeige
Gänse Taxi - Der Braten kommt zu dir!
Gänse Taxi - Der Braten kommt zu dir!

Ihr wollt nicht auf ein Weihnachtsessen mit eurem Team verzichten? Wir haben die Lösung: Gans, Ente & Co. liefern wir direkt zu Euch in die Firma.

Klaus-Michael Stephans „Mankurt“ aus Eichenholz entstand 1987/1994. Die Figur ist 2,22 Meter hoch.
Klaus-Michael Stephans „Mankurt“ aus Eichenholz entstand 1987/1994. Die Figur ist 2,22 Meter hoch. © Städtische Galerie Dresden

Ob der Mensch ein Mensch bleibt auch in Ausnahmesituationen, damit beschäftigt sich Klaus-Michael Stephan seit den 1980er-Jahren. Kantig sind seine Figuren und voller Trotz. Widerstand und Leid, wie sie in der Literatur beschrieben wurden, inspirieren den Bildhauer immer aufs Neue. Nachdem Museumsdirektor Gisbert Porstmann den Künstler im Atelier im alten Schulhaus in Fürstenau besuchte, wollte er die Skulpturen „befreien aus der Enge des Klassenzimmers“. Das wurde auch Zeit, möcht man meinen, zumal ein früherer Befreiungsversuch nur halbherzig gelang. 1989 erwarb die Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Stephans „Gestürztes Pferd“, das nun auch in der Städtischen Galerie zu sehen ist. Klaus-Michael Stephan erzählt: „Zur Installation ‚Noli me tangere’, die ich für die letzte Bezirkskunstausstellung der DDR im Herbst 1989 in Dresden gemacht hatte, gehört auch eine männliche Figur und ein Gemälde. Damals hat die Skulpturensammlung nur das Pferd gekauft. Mit der Begründung, dass ich ja nicht so berühmt sei und man deshalb nicht zwei Werke kaufen könne.“ Ob man im Albertinum weiß, dass der halb auf der Seite liegende, halb auf dem Hinterteil schaukelnde Gaul nur das halbe Kunstwerk ist? Komplett gibt es diese Arbeit in Pappmaché. Sie war im Skulpturensommer in Pirna zu sehen und soll dort im nächsten Jahr noch mal gezeigt werden.

Stephans Gruppen wie „Zeit der Wölfe“, „Widerstand- Totentanz – Ahasver (nach Stefan Heym)“ oder Figuren wie „Kain“ wirken in der Städtischen Galerie nun nicht wie entfesselt, sondern eher wie Felsen in der Brandung, was an ihrer Monumentalität, aber auch an ihrer Umgebung liegen mag.

Wo frau sich ertappt fühlt

Die Zeichnungen von Constanze Deutsch, sie ist fast vierzig Jahre jünger als ihr Bildhauerkollege, sind ein starker Kontrast. Wobei „stark“ hier nicht nur die Verschiedenheit des künstlerischen Arbeitens meint – Kettensäge versus Zeichenstift –, sondern auch deren Wirkung miteinander. Nichts schließt sich aus, nichts stiehlt dem anderen die Show. Die großformatigen, farbigen Blätter sind Wimmelbilder, in die man sich stundenlang versenken kann und dabei immer wieder ein neues Detail entdeckt. Im Mittelpunkt steht, sitzt, liegt oft eine anatomisch korrekte Figur, meist eine Frau, mitunter ein Kind. Gezeichnet in den Posen, die man im Aktsaal einer Kunsthochschule studieren kann, die noch Wert aufs Handwerk legt. Umgeben von alltäglichen Dingen, von Blüten, Träumen, Blütenträumen. Umgeben auch von Fantasien und Ängsten, die sich im Gewimmel verstecken wollen und dabei doch zutage treten. Constanze Deutsch zeichnet die mediale Komplexität, der sich der Mensch von heute freiwillig aussetzt und an der er aber auch leidet. Er weiß es nur noch nicht.

Amüsant ist die Perspektive, die die Künstlerin wählt für ihre „Schwarzen Löcher“. Ertappt fühlt frau sich beim „Blick aus der Handtasche“. Kinder werden ihre Freude dran haben, Mickey Mouse und Batman, Manga- und Playmobilfiguren zu entdecken. Erwachsene werden fasziniert sein allein von der Vorstellung, wie lange es gedauert haben muss, diese meist einen mal anderthalb Meter großen Blätter mit feinem Stift zu stricheln und aus den unzähligen Details eine in sich stimmige Komposition zu machen. Die Künstlerin sagt, dass sie einfach beginnt – ohne Konzept, ohne Vorzeichnung. Das Ergebnis ist so präzise, als würden ihre Ideen ihr die Hand führen. Meditation im Überschwang der Bilder. Wer weiß, vielleicht lässt sich so die mediale Überforderung bezwingen?

Ausstellung „Figuren“ voraussichtlich ab Dezember bis 10. Januar 2021 in der Städtischen Galerie Dresden, Wilsdruffer Str. 2, Eingang Landhausstraße. Geöffnet dienstags bis sonntags und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr, freitags 10 bis 19 Uhr.

Mehr zum Thema Feuilleton