merken
PLUS Dresden

Antiker Athlet für Dresdens Großen Garten

Ein Dresdner Kunstformer fertigt den Milon von Kroton auf besondere Weise. Warum sich der Freistaat dafür entschieden hat.

Kunstformer André Zehrfeld vor der Kopie des Milon von Kroton. Die Skulptur wird im Frühjahr im Großen Garten in Dresden aufgestellt.
Kunstformer André Zehrfeld vor der Kopie des Milon von Kroton. Die Skulptur wird im Frühjahr im Großen Garten in Dresden aufgestellt. © Sven Ellger

Dresden. André Zehrfeld steht in seiner Rähnitzer Werkstatt – vor ihm Milon von Kroton. Der Kunstformermeister hat den berühmtesten Athleten der Antike nach dem Vorbild des Originals neu gefertigt. Der Ringkämpfer Milon hatte als einziger sechsmal bei den Panhellenischen Spielen gesiegt, die bedeutendsten davon waren die Olympischen Spiele.

Das Original war zu Zeiten Augusts des Starken 1729 als eine von 160 Marmorskulpturen im Großen Garten entstanden. Die Milon-Skulptur hatte der französische Bildhauer Jean Joseph Vinache hergestellt. Er hatte auch das Modell für den Goldenen Reiter gefertigt, nach dem dieses berühmte Standbild entstanden ist.

Anzeige
Baumesse verschoben? Online informieren!
Baumesse verschoben? Online informieren!

Hören und sehen Sie kostenfreie Vorträge für Bauherren, Hauseigentümer und Immobilienkäufer. Einmal anmelden, drei Tage folgen!

Milons Original hatte zuerst an einer anderen Stelle und von 1842 bis 1995 an der östlichen Hauptallee gestanden, etwa 100 Meter vor der Karcherallee. Danach wurde die Skulptur im Lapidarium im Palais im Großen Garten untergebracht. Sie wurde zwar konserviert. „Der Zustand ist aber so schlecht, dass sie nicht mehr im Freien stehen kann“, erläutert Sachgebietsleiter Kai-Uwe Beger vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB).

„Da die Figur nicht vollendet war, stand für uns die Frage, ob wir sie kopieren lassen.“ So sind die Finger nicht voll ausgearbeitet und die Pranke des Löwen, mit dem Milon kämpft, ist nur angedeutet. „Entweder hatte Vinage damals wenig Zeit gehabt oder es war so gewollt“, erläutert der Kunstformer. In der damaligen Zeit sei das durchaus üblich gewesen. So gibt es auch unvollendete Figuren von Michelangelo.

Letztlich habe sich das SIB entschlossen, einen Abguss von Milon aus Kunstmarmor herstellen zu lassen und nicht eine Marmor-Kopie durch einen Steinbildhauer wie bei anderen Skulpturen im Großen Garten. Denn die habe immer die Handschrift des Bildhauers. „Bei einem Abguss wird die Figur hingegen auf den Millimeter genau kopiert“, erklärt Kunstformer Zehrfeld, der genau dafür der Experte in Dresden ist. So ein Abguss sei eine 1:1-Kopie des Originals bis hin zum letzten Riss.

Zum Auftakt war die originale Milon-Skulptur im Herbst vergangenen Jahres in Zehrfelds Rähnitzer Werkstatt gebracht worden. Der 51-Jährige hatte eine Negativform der Skulptur aus hochwertigem Silikonkautschuk gefertigt. Das ist eine bis zu einen Zentimeter dicke Haut aus diesem elastischen Material. Sie wird auf das Original in drei Schichten aufgebracht. „Die erste davon mit dem Feinstabdruck wird mit dem Pinsel aufgetragen, dann folgen zwei Schichten mit der Spachtel“, erläutert er das Vorgehen.

Der Kunstformer zeigt die Gummihaut aus hochwertigem Silikonkautschuk, in der die Kunstmarmor-Skulptur entstanden ist.
Der Kunstformer zeigt die Gummihaut aus hochwertigem Silikonkautschuk, in der die Kunstmarmor-Skulptur entstanden ist. © Sven Ellger

Die erste Hälfte der Gummihaut kommt in eine Stützform in einem hölzernen Gestell. In sie wird die Kunstmarmormasse per Hand oder mit der Spachtel eingebracht, die aus gemahlenem Marmor und einem Bindemittel besteht. Das geschieht auch bei der Rückseite. „Zum Schluss haben wir den Hohlraum im Inneren mit Kunstmarmor aufgefüllt“, sagt der Kunstformer. Jetzt konnte der Milon bereits aufgestellt werden. Zehrfeld muss nur noch die letzten Nähte schließen. Im Frühjahr soll die traditionsreiche Skulptur wieder an der Hauptallee aufgestellt werden. „Dafür müssen wir zuvor aber noch den Platz herrichten“, sagt Sachgebietsleiter Beger.

Der Dresdner Kunstformermeister hat schon viel für die Kunstwerke im Großen Garten getan. So fertigte er Gipsmodelle für die Götterskulpturen von Silen mit dem Bacchusknaben und von Herkules, nach denen die Dresdner Steinbildhauer Stefan Dürre und Frank Schauseil neue Marmorkopien fertigen. Sie sollen wieder vor dem Palais im Großen Garten aufgestellt werden. Auch für eine Kopie der dortigen Figurengruppe „Die Zeit raubt die Schönheit“ baute er das Gipsmodell.

Der gebürtige Dresdner stammt aus einer Kunstformer-Familie. Sein Urgroßvater Otto hatte Ende des 19. Jahrhunderts als Kunstformermeister Kunststudenten an der Hochschule für Bildende Künste unterrichtet. Diese Familientradition setzte sich bis zu seinem Vater Manfred fort, der die Restaurierungs- und Abgusswerkstatt der Staatlichen Kunstsammlungen im Albertinum leitete. Mit dem Wiederaufbau der Semperoper hatte er sich 1980 als Kunstformermeister selbstständig gemacht.

Damals stellte er unter anderem Gipsmodell für Skulpturen, Schlusssteine, Masken und vieles andere her. Bei seinem Vater hatte André Zehrfeld ab 1985 seine Lehre absolviert und später bis 1993 den Meisterabschluss gemacht. 1996 qualifizierte sich der Dresdner Kunsthandwerker noch in Venedig zum Restaurator. Dort lernte er auch seine Frau Susanne kennen, die auch Restauratorin ist.

Weiterführende Artikel

Rollen bald Roboter durch den Großen Garten?

Rollen bald Roboter durch den Großen Garten?

2021 müssen in Dresdens größtem Park so viele Bäume gefällt werden wie noch nie. Hightech soll dem Baumsterben zukünftig Einhalt gebieten.

Neue Götterskulptur für Großen Garten

Neue Götterskulptur für Großen Garten

Ein Steinbildhauer fertigt nach historischem Vorbild Silen mit dem Bacchusknaben. Worauf es bei dem Kunstwerk fürs Palais besonders ankommt.

Mit seiner Frau hat Zehrfeld schon an vielen bedeutenden Bauwerken gearbeitet. Im Palais im Großen Garten konservierten sie die letzte originale Stuckmarmorsäule. Im Kleinen Ballsaal des Dresdner Residenzschlosses stellten sie an der Rückwand der Musikerempore den venezianischen Glanzputz wieder her. In den Niederlanden restaurierten die Kunsthandwerker den Stuckmarmor an einem Regierungsgebäude, in der Schweiz römische Mosaiken und an einem Dom in der Nähe des italienischen Udine die Fassade eines Doms. Besonders gern arbeite Zehrfeld natürlich an Kunstwerken in seiner Heimatstadt mit, wie eben jetzt für den Großen Garten.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden