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15-jähriger Kruzianer wegen Nazi-Videos ausgeschlossen

Nach Bekanntwerden des Vorfalls sah sich der Dresdner Kreuzchor zu dem Schritt gezwungen - will den Jugendlichen aber nicht fallen lassen.

Der Dresdner Kreuzchor wird von einem Skandal um Nazi-Videos erschüttert.
Der Dresdner Kreuzchor wird von einem Skandal um Nazi-Videos erschüttert. © Sven Ellger

Dresden. In den Videos laufen Kruzianer zur ersten Strophe des Deutschlandliedes ins Dynamo-Stadion ein, während Adolf Hitler auf der Tribüne klatscht. 

Ein 15-jähriger Kruzianer hat dieses und vier andere Videos zusammengeschnitten und auf dem Videoportal Youtube veröffentlicht. Dabei nutzte er vor allem Material aus der Fernseh-Dokumentation "Engel, Bengel und Musik".

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Wie die Chorleitung des Kreuzchores am Montag bei einem Pressetermin im Kreuzgymnasium mitteilte, habe der Schüler in anderen Videos Mitschüler schwer gemobbt. Behinderte und Ausländer seien lächerlich gemacht worden. Auch gewaltverherrlichende Szenen seien zu sehen, beispielsweise Eltern mit Granaten in den Händen und explodierende Geburtstagstorten. Von Film zu Film hätten die Eigenproduktionen neue bedenkliche Dimensionen erreicht, hieß es.

Die inzwischen gelöschten, zwischen fünf und neun Minuten langen Videos auf dem privaten Kanal des Schülers seien in den vergangenen anderthalb Jahren entstanden und hätten bis zu 500 Aufrufe gehabt.

Nachdem die Leitung des Kreuzchores vor einer Woche von den Videos erfuhr, wurde ein Krisentreffen einberufen. Das Ergebnis: Der Jugendliche muss den Chor und das Alumnat mit sofortiger Wirkung verlassen. 

Ernste Gesichter am Montag im Kreuzgymnasium: Chor-Sprecherin Nina Bewerunge, Kreuzkantor Roderich Kreile und Alumnatsleiterin Martina Schellhorn machten den Vorfall öffentlich.
Ernste Gesichter am Montag im Kreuzgymnasium: Chor-Sprecherin Nina Bewerunge, Kreuzkantor Roderich Kreile und Alumnatsleiterin Martina Schellhorn machten den Vorfall öffentlich. © Archiv: Sven Ellger

Nach dieser Grenzüberschreitung habe es keine Alternative gegeben, sagte Kreuzkantor Roderich Kreile am Montag, da die christlich-humanistischen Werte für den Chor von großer Bedeutung seien. Dabei betonte er, dass der Kruzianer nicht den Eindruck vermittelt habe, ernsthaft von rechtem Gedankengut beeinflusst zu sein. 

"Nach meinem persönlichen Eindruck hat hier ein dummer, pubertierender Junge in völliger Ahnungslosigkeit einen Riesenmist gemacht." Kreile erkenne im Kreuzchor jedoch keine Tendenz zu menschenverachtenden Ideologien.

Dem Image des Kreuzchores nicht nachhaltig schaden

Der Chorleitung bekannt geworden waren die Videos erst, nachdem sich vergangene Woche Elternvertreter bei einem turnusmäßigen Treffen mehr medienpädagogische Begleitung für die Kruzianer gewünscht hätten - und dabei die Filme als Beispiele genannt hatten. Die Tragweite des Vorfalls hätten auch die Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt.

Mit der Flucht nach vorn und dem Gang an die Öffentlichkeit verbindet die Chorleitung die Hoffnung, dass sich aus den Videos und den Konsequenzen kein Skandal entwickelt, der dem Image des Kreuzchors nachhaltig schaden könnte. Man habe "die große Sorge" gehabt, durchgestochene Informationen hätten sonst einen Shitstorm immenser Tragweite auslösen können. Bereits vergangene Woche waren zunächst die Kruzianer vor Ort und dann die Eltern und Mitarbeiter per Brief informiert worden.

Jugendlichen nicht doppelt bestrafen

Während nun zunächst das Rechtsamt der Stadt Dresden die Videos auswerte, sollen die Geschehnisse nach den Herbstferien intern aufgearbeitet werden. Das sei eine "große Aufgabe", so Kreile, da auch mehrere Mitschüler aus der Unterstufe schon länger von den Videos gewusst, sich jedoch offenbar nur über sie amüsiert hätten.

Der nun suspendierte Jugendliche aus der 10. Klasse sei bislang völlig unauffällig und eher still gewesen. Seine Eltern und die Chorleitung seien daher "aus allen Wolken gefallen" und immer noch schockiert. In ersten Gesprächen habe der Jugendliche sich entschuldigt und gesagt, er wolle "alles wieder gut machen". Auch Kopien der Videos gebe es nicht mehr. Als Begründung sagte er, er habe sich nur an anderen Filmen im Netz orientiert und habe sich technisch ausprobieren wollen. Warum er das mit derartig fragwürdigen Inhalten tat, bleibt zunächst unbeantwortet. 

Womöglich könnte es für ihn dennoch unter bestimmten Voraussetzungen einen Weg zurück in den Kreuzchor geben, kündigte Kreile an. Dafür müsse der Jugendliche jedoch nachweisen, dass er sich mit seiner "staatsbürgerlichen Verantwortung" auseinandergesetzt habe. "Wir werden den Jungen nicht fallenlassen und ihm weiterhin die Hand reichen", sagte Chor-Sprecherin Nina Bewerunge. "Er hat hier sein gesamtes Umfeld, seine Freunde. Da haben wir auch eine pädagogische Verantwortung."

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Ein Schulverweis stehe unterdessen derzeit nicht zur Debatte. Das Prinzip der "Doppelbestrafung" wolle man vermeiden, betonte Kreuzkantor Kreile. Außerdem stehe im Geschichtsunterricht gerade der Nationalsozialismus auf dem Stundenplan.

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