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95-Jährige Zwillinge: "Waren nie getrennt"

Warum die Dresdnerinnen Ingeborg und Gertraude ihr ganzes Leben Seite an Seite verbracht haben - und welche Streiche sie einst den Lehrern spielten.

Ingeborg Friedrich (l.) und Gertraude Scholz haben einander nie losgelassen.
Ingeborg Friedrich (l.) und Gertraude Scholz haben einander nie losgelassen. © Sven Ellger

Dresden. Es wird ihr letzter Umzug gewesen sein und er ist ihnen nicht leicht gefallen. Gertraude und Ingeborg wohnen seit dem Frühjahr in einem Seniorenheim in Radebeul. "Wir haben Sehnsucht nach Zuhause", sagt Gertraude, aber alle seien nett und auch das Essen schmecke gut. "Meistens bestellen wir dasselbe", sagt Ingeborg. Am liebsten Beefsteak mit Kartoffelbrei oder auch mal Milchreis.

Das Allerwichtigste aber für die beiden 95-Jährigen ist: Sie sind immer noch zusammen. Ihre Zimmer im Heim liegen direkt nebeneinander. Das Bad teilen sie sich, so wie sich fast ein Jahrhundert lang alles geteilt haben. 

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Geboren wurden Gertraude Scholz und Ingeborg Friedrich am 4. September 1925 in Dresden als eineiige Zwillinge. In den 30er-Jahren zogen ihre Eltern in eine neu gebaute Siedlung in Kaditz, wo sich die Schwestern mit Theaterspiel in der Kaditzer Kirche oder als Haushaltshilfe beim Bauern im Dorf ein bisschen Geld dazuverdienten.

Immer gemeinsam und kaum zu unterscheiden: Ingeborg (l.) und Gertraude bei ihrer Konfirmation 1940.
Immer gemeinsam und kaum zu unterscheiden: Ingeborg (l.) und Gertraude bei ihrer Konfirmation 1940. © Repro/Sven Ellger

Ihre Mama nähte alle Kleidung selbst und liebte es, die beiden gleich anzuziehen. Sie hatten auch eine jünger Schwester, doch Annelies starb bereits 1941 an Leukämie.

In der Schule machten sich Inge und Traudel einen Spaß daraus, ihre verblüffende Ähnlichkeit für Streiche zu nutzen. Im Sportunterricht vertraten sie sich gegenseitig in den Disziplinen, je nachdem, wer besser Bockspringen oder Laufen konnte.

"Wenn wir Blödsinn gemacht hatten, haben wir das immer auf die Schwester geschoben", sagt Gertraude. "Die Lehrer konnten uns nur durch einen Leberfleck unterscheiden, den ich am Hals hatte." In den Klassenarbeiten lieferten sie so ähnliche Leistungen ab, dass die Lehrer sie immer unter Verdacht hatten, sie würden von einander abschreiben. Dabei fiel beiden einfach Deutsch besonders leicht, während sie mit Mathe ihre Probleme hatten.

Kurz vor Kriegsende wurden die Zwillinge als 18-Jährige zum Arbeitsdienst nach Raschau bei Schwarzenberg im Erzgebirge einberufen. Zufall oder nicht, aber sie blieben vereint. "Ganz leicht fiel uns das trotzdem nicht, denn wir mussten Muttel allein daheim lassen", erinnert sich Gertraude. Der Vater war da bereits an der Front, von der er nie zurückkehrte.

An die Zeit im Arbeitsdienst haben die beiden heute nur positive Erinnerungen. Viele nette Mädels hätten sie doch kennengerlernt. "Das war noch ein ganz anderer Zusammenhalt als heute", sagt Ingeborg. Es wurde gelacht, gewandert, gesungen und getanzt. Eine Idylle inmitten des Krieges. Nachts schliefen sie in Doppelstockbetten in der Baracke, tagsüber arbeiteten sie auf den Feldern. Am allerschönsten aber sei das Kühe hüten gewesen.

"Tag und Nacht marschiert"

Als sie im Oktober 1944 zum Kriegsdienst gerufen worden, war ihre größte Angst, nun endgültig getrennt zu werden, doch sie wurden gemeinsam einer Scheinwerferbatterie für die Flak-Division in Delitzsch zugeteilt. Spätestens jetzt war der Spaß vorbei: "Wir hatten schlimme Luftangriffe und lagen stets in Feuerbereitschaft", sagt Gertraude. Bei der Bombardierung einer Nachbarstellung seien damals zehn Mädchen gestorben.

Im 13. Februar 1945 standen sie gerade in Faschingskostümen an ihrem Scheinwerfer, da hörten sie über Kopfhörer die Nachricht: "Bombengeschwader im Anflug auf Dresden". Was sollte nun aus ihrer Familie werden? Erst nach vier quälend langen Wochen erhielten sie Post mit beruhigenden Nachrichten.

Als im April die russischen Soldaten näher rückten, blieb den Schwestern nur die Flucht in den Wald. "Wir sind Tag und Nacht marschiert. Es gab kein Ausruhen, es hieß nur vorwärts." In Panzern fuhren sie bis nach Dänemark und kamen dort in amerikanische Gefangenschaft. Bald jedoch hatten sie nur ein Ziel: zurück nach Dresden. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg, liefen täglich bis zu 40 Kilometer, durchschwammen die Mulde und fuhren das letzte Stück auf dem Dach eines Zuges mit. Am 14. Juni 1945 konnten sie ihre Mutter wieder in die Arme schließen.

Womöglich waren es diese Wochen und Monate, in denen Gertraude und Inge wortlos beschlossen, sich ihr ganzes Leben nicht mehr aus den Augen zu lassen. Beim Tanz im Kaditzer Gasthof lernten sie ihre Männer kennen. Inge bekam eine Tochter, Traudel eine Tochter und einen Sohn.

Als 1965 in der Zeitung nach Arbeitskräften im Gesundheitswesen gesucht wurde, begann zunächst Traudel als Zahnarzthelferin in der Poliklinik zu arbeiten. Kurz darauf holte sie - natürlich - ihre Schwester nach, die an der Rezeption zum Einsatz kam. "Da hat so mancher Patient gestaunt, wie wir eben noch vorn waren und plötzlich woanders auftauchten", sagt Inge und muss lachen.

In der Poliklinik fanden beide auch ihr berufliches Glück.
In der Poliklinik fanden beide auch ihr berufliches Glück. © Repro/Sven Ellger

Bis auf die Jahre 1975 bis 1985, die Inge für das Arzneimittelwerk in Radebeul arbeitete, blieben die Zwillinge beruflich vereint. Und privat sowieso. Auch ihre Männer schätzten sich sehr. Oft gab es gemeinsame Ausflüge.

Also die Kinder groß waren und die Männer starben, fanden Inge und Gertraude weiter Halt und Liebe beieinander. Streit und Missgunst habe es bei ihnen nie gegeben, versichern sie. Jeder habe immer gewusst, was am anderen habe.

Auch ernsthaft krank waren beide nie. Bis heute machen sie beide Sport im Bett. "Bloß nicht zum Liegen kommen", sagt Inge deswegen auch jetzt. Ein Leben ohne den anderen mag sich keiner vorstellen. Inges Tochter Martina ist inzwischen für beide die wichtigste Stütze.

Im Heim sieht man die Zwillinge heute nur Seite an Seite. Sie lesen zusammen historische Romane, gehen zusammen Hasen füttern und zusammen zur Singegruppe. Früher sangen sie in Chören. Inge kann auch Mundharmonika spielen, obwohl die Luft langsam etwas weniger wird. 

Abends schauen Gertraude und Inge gern Fernsehen. Ihre Favoriten: Hansi Hinterseer, Andy Borg oder Verfilmungen von Rosamunde-Pilcher-Werken. 

Nur nachts im Bett, da will jeder seine Ruhe haben. Und Inge weiß auch, warum: "Das Schnarchen des anderen will sich keiner antun."

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