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"Als meine Frau sich trennte, sah ich keinen Sinn mehr"

Seit einem Badeunfall ist Manuel Räbiger querschnittsgelähmt. Sein Kater Marley und die Hilfe wildfremder Menschen gaben ihm wieder Hoffnung.

Kater Marley gibt dem Alltag von Manuel Räbiger Struktur - und wird dafür verwöhnt.
Kater Marley gibt dem Alltag von Manuel Räbiger Struktur - und wird dafür verwöhnt. © Sven Ellger

Dresden. Marley kann, was sein Herrchen nicht kann. Einfach mal auf den Balkon gehen, die Sonne genießen. Die schwarzen Netze ringsherum hindern den Kater daran, abzuhauen. Nicht auch noch er. 

Marley hat nur noch ein Auge. Seine Zeit auf der Straße in Rumänien hat Spuren hinterlassen. Vor anderthalb Jahren holten Manuel Räbiger und seine Frau ihn aus dem Tierheim. "Für mich war das eine gute Entscheidung", sagt der 39-Jährige, während er Marley mit einer Angel vor der Nase herumwedelt, an deren Spitze bunte Federn hängen. "Er gibt meinem Tag ein wenig Struktur. Dafür wird er den ganzen Tag bespaßt und kriegt ständig Leckerchen."

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Seit einem Badeunfall vor 18 Jahren kann Manuel nicht mehr laufen. Auch die Beweglichkeit seiner Arme und Hände ist durch den Bruch des fünften Halswirbels eingeschränkt. Links kann er noch einige Finger bewegen. Rechts nicht. Dennoch meistert er seinen Alltag in der Wohnung in der Dresdner Neustadt allein, seit er von einem halben Jahr aus Leipzig nach Dresden gezogen ist.

"Oft konnte ich ihr nicht mal 'Hallo' sagen"

Bis zu seinem Unfall machte Manuel eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse. Später wollte der damals 21-Jährige vielleicht noch Musik studieren. Heute ist er froh, wenn er es allein in seinen Rollstuhl schafft und sich in der Küche einen Gemüsesalat machen kann. 

Um das Handgelenk trägt er ein Band mit einem Alarmknopf. Erst vor drei Wochen brauchte er ihn wieder, als er im Bad umgekippt war. "Wenn ich auf dem Boden liege, habe ich keine Chance mehr." Nach 20 Minuten kam Hilfe. Regulär hilft ihm jeden Vormittag ein Pflegedienst beim Duschen. Ohne Unterstützung kommt er weder hinunter auf die Straße noch auf den Balkon.

An einer Kette um seinen Hals trägt Manuel seinen Ehering. Offiziell ist er noch verheiratet, aber seine Frau hat sich von ihm getrennt - nur wenige Wochen nach ihrer Hochzeit im August 2019. "Sie hat es nicht mehr ausgehalten mit mir", sagt er. "Ich habe ja gar nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilgenommen." 

Schwer depressiv habe er die meiste Zeit des Tages im Bett verbracht und das Haus nur noch für Arzttermine verlassen. "Oft konnte ich ihr nicht mal 'Hallo' sagen." Bis er 2018 zur Reha nach Kreischa ging, hätte er mehrfach konkrete Pläne gefasst, sein Leben zu beenden. Seiner Partnerin erzählte er nichts davon.

Stiftung Lichtblick konnte Manuel unterstützen

"Sie war mein einziger Halt. Als sie sich getrennt hat, sah ich überhaupt keinen Sinn mehr, weiterzukämpfen." Ein Freund schlug ihm vor, doch zu ihm nach Dresden zu ziehen. Da überlegte er nicht lange und ging den Umzug an. Die Frau behielt den gemeinsamen Hund Blues. Kater Marley blieb bei Manuel.

Nur am Geld hätte der Plan scheitern können. Außer seinem Bett, ein paar Küchenschränken und einem Schreibtisch nahm er nicht viel mit. Er brauchte einen Kühlschrank, behindertengerechte Geräte, Lampen und vieles mehr. Von den 60.000 Euro, die er 2002 von der Unfallversicherung bekommen hatte, war schon lange nichts mehr übrig. 

Erst über die Diakonie fand er Möglichkeiten, seinen Neuanfang zu finanzieren. Die Berater brachten ihn in Kontakt mit Stiftungen, die Menschen in Notlagen helfen. Auch die Stiftung Lichtblick, eine Initiative der Sächsischen Zeitung, konnte Manuel unterstützen. "Bis dahin hätte ich mir nie vorstellen können, dass wildfremde Menschen einem Geld schenken könnten", sagt er. "Als der erste Betrag auf meinem Konto ankam, musste ich einfach nur weinen."

Oma hat das musikalische Talent erkannt

Die Hilfe habe ihm die Kraft und den Willen zurückgeben, sein Leben wieder mit Sinn zu füllen, statt nur dahinzuvegetieren und sich von seinem Schmerz abzulenken. Nachdem er in Leipzig lange vergeblich nach einem Psychiater und einem Schmerztherapeuten gesucht hatte, fand er in Dresden schnell die richtigen Kontakte.

Plötzlich entdeckte Manuel auch seine Liebe zur Musik wieder. Sieben Jahre lang hatte er zuvor seine Mundharmonika im Schrank gelassen. Nun spielt er wieder regelmäßig und brachte sich mithilfe von Youtube neue Techniken bei.

Manuel Räbiger war immer ein leidenschaftlicher Musiker. "Ich hatte eine schwere Kindheit und wuchs bei meiner Oma auf", sagt er. Glücklicherweise habe sie sein Talent erkannt und ihn schon mit sechs Jahren zur Musikschule geschickt. Erst spielte er Klavier, später auch Bass, Gitarre und Schlagzeug. 

Nach dem Unfall schenkte er den Bass seinem kleinen Bruder und widmete sich der Mundharmonika. In seiner Heimat in Brandenburg liebte er es auch nach dem Unfall noch, einfach so zusammen mit seinen Freunden zu jammen. Das war seine Welt, die er erst verließ, als er für seine Frau nach Leipzig zog. 

"Wir verstehen uns so gut wie nie zuvor."

In Dresden hat Manuel sein Lachen wiedergefunden. Hier hat er wieder Freunde, die mit ihm Musik machen. Für den Rest sorgen Antidepressiva und ein Cannabispräparat. Bald soll er endlich einen Assistenten bekommen, der ihm im Alltag hilft und ihn auch mal ins Kino begleitet. 

Seine Frau kommt jetzt häufiger zu Besuch. "Wir verstehen uns so gut wie nie zuvor." Zusammen um die Häuser ziehen oder Essen gehen, das seien genau die Dinge, die sie immer vermisst habe.  

Ob die beiden womöglich doch noch eine Zukunft haben? Manuel weiß es nicht, aber er hat wieder Lust darauf, es herauszufinden.

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