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71-jähriger Lehrer wartet auf Corona-Impfung

Wilfried Schäfer aus Dresden lebt seinen Traumberuf - doch die Angst vor einer Ansteckung mit Corona ist groß. Eine schnelle Impfung ist vorerst nicht in Sicht.

Wilfried Schäfer könnte mit 71 Jahren schon längst den Ruhestand genießen. Doch er steht in dieser Woche wieder vor seiner Schulklasse - bislang ohne Corona-Impfung.
Wilfried Schäfer könnte mit 71 Jahren schon längst den Ruhestand genießen. Doch er steht in dieser Woche wieder vor seiner Schulklasse - bislang ohne Corona-Impfung. © Christian Juppe

Dresden. Der erste Schultag beginnt für Wilfried Schäfer um 7 Uhr morgens mit einem Schnelltest. Er ist negativ und gibt Sicherheit - zumindest für den Moment. Nach drei Monaten steht der 71-jährige Lehrer an diesem Montag zum ersten Mal wieder vor seiner Klasse.

Längst nicht jeder Schüler hat sich am Morgen so wie er auf das Coronavirus testen lassen. Nachvollziehen kann das Wilfried Schäfer zwar nicht, akzeptieren muss er es trotzdem: Noch gibt es keine Testpflicht an den sächsischen Schulen, auch ohne negativen Befund dürfen Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen.

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"Das ist kein gutes Gefühl", räumt Schäfer ein, der sich für seine freiwillige Rückkehr in den Schulalltag etwas mehr Sicherheit gewünscht hätte. So fragt er: Habe ich mich richtig entschieden, hätte ich doch eine Freistellung beantragen sollen? Aufgrund seines Alters und des damit verbundenen Risikos, im Falle einer Corona-Infektion schwer zu erkranken, hätte er die wohl sicher bekommen.

So muss Wilfried Schäfer vorerst mit der Ungewissheit leben, denn vor einer Infektion geschützt ist der ungewöhnlich betagte Pädagoge derzeit nicht. Trotz seines Alters ist der Deutsch- und Englischlehrer noch nicht geimpft. "Ich habe lange überlegt, was ich mache", erzählt Schäfer mit Blick auf den Schulstart an diesem Montag. Seit gut drei Wochen habe er versucht, einen Impftermin zu bekommen - bislang ohne Erfolg.

"Ich mag es, gebraucht zu werden"

Seit 2018 ist Schäfer Vollzeitlehrer an einem privaten Dresdner Gymnasium. Für seinen Traumjob zog er im vergangenen Sommer von Leipzig nach Dresden um, vorher pendelte er täglich zwischen den beiden Städten. Ans Aufhören und den wohlverdienten Ruhestand denkt der 71-Jährige noch lange nicht.

Seit 1978 steht Schäfer vor Schulklassen, damals begann er seinen Schuldienst in Hessen, später lehrte er sieben Jahre in Bayern. Vor vier Jahren erfüllte sich Schäfer einen ganz persönlichen Traum und unterrichtete an einer deutschen Schule in Kairo.

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Nach seiner Rückkehr ist ihm klar geworden, erzählt er, dass er sich einen Alltag ohne Schüler, ohne die Arbeit mit den jungen Menschen, ohne Struktur im Alltag nicht vorstellen kann. Noch nicht. "Ich mag es, gebraucht zu werden." Schäfer wirkt fit, sein Alter sieht man ihm tatsächlich nicht an. Man schätze ihn oft auf Anfang 60, sagt er, was wohl auch an der jünger klingenden Stimme liegen mag.

Begeistert spricht er von seinen Schülern, lobt, wie vernünftig sie mit der Corona-Pandemie und der häuslichen Lernzeit umgehen würden. Dennoch sei die Rückkehr in den Alltag vor Ort in den Schulen nun sehr wichtig, findet der erfahrene Pädagoge.

"Es gibt Schüler, auch sehr gute, die mit dem häuslichen Lernen nicht gut zurecht gekommen sind." Sie will er nun wieder mitnehmen, will gemeinsam mit ihnen lernen, Fragen persönlich und sofort beantworten, Unverstandenes verständlich für die Jugendlichen machen. Das sei ja auch sein Job, und nicht der Job der Eltern. Wilfried Schäfer hat sich - trotz Corona - auf den Austausch im Deutsch- und Englischunterricht gefreut, aber auch das Theaterspiel, das ebenfalls zu seinem Repertoire gehört.

Hoffnung auf einen schnellen Impftermin geplatzt

In seiner zehnten Klasse unterrichtet Wilfried Schäfer "nur" 15 Jugendliche - im Vergleich zu den Klassenstärken an staatlichen Schulen, in denen in der Regel 28 Schüler sitzen, sei das schon ein Vorteil, räumt der Lehrer ein. Pädagogisch sowieso, und nun auch mit Blick auf eine Ansteckung mit dem Virus, findet Schäfer.

Seine Schüler halten sich gut an die Abstandsregeln, jeder hat einen eigenen Schreibtisch im Klassenzimmer, alle tragen Maske, wo es nötig ist, achten sehr auf die Regeln. "An unserer Schule hatten wir bis jetzt noch keinen positiv Getesteten." Quarantäne-Fälle gab es nur aufgrund von Corona-Infektionen in den Familien.

Damit das auch so bleibt, hatte Schäfer nun zumindest auf die Testpflicht für seine Schüler gehofft. Wobei ihm ein Test pro Woche und Schüler ohnehin zu wenig Sicherheit gebe, denn schon nach zwei Tagen könne ein Infizierter das Virus unerkannt weitergeben. Er als Lehrer darf sich zweimal wöchentlich testen lassen. Immerhin kommt am Dienstag die gute Nachricht aus dem Kultusministerium: Ab Mittwoch ist der wöchentliche Test bei allen Dresdner Schülern ab Klasse fünf verpflichtend.

Weit weniger gut entwickelt sich indes die Lage beim Impfen. Eine Umfrage unter den Dresdner Lehrern an staatlichen Schulen hatte gezeigt: 92 Prozent wollen sich gegen das Coronavirus immunisieren lassen, an den freien Schulen sind es knapp 80 Prozent.

Dabei flammte Ende vergangener Woche plötzlich die große Hoffnung bei Wilfried Schäfer auf, dass es doch noch klappt mit einem schnellen Impftermin.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Am vergangenen Donnerstag gab das sächsische Sozialministerium bekannt, dass sich ab sofort die komplette Priorisierungsgruppe 2 den Impfstoff Astrazeneca verabreichen lassen kann. Das heißt: Auch Dresdner, die das 70. Lebensjahr vollendet haben, dürften sich jetzt impfen lassen. Diese Kriterium erfüllt Wilfried Schäfer nun zwar, genutzt hat es ihm bislang allerdings nichts.

Über das Wochenende gab es keine freien Termine, am Montagnachmittag teilt ihm eine Mitarbeiterin der DRK-Impfzentren mit, dass die Impfstoffe nicht wie angekündigt geliefert werden und sie ihm keine genaue Zeit für einen möglichen Impftermin nennen könne. Kurz darauf stoppte der Freistaat alle Impfungen mit Astrazeneca. Ein möglicher Zusammenhang mit auftretenden Blutgerinnseln müsse zunächst geklärt werden.

Eine schnelle Impfung wird es für den Lehrer also nicht geben. Für seine Schüler will Wilfried Schäfer dennoch weiterhin da sein. Maske, Abstand, Tests - mehr Sicherheit bekommt er in seinem Job vorerst nicht.

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