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Trotz Corona-Lage: Amit soll nach Indien ausreisen

Seit Jahren kämpfen der Inder und seine belarussische Frau um ihre gemeinsame Zukunft in Dresden. Ihre Kraft schwindet, doch die Ausländerbehörde bleibt hart.

Jhanna und Amit Kumar heirateten vor sechs Jahren auf Schloss Albrechtsberg.
Jhanna und Amit Kumar heirateten vor sechs Jahren auf Schloss Albrechtsberg. © René Meinig

Dresden. Es sind zwei Leben zur selben Zeit. Das eine Leben ist das voller Liebe und Freiheit in der gemeinsamen Wohnung in Dresden. Das andere ist das Leben in ständiger Angst davor, getrennt zu werden, vor dem Ende ihres Traums.

Amit und Jhanna Kumar sind ein ungleiches Paar, nicht nur, weil er aus Indien und sie aus Belarus stammt. Die SZ begleitet die beiden seit drei Jahren.

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Jhanna war schon einmal verheiratet in Deutschland. Ihr erster Mann starb 2006. Sie besitzt eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis und wird schon bald deutsche Staatsbürgerin sein.

Amit dagegen ist im Land seiner Wahl weit weniger willkommen. Als er vor elf Jahren aus Indien nach Dresden kam, hatte er keinen Pass dabei. Sein Antrag auf Asyl wurde rasch als unbegründet ablehnt.

Seitdem wird Amit in Deutschland nur noch geduldet und immer wieder aufgefordert, in seine Heimat zurückzukehren. Seine Abschiebung stand bereits mehrfach bevor.

Die Wohnung in der Dresdner Innenstadt ist ihr Rückzugsort, wenn ihnen da draußen alles zu viel wird.
Die Wohnung in der Dresdner Innenstadt ist ihr Rückzugsort, wenn ihnen da draußen alles zu viel wird. © Sven Ellger

Aber Amit will nicht gehen. Er hat Angst, dass er nicht mehr zu seiner Jhanna zurückkehren kann, die er vor sechs Jahren auf Schloss Albrechtsberg heiratete. Gemeinsam mit ihrem Anwalt kämpfen sie seit langem um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Amit. Bislang vergeblich.

Dreimal fuhren sie bereits zur indischen Botschaft nach Berlin. Die richtigen Dokumente der Ausländerbehörde hatten sie nie dabei. Amits Duldung muss inzwischen aller zwei Monate verlängert werden.

In der Zwischenzeit leben die beiden in Dresden so deutsch wie es nur geht. Sie haben eine Katze, einen Kleingarten mit Gartenzwergen und 25 verschiedenen Rosensorten. Und sie machen jedes Jahr Urlaub an der Ostsee. Auch für diesen August ist eine Reise geplant.

All das kann und soll auch ablenken von den Problemen. Nachdem sie jahrelang feste Jobs im Sicherheitsdienst hatten, wurde Ende vergangenen Jahres beiden gekündigt, aus unterschiedlichen und von außen betrachtet eher nichtigen Gründen.

"Amit belastet das psychisch sehr"

Für Amit erwirkte der Anwalt in diesem Jahr eine Wiedereinstellung, allerdings versetzte ihn sein Arbeitgeber aus Dresden auf die Festung Königstein. Das empfindet Amit als Schikane, zumal er noch keinen Führerschein hat und seit Monaten jeden Tag stundenlang mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist.

"Amit belastet das psychisch sehr", sagt seine Frau Jhanna. Zweimal sei er bereits durch die praktische Fahrprüfung gefallen. Nach der langen Corona-Pause werde er nun im schlimmsten Fall die Tausenden Euro einbüßen, auf die er zwei Jahre lang gespart hatte.

Jhanna hat inzwischen neue Arbeit gefunden und bewacht nun den Kulturpalast. Auch ihr Mann würde gern zu der Firma wechseln, doch in seiner Duldung steht konkret der Name seines aktuellen Arbeitgebers. Eine Änderung wird zum bürokratischen Marathon und macht die Gesamtproblematik nicht einfacher.

Die Ausländerbehörde bleibt dabei: Amit soll Deutschland verlassen, um später mit einem Visum zurückzukehren. Da er mit einer deutschen Staatsbürgerin verheiratet ist, hat Amit grundsätzlich diese Möglichkeit. Das Verwaltungsgericht Dresden hat diese Auffassung bestätigt.

Jedes Jahr machen Amit und Jhanna Urlaub an der Ostsee.
Jedes Jahr machen Amit und Jhanna Urlaub an der Ostsee. © privat

Einfach bleiben ist aber nicht möglich, selbst wenn Amit Kumar seit fünf Jahren in Deutschland Steuern zahlt. Sowohl die Ausländerbehörde als auch das Gericht gehen davon aus, dass die vorübergehende Ausreise für Amit und seine Frau zumutbar ist. Einen Härtefall erkennen sie nicht.

Für Jhanna Kumar fühlt sich das wie ein großes Unrecht an. Würden doch andere Ausländer, die mit einem deutschen Partner verheiratet seien, schon nach wenigen Monaten oder Jahren ihr Visum erhalten.

Für Anwalt Torsten Dirk Hübner ist die Sichtweise der Behörden vor allem mitten in der Corona-Pandemie nicht nachvollziehbar. "Während man deutschen Bürgern rät, möglichst wenig Fernreisen zu machen, zwingt man Ausländer dazu, Reisen zu unternehmen", sagt er.

Auch die aktuelle Corona-Lage in Indien würde die Ausländerbehörde nicht beeindrucken. "Ich kann nur mit dem Kopf schütteln", sagt Hübner. In Dresden sterbe ein indischer Student an der Delta, und dennoch werde diese strenge Position nicht überdacht. Der Student hatte sich allerdings nachweislich in Dresden mit dem Virus infiziert.

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Für den Anwalt ist es schlicht nicht nachvollziehbar, dass jemand Deutschland verlassen muss, um an ein Dokument von einer deutschen Behörde in Indien zu gelangen. "Das ist zutiefst unökologisch und unchristlich", sagt Hübner. Das Sakrament der Ehe sei in Sachsen offenbar nur wenig wert.


In einer früheren Version dieses Textes wurde die Bezeichnung Weißrussland verwendet. Seit vergangenem Jahr heißt das Land jedoch offiziell Belarus.

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